Gesellschaft

Ein halbes Jahrhundert für die Rente

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Die abschlagsfreie Rente mit 63 soll im Juli Gesetz werden. Ökonomen warnen vor enormen Mehrkosten, junge Arbeitnehmer fühlen sich benachteiligt. Zwei angehende Rentner hingegen sind überzeugt: Den Ruhestand haben sie sich hart erarbeitet.

Wenn Hans-Werner Gehrke im Sommer in Rente geht, wird er fast ein halbes Jahrhundert im Industriepark Höchst gearbeitet haben. Sein Onkel vermittelte den damals 15 Jahre alten Schulabgänger an einen Betrieb der Hoechst AG, der Feuerlöschmittel und Baustoffe herstellte. Und Gehrke blieb. Sein ganzes Arbeitsleben hat er zwischen Schornsteinen und Backsteingebäuden verbracht. Er erlebte mit, wie durch die Ölkrise in den siebziger Jahren die Auftragslage dünn wurde, sah Fabrikgebäude in den Himmel wachsen, beobachtete, wie Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzten und die Sicherheitsregeln strenger wurden. Ein wenig Wehmut verspürt Gehrke deshalb schon. „Im Industriepark fühle ich mich ein Stück weit zu Hause“, sagt er und rückt den blauen Helm auf seinem Kopf gerade. Doch schnell fügt er hinzu: „Mein Leben lang habe ich für ein Ziel hart gearbeitet: den Ruhestand.“

Wenn Gehrke im Juli seinen 63. Geburtstag feiert, hat er fast 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt. Damit kommt er in den Genuss einer Gesetzesnovelle, die die Bundesregierung „abschlagsfreie Rente mit 63“ nennt. Wer mit Vollendung seines 63. Lebensjahrs mindestens 45 Beitragsjahre vorweisen kann, darf ohne Abschläge in Rente gehen. Die bislang geltenden Abzüge sind hoch. Bisher verringert sich die Rente für jedes Jahr, das Arbeitnehmer vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand gehen, um 3,6 Prozent – ein Leben lang. Im Juli soll das neue Gesetz in Kraft treten, die Zustimmung des Bundestags ist aufgrund der überwältigenden Regierungsmehrheit sicher.

Er wollte immer Schlosser werden

Gehrke ist stolz auf das, was er geleistet hat. Auf die Wochen und manchmal Monate, in denen er zur Arbeit gegangen ist, auch wenn es draußen bitterkalt war oder es Ärger im Betrieb gab. Als Jugendlicher habe er immer Schlosser werden wollen, erzählt er. Nach der Schule kam die Vermittlung durch seinen Onkel, er übernahm Hilfstätigkeiten im Labor des Löschmittelherstellers. An eine berufliche Ausbildung habe er bald nicht mehr gedacht, er habe schließlich gut verdient. „Ich habe von meinen Kollegen alles gelernt, von A bis Z.“ Irgendwann trauten ihm seine Chefs mehr zu. Aus dem Hilfsarbeiter wurde ein Produktprüfer. Nach zehn Jahren im Labor wechselte Gehrke schließlich in die Produktion. Er mischte Feuerlöschmittel nach Rezept, zwanzig Jahre lang. Eine anstrengende, aufreibende Arbeit sei das gewesen: Gefüllte 200-Liter-Fässer habe er von Hand durch die Produktionshalle gerollt, oft habe er den ganzen Tag über eine Staubmaske gegen Quarzmehl tragen müssen. Trotzdem, er habe den Job gemocht.

Dann machte der Betrieb zu, Gehrke ging zu einer anderen Firma im Industriepark, die Wachse zur Produktion von Autolacken und Kunststoffen herstellt. Seitdem koordiniert er dort den Versand der Produkte, nimmt Waren entgegen, kümmert sich um die Verteilung von Arbeitsschutzmitteln wie Staubmasken. Mittlerweile ist er der dienstälteste von knapp 80 Mitarbeitern. Nun, sagt Gehrke, habe er genug gearbeitet. Die stickigen Räume, die lauten Maschinen – seine Arbeit sei oft unangenehm gewesen. Die abschlagsfreie Rente mit 63 findet er deshalb völlig berechtigt: „Den früheren Eintritt haben diejenigen verdient, die viel und lange gearbeitet haben.“ Nicht das Alter dürfe zählen, sondern nur die Zeit, in der Arbeitnehmer in die Rentenkasse eingezahlt hätten.