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Sturz eines Mächtigen

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Der französische Rüstungs- und Medienunternehmer Serge Dassault ist in Polizeigewahrsam genommen worden. Dem Milliardär wird vorgeworfen, er habe Stimmen gekauft, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen.

Der Rüstungs- und Medienunternehmer Serge Dassault, einer der mächtigsten Männer Frankreichs, ist seit Mittwochmorgen in Polizeigewahrsam in Nanterre bei Paris. Der 88 Jahre alte Großindustrielle soll Wählerstimmen gekauft haben – um sich einen Kindheitswunsch zu erfüllen und wie sein bewunderter Vater als erfolgreicher Politiker auftreten zu können.

1995 hatte Dassault den Bürgermeisterposten in der im Süden von Paris gelegenen Vorstadt Corbeil-Essonnes errungen. Der Ort besteht größtenteils aus Sozialbauwohnungen, die in den siebziger Jahren schnell in die Höhe gebaut wurden. Die soziale Mischung in Corbeil-Essonnes gilt weiterhin als explosiv, jeder fünfte Schulabgänger findet keine Arbeit, der Einwandereranteil liegt weit über dem Landesdurchschnitt.

Bestechungsvorwürfe gab es schon lange

Lange gaben die Bewohner der Trabantenstadt, wenn sie überhaupt zur Wahl gingen, ihre Stimme der Linken. Doch 1995 kam der Wechsel. Corbeil-Essonnes wurde zur „Dassault-City“. Der Bürgermeister war für seine Wohltaten und die Spendierlaune bekannt, wenn bei städtischen Projekten wie einer Schwimmbadrenovierung oder einem neuen Spielplatz die öffentliche Kasse leer war.

Schon bei der Wiederwahl Serge Dassaults 2008 kam das Gerücht der Bestechung auf. Der Milliardär sollte Wähler für ihre Stimme bezahlt haben. Das höchste Verwaltungsgericht bestätigte damals den Verdacht, annullierte die Wahl Dassaults in Corbeil-Essonne und entzog ihm für ein Jahr das passive Wahlrecht. Im Senat, der zweiten Parlamentskammer, konnte er weiterhin tagen. Dassault machte kurzerhand seinen Adlatus Jean-Pierre Bechter zu seinem Nachfolger im Rathaus von Corbeil. Gegen Bürgermeister Bechter läuft bereits ein Strafverfahren wegen Stimmenkaufs und Wahlbetrug.

„Gelassen und furchtlos“ ins Verhör

Jetzt aber holt auch Serge Dassault die alte Geschichte wieder ein. Zeugen sagten aus, Dassault habe zwischen 20 und 400 Euro pro Wählerstimme gezahlt, über Hintermänner, die im weitesten Sinnen dem kriminellen Milieu zuzurechnen waren. Angeblich soll Dassault über einen dieser Hintermänner namens Fatah Hou auch in einen Mordanschlag verstrickt sein. Hou hat eine Klage gegen den früheren Bürgermeister wegen „Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung“ angestrengt. Dassault hielt dem entgegen, er habe niemals Stimmen gekauft. Die Geldspenden seien „nur als Hilfe für die von mir verwalteten Bürger“ gedacht gewesen, ließ er über seine Anwälte wissen.

Lange schützte Dassault die parlamentarische Immunität als Senator vor weiteren Ermittlungen. Doch in der vergangenen Woche hob der Senat diese Immunität mit den Stimmen der Linken auf. Dassaults sei „gelassen und furchtlos“ in das Polizeiverhör gegangen, teilte sein Anwalt am Mittwoch mit. „Er ist nicht panisch, er hat sich nichts vorzuwerfen“, sagte Anwalt Pierre Haik.

Die ermittelnden Untersuchungsrichter sehen das anders. Sie haben bei Hausdurchsuchungen belastendes Material gefunden. Dassault soll auch einem Zeugen gegenübergestellt werden, der ihn schwer belastet.

Vermögen mit Tradition

Die Dassaults verfügen über das fünftgrößte Vermögen Frankreichs. Die Goldgrube der Familienholding ist der Businessjet-Hersteller Falcon, der jene feinen, mit viel Leder, Edelholz und Komfort ausgestatteten Flugzeuge baut, die Millionäre wie Minister gleichermaßen schätzen. Dassault gehört zudem die Mehrheit der Anteile an Dassault Systems, einem erfolgreichen IT-Unternehmen.

Auf die drei Standbeine Rüstungs- und Flugzeugbau, Medien und Politik hatte schon Dassaults Vater Marcel gesetzt, der in Frankreich als industrielle Gründergestalt verehrt wird. Marcel Dassault, der damals noch Bloch hieß, hatte im Ersten Weltkrieg Propeller und eine Zweisitzer-Maschine und im Zweiten Weltkrieg Jagdflugzeuge der Bloch MB.150-Reihe und Aufklärungsbomber „Bloch 1974“ für die französische Luftwaffe gebaut.

Zu den finsteren Zeiten der Familiengeschichte, die auch Serge Dassault tief geprägt haben, zählt die Verfolgung durch die Gestapo im besetzten Frankreich. Marcel Bloch wurde im August 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Gerettet wurde der Gründer des Milliarden-Imperiums damals von einem Kommunisten.

Dassault weigert sich, seine Nachfolge zu organisieren

Über das Haus der Familie Bloch (Dassault) wachte in der Zeit der Verfolgung die Familie Chirac. So hat es Jacques Chirac in seinen Memoiren berichtet. Selbstverständlich, dass bei solchen Kindheitserlebnissen zwischen Serge Dassault und Jacques Chirac eine unzerbrechliche Freundschaft erwuchs.

Gerüchte besagen, dass Serge unter seinem als genialer Erfinder und Geschäftsmann gerühmten Vater immer etwas gelitten habe, besonders aber unter der Tatsache, dass dieser bis im hohen Alter von 94 Jahren die Firmenleitung nicht abzugeben gedachte. Wie dem auch sei, Serge Dassault eifert auch hierin seinem übermächtigen Vater nach und bringt seine vier längst erwachsenen Kinder fast zur Weißglut, indem er sich weigert, seine Nachfolge zu organisieren. Nun mutmaßen viele, dass ein Strafverfahren Dassaults Rückzug aus dem Imperium beschleunigen könnte.