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Yvette van Boven will keinen Michelin-Stern. Lieber denkt sie sich Rezepte aus, die jeder nachkochen kann. Und die wirklich gelingen. Eine Begegnung.

Yvette van Boven ist niemand, der die Dinge unnötig verkompliziert. Wenn man die Köchin treffen möchte, schlägt sie zum Beispiel einen Ort in der Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofes vor. „Kommen Sie mit dem Zug? Geben Sie mir einfach Bescheid, und ich kümmere mich um alles.“ Aber natürlich kann man eine Köchin nicht irgendwo treffen, in irgendeinem nichtssagenden Café am Hauptbahnhof. Es sollte schon ein Ort sein, der ihr etwas bedeutet. Ihr eigenes Restaurant hat um diese Uhrzeit geschlossen. Dann also: „Nehmen Sie die Fähre. Sie legt gleich hinterm Hauptbahnhof ab. Wenn Sie da sind, laufen Sie sieben Minuten geradeaus, folgen Sie einfach der Straße.“ Präziser geht es nicht. Sich anhand dieser Beschreibung zu verlaufen, ist fast unmöglich. „Wir treffen uns im ,Jacques Jour‘. Ich habe die Speisekarte entworfen.“

Die Niederländerin hat auch das Logo kreiert, einen Monsieur von einem Koch, um ihn herum ein paar sympathische Rotweinflecken plaziert. Das Logo presst jetzt, an einem verregneten Vormittag im Januar, hier im Norden von Amsterdam, eine junge Kellnerin mit einem passenden Stempel auf Papiertischdecken, als durch die schwere Tür und an den schlammgrün gestrichenen Wänden vorbei Yvette van Boven hereinspaziert, ganz in Schwarz gekleidet, an den Beinen eine Strumpfhose mit Querstreifen in Weiß und Schwarz, in der Hand eine Hundeleine. „Das ist Marie“, sagt van Boven und zeigt auf den kleinen Foxterrier. Van Boven rückt einen wackeligen Holzstuhl zurecht, der in einer Grundschule der sechziger Jahre gestanden haben könnte, und setzt sich zum Gegenüber.

Auf Augenhöhe hat sie auch ihren Platz in den Küchen ihrer Leser. Yvette van Boven kann sich mit keinem Michelin-Stern schmücken, will sie auch gar nicht. Wenn Promis in der Stadt sind, würden die wahrscheinlich auch nicht ihr Restaurant „Aan De Amstel“ besuchen, da ist eh nur Platz für etwa dreißig Gäste. Van Boven ist keine Jahrhunderterscheinung. Aber sie spricht anderen aus der Seele. Van Boven ist da. Sie schreibt Kolumnen, koordiniert Essensseiten, sie lebt in Amsterdam und Paris. Sie hat ihr Restaurant. Am liebsten und vor allem aber schreibt sie Kochbücher. Sie bebildert ihre Bücher, nach drei „Home Made“-Bänden für Sommer und Winter sitzt sie nun an einem Backbuch, auch mit eigenen Zeichnungen. Die sind nicht perfekt, sollen sie ja überhaupt nicht sein.

Ihre Eintöpfe, Teigtaschen und Crumble-Kuchen sehen selbst auf den matten Buchseiten nicht aus, als seien sie von einer Profiköchin zubereitet worden. Wer sich in die Küche stellt und nachkocht, erlebt eine Überraschung: Das Ergebnis sieht tatsächlich aus wie das abgebildete Gericht. „Komplizierte Rezepte schrecken die Leute doch sofort ab“, sagt van Boven. „Rezepte mit zu vielen unbekannten Zutaten, für die man Geräte braucht, die man nicht im Haus hat. Normale Leute besitzen keine Eiscreme-Maschine, sondern müssen mit Messer und Schneidebrett arbeiten. Da möchte ich sie abholen.“

Deshalb bereitet van Boven die Gerichte für ihre Bücher auch absichtlich in ihrer Küche in Paris zu, einer kleinen Zweitküche, die nicht mit der Ausstattung ihrer Amsterdamer Wohnung zu vergleichen sei. „In Paris habe ich lediglich einen kleinen Ofen, und ein Rührgerät mit nur einem Stab.“ Van Boven besitzt auch keinen Pizzastein und weiß trotzdem, wie der Pizzaboden gelingt: „Wir nehmen zwei doppelt gebrannte Fliesen aus der Abstellkammer.“