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Fitnessbänder statt Gruppendiät

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Die berühmten Treffen von Weight Watchers verlieren an Bedeutung. Abnehmwillige setzen auf Technologie statt persönliche Betreuung. Wie das Traditionsunternehmen die Wende schaffen will.

Es begann vor mehr als 50 Jahren in einem Wohnzimmer im New Yorker Stadtteil Queens. Jean Nidetch, eine übergewichtige Hausfrau mit ausgeprägter Vorliebe für Kekse, hatte schon viel ausprobiert, um abzunehmen. Ihr kam die Idee, ein paar Leidensgenossinen mit ähnlichen Gewichtsproblemen zu sich nach Hause einzuladen. Die Gruppenatmosphäre half, Nidetch verlor mehr als 30 Kilo, und der Erfolg sprach sich herum. Bald wollten Hunderte von Frauen teilnehmen, und es entstand das Unternehmen Weight Watchers als Anbieter solcher Treffen zum Abnehmen in der Gruppe.

Das Konzept kam in Amerika gut an und auch anderswo. Schon 1970 gab es das erste Weight-Watchers-Treffen in Deutschland, in der Wohnung von Irmgard und Walter Mayer in Düsseldorf. Heute versammeln sich jede Woche Hunderttausende von Menschen auf der ganzen Welt, um nach den Anleitungen von Weight Watchers gegen ihre Pfunde anzukämpfen.

Wenig Hoffnung auf baldige Besserung

Während viele andere Diättrends gekommen und wieder verschwunden sind, hat sich Weight Watchers über all die Jahrzehnte als Anlaufstelle für Abnehmwillige behauptet- mit einem Konzept, das keine Wunderkuren verspricht, sondern auf kontrollierten, langfristigen und nicht allzu radikalen Gewichtsverlust setzt.

Nun aber ringt die Traditionsmarke in der Diätbranche auf einmal um ihre Relevanz. Vor wenigen Tagen legte das Unternehmen katastrophale Geschäftszahlen vor. Die Weight-Watchers-Treffen hatten demnach 2013 nur noch knapp 43 Millionen Teilnehmer, im Vorjahr waren es noch fast 51 Millionen. Der Umsatz ist allein im Schlussquartal um 11 Prozent abgestürzt.

Es war ein desolater Abschuss eines turbulenten Jahres, in dem das Unternehmen seinen Vorstandsvorsitzenden ausgewechselt und seine Dividende gestrichen hat. Der jetzige Vorstandschef Jim Chambers macht auch wenig Hoffnung auf eine baldige Besserung: „Der Jahresbeginn stellt sich als so schwierig heraus wie erwartet, wenn nicht sogar noch schwieriger,“ sagte er.

Billige Apps ersetzen die persönliche Betreuung

Das ist eine ernüchternde Bestandsaufnahme, zumal der Jahreswechsel und die damit verbundenen guten Vorsätze vieler Menschen üblicherweise Hochsaison für die Diätbranche sind. Und die Zielgruppe ist groß: In den Vereinigten Staaten, dem mit Abstand wichtigsten Markt von Weight Watchers, sind laut Regierung mehr als zwei Drittel aller Erwachsenen übergewichtig, davon wird rund die Hälfte sogar als fettleibig eingestuft.

Die Wall Street zeigte sich schockiert von den Zahlen und dem trüben Ausblick von Weight Watchers: Der Aktienkurs stürzte innerhalb eines Tages um 28 Prozent ab. In den vergangenen zwölf Monaten hat die Aktie nun mehr als die Hälfte an Wert verloren. Weight Watchers ist zu einem weiteren Fall eines Unternehmens geworden, dessen Geschäftsmodell im Internet- und Smartphone-Zeitalter in Frage gestellt wird.

Lange hat der Ansatz von Weight Watchers, bei dem persönliche Betreuung im Mittelpunkt steht, gut funktioniert. Aber heute nutzen Menschen oft billige oder kostenlose Anwendungen („Apps“), um ihre Ernährung und ihre Fitness zu kontrollieren. Auch die immer beliebteren Fitness-Armbänder werden zu einer Konkurrenz für traditionelle Diätunternehmen. Diese Geräte, die von Herstellern wie Fitbit, Jawbone oder Nike kommen, können Kalorienzufuhr und -verbrauch messen, sportliche Aktivitäten analysieren oder Aufschluss über Schlafgewohnheiten geben.