
Seit Jahren gibt es Streit um die „Pille danach“. Soll sie auchrezeptfrei erhältlich sein? Die Zahlen sprechen dafür.
Eigentlich soll die hormonelle Notfallverhütung durch die „Pille danach“ Frauen helfen, ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden. Was aber, wenn der Frauenarzt gerade freihat? In Deutschland wurde das Medikament im vergangenen Jahr knapp eine halbe Million Mal verordnet. Immerhin ein Drittel davon auf dem Weg über ärztliche Notfalldienste und am Wochenende, weil die Bundesbürger dann häufiger Sex haben und manchmal eben auch ungeschützten. Ein weiteres Drittel fiel auf den Montag. Man darf also annehmen, dass viele Frauen nach einer Verhütungspanne wertvolle Zeit verstreichen lassen.
Das ist, streng biologisch betrachtet, keine gute Idee. Das Hormon Levonorgestrel, das in dem seit Jahrzehnten bewährten Präparat PiDaNa steckt, kann eine mögliche Befruchtung nach ungeschütztem Sex nur dann zuverlässig verhindern, wenn es bis zu zwei Tage vor dem Eisprung eingenommen wird. Anschließend wirkt die Pille danach nicht besser als ein Placebo. ellaOne dagegen, die seit 2009 europaweit zugelassene Alternative mit dem Wirkstoff Ulipristalacetat, schützt auch noch am Tag vor dem Eisprung.
In Bayern und Baden-Württemberg am häufigsten verschrieben
Dieser kleine Unterschied ist von Bedeutung. Denn kurz vor dem Eisprung ist die Empfängnisbereitschaft am höchsten. Ein Drittel aller Befruchtungen findet genau an dem Tag statt, an dem levonorgestrelhaltige Pillen den Eisprung nicht mehr aufhalten können. Für beide Pillen gilt, dass sie nach dem Eisprung die Befruchtung nicht mehr sicher verhindern. Das bewirkt allein eine Kupferspirale, die allerdings die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle blockiert, was Lebensschützer ablehnen.
Wie viele Frauen ungewollt schwanger werden, weil sie nach einer Verhütungspanne beim Frauenarzt zwar beraten wurden, die Einnahme der „Pille danach“ auf Rezept aber zu spät kam, hat bisher niemand errechnet. Bekannt ist allerdings, dass 65 Prozent der Frauen, die trotz „Pille danach“ schwanger wurden, ihre werdende Leibesfrucht abgetrieben haben. Wer mithin Leben schützen will, sollte Frauen konsequenterweise auch am Wochenende zeitnahen und niedrigschwelligen Zugang zur Notfallverhütung ermöglichen.
Die Zahlen untermauern das: In den Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg wird die „Pille danach“ vergleichsweise am häufigsten verschrieben, dort gibt es auch die wenigsten Abtreibungen. In den neuen Bundesländern ist es gerade umgekehrt, dort liegt die Abtreibungsrate auffallend höher und die Zahl der Verordnungen deutlich niedriger.
„Das in Deutschland bestehende System funktioniert nicht gut“
Wie es in der Praxis zugeht, weiß der Bochumer Klaus Czort, Geschäftsführer der deutschen Niederlassung von HRA Pharma, die neben PiDaNa auch ellaOne vertreibt. Czort kennt die Hilferufe der Frauen, die bei der Telefon-Hotline des Herstellers anrufen, wenn die Zeit drängt. Selbst Ärzte im Notdienst suchen dort Rat. Denn nicht selten ist es ein Orthopäde oder ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, der am Wochenende Dienst hat. Über den weiblichen Zyklus weiß der im Zweifelsfall kaum mehr als ein ausgebildeter Apotheker, der die Pille danach hierzulande nicht ohne ärztliches Rezept herausgeben darf. Die große Koalition in Berlin ist in dieser Frage gespalten: Nach dem Willen der CDU soll die Rezeptpflicht bleiben, die SPD hat sich für eine Freigabe ausgesprochen.
„Das in Deutschland bestehende System funktioniert nicht gut“, sagt Klaus Czort. Anders als in Österreich beispielsweise, wo die Apotheken Notfallrezepte ausstellen dürfen, die dann mit einem späteren Arztbesuch nach der erfolgten Einnahme verknüpft werden. In den Niederlanden werden Musterbögen verwendet, auf denen Frauen vor der Abgabe in der Apotheke die wichtigsten Fragen beantworten müssen. So kann auch der Apotheker rasch einschätzen, ob der sofortige Einsatz der „Pille danach“ sinnvoll ist oder lieber der Besuch beim Arzt abgewartet werden sollte.
In den vergangenen Tagen machte nun die Nachricht die Runde, dass die Europäische Arzneimittelbehörde in Erwägung zieht, die Rezeptpflicht für ellaOne europaweit aufzuheben. Derzeit werden noch alle Meldungen über mögliche Nebenwirkungen des Wirkstoffs Ulipristalacetat ausgewertet. Er wurde bisher weltweit rund zwei Millionen Mal angewendet. Nach einer im Januar 2014 in der Zeitschrift Contraception erschienenen Studie sind dabei keine quantitativen oder qualitativen Unterschiede zwischen den beiden verfügbaren Präparaten festgestellt worden.
Worauf Frauen vor der Einnahme einer Pille danach generell achten sollten, ist ihr Gewicht. Die Europäische Arzneimittelbehörde diskutiert derzeit darüber, ob der Beipackzettel künftig um den Warnhinweis ergänzt werden sollte, dass die Wirkung der Notfallverhütung mit Levonorgestrel bei übergewichtigen Frauen mit einem Body-Mass-Index von über 25 verlorengeht. Bei ellaOne ist das erst ab einem BMI von über 30 der Fall.
