
Eine neue Art von Vaginalringen soll nicht nur vor ungewollten Schwangerschaften, sondern auch vor HIV-Infektionen schützen. Für Frauen aus Ländern mit hohen Infektionsraten eine vielversprechender Ansatz.
Trotz aller Fortschritte in Therapie und Aufklärung bleibt HIV der tödlichste Krankheitserreger weltweit. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO starben allein im Jahr 2012 mehr als 1,6 Millionen Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Virus, 2,3 Millionen steckten sich neu an. Frauen sind besonders gefährdet: In manchen Regionen mit hoher Durchseuchung – wie den afrikanischen Ländern südlich der Sahara – ist ihr Infektionsrisiko bis zu acht mal höher als bei Männern. Eine neue Präventionsmethode, die eine US-Amerikanischen Forschergruppe um den Chemiker Patrick Kiser in der Zeitschrift PLOS-One beschreibt, könnte Frauen in Zukunft die Möglichkeit geben, sich besser vor der Krankheit zu schützen.
Die Methode basiert auf einem bewährten Prinzip, das für die Empfängnisverhütung seit Jahren Anwendung findet: Ein Kunstoffring wird in die Vagina eingeführt und gibt über einen langen Zeitraum eine gleichbleibende Menge an Wirkstoffen ab. Die Forscher stellten nun einen Ring her, der neben verhütenden Hormonen auch das antiretrovirale Medikament Tenofovir freisetzt. Diese Substanz blockiert einen Schlüsselmechanismus des HI-Virus, ohne den seine Erbinformation nicht in das Genom der Wirtszellen eingebaut werden kann – damit wird verhindert, dass sich die Viren im Körper vermehren. Ein willkommener Nebeneffekt von Tenofovir ist der zusätzliche Schutz vor Herpes-simplex-Viren.
Tenofovir schützt vor Neuinfektion
Bereits seit 2001 wird das Medikament in Kombination mit anderen Präparaten zur Therapie von HIV-Patienten verwendet. In Experimenten mit Makaken konnte gezeigt werden, das der Wirkstoff zu hundert Prozent vor einer Neuinfektion mit HIV schützt . Bisherige Versuche, Tenofovir auch beim Menschen für die Prävention zu verwenden, scheiterten jedoch an der Verabreichungsmethode, schreiben die Wissenschaftler. Eine Pille zu schlucken oder ein vaginales Gel vor und nach jedem Geschlechtsverkehr einzuführen, sei von den Testpersonen nicht regelmäßig genug angewendet worden, um einen ausreichenden Schutz zu gewährleisten. Durch den Vaginalring müssten sich die Frauen dagegen über drei Monate hinweg nicht mehr um die Dosierung des Wirkstoffs kümmern. Die lokale Freisetzung am Eintrittsort der Viren erfordere zudem eine wesentlich geringere Menge des Medikaments. Darüberhinaus erhoffen sich die Forscher durch die Integration der verhütenden Hormone eine zusätzliche Motivation, den Ring zu verwenden.
Die Kombination von Verhütung und HIV-Schutz war dabei das größte Problem für die Entwicklung der Apparatur: Das verwendete Schwangerschaftshormon Levonogestrel unterscheidet sich in seiner Dosierung und seinen chemischen Eigenschaften stark von dem antiviralem Wirkstoff. Die Wissenschaftler suchten fünf Jahre nach Kunststoffen, die beide Substanzen aufnehmen und sie anschließend in der jeweiligen Dosis im Köper wieder freisetzen können. Fündig wurden sie in einer speziellen Kombination aus zwei Polyurethanen, mit denen sie im Tierversuch zeigen konnten, dass die zwei Medikamente über 90 Tage hinweg in der gewünschten Menge austreten. Im Sommer diesen Jahres starten damit die ersten klinischen Versuche am Menschen, bis zur Marktreife werden aber noch mindestens fünf Jahre vergehen, meint Patrick Kiser. Doch seine Arbeitsgruppe hat Konkurrenz: Eine Kollaboration mehrerer Forschungseinrichtungen unter der Schirmherrschaft des US-amerikanischen nationalen Gesundheitsinstituts (NIH) erprobt bereits in der dritten klinischen Phase einen Ring, der mit Dapivirin ein anderes antivirales Mittel freisetzt. Mehr als 5000 Frauen nehmen in Afrika an der Studie teil. Im Gegensatz zu Tenofovir ist Dapivirin jedoch noch von keiner Arzneimittelbehörde zugelassen worden.
Kein Ersatz für Kondome
Generell sei der Einsatz der Ringe sehr zu begrüßen, sagt Norbert Brockmeyer, Präsident der deutschen STI-Gesellschaft und HIV-Experte an der Dermatologischen Klinik der Ruhr-Universität Bochum. „Damit lässt sich eine deutliche Verbesserung der Wirksamkeit erreichen, denn verglichen mit anderen Applikationen, wie einem Vaginalgel, ist es für die Patienten viel leichter, die richtige Medikation einzuhalten.“ Gerade für Länder mit hoher Prävalenz, in denen ein großer Teil der Bevölkerung mit HIV infiziert ist, sieht Brockmeyer großes Potential für die Methode, insbesondere da auch ein Schutz vor Herpes-Viren erzielt wird. Gleichzeitig müsse jedoch der Hinweis einer Doppelstrategie bestehen bleiben, so der Mediziner. Der Gebrauch von Kondomen darf durch die Ringe nicht ersetzt werden, denn vor einer Vielzahl anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wie Syphilis, Trichomonaden oder Gonorrhö schützen die Ringe nicht. Entscheidend sei auch, ob die Wirkkonzentrationen ausreichen, um auch bei zu Analsex zu schützen, meint Brockmeyer.
Für die Wissenschaftler um Patrick Kiser ist die Kombination aus Empfängnisverhütung und HIV-Prävention der entscheidende Faktor, um von möglichst vielen Frauen angewendet zu werden. In Entwicklungsländern sind es mehr als 222 Millionen, die laut WHO noch oder gar keine Kinder bekommen möchten. „Der Großteil der Frauen wird unseren Ring in erster Linie zur Verhütung verwenden, sich damit aber nebenbei auch vor HIV schützen“ prophezeit Kiser. Seine Ringe würden nach derzeitiger Berechnung etwa 10 Dollar kosten, mit der Weiterentwicklung der Herstellungsverfahren könnte er sie jedoch noch erheblich billiger anbieten. Damit scheint eine großflächige Anwendung in ärmeren Ländern durchaus realistisch. Kiser sieht in seinem Produkt jedoch auch für den europäischen Markt ein Geschäftsmodell: Kunststoffe, die zwei Substanzen mit so unterschiedlichen physikalischen und chemischen Eigenschaften an den Körper abgeben, könnten auch für eine breite Palette anderer Wirkstoffe eingesetzt werden.
