
In einem beeindruckenden Tempo ist Sebastian Kurz von der Witzfigur zum Hoffnungsträger der ÖVP aufgestiegen. Als Außenminister hat der 27 Jahre alte Österreicher nun die Ernsthaftigkeit für sich entdeckt.
Sebastian Kurz ist ein Händeschüttler. Ob es ihm noch unbekannte Mitarbeiter sind oder die Catering-Service-Kolonne im Ministerium, der Pförtner, der Wachmann, der Journalist, ein Botschafter des eigenen Landes: Wer ihm in die Reichweite gerät, dem wendet er sich zu, lächelt höflich, beugt leicht den Rücken, ergreift die Hand. Es ist die Art eines Politikers beim Netzwerkknüpfen, nicht eines ministerialen Vorgesetzten. Die Vertreterin eines benachbarten kleinen Landes tippt er in einer diplomatisch ungewöhnlichen, aber entwaffnend herzlichen Weise von hinten an, um, natürlich, auch ihre Hand zu schütteln.
Dann blickt er in den Saal, der sich zügig mit einer Hundertschaft von Botschaftern samt ihren Adlaten gefüllt hat, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn jetzt nicht ein Herr mit der leicht kehligen Klangfärbung eines Eidgenossen durchs Mikrofon dazu aufriefe, Platz zu nehmen, damit die 982. Plenarsitzung des Ständigen Rats der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beginnen kann. „Mit besonderer Freude“ begrüßt der Vorsitzende als heutigen Ehrengast den neuen Außenminister der Republik Österreich: Sebastian Kurz.
Seit gut sechs Wochen bekleidet der Politiker der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) dieses Amt, und an zu schüttelnden Händen hat es nicht gefehlt. Sechs Auslandsreisen hat er in dieser Zeit bereits unternommen, darunter nach Brüssel, wo er sich beim Ministerrat sämtlichen Amtskollegen in der Europäischen Union vorstellen konnte, und nach Berlin. Die Resonanz war beachtlich. Welcher Außenminister eines kleineren europäischen Partners wird schon beim Antrittsbesuch in Deutschland in den Hauptnachrichten im Fernsehen ebenso wie im verbreitetsten Boulevardblatt interviewt? Der Grund für die allgemeine Neugier ist schlicht sein Alter. Kurz ist erst 27.
Er beobachtet mit Neugier
Der neue Außenminister weiß, dass jeder das weiß. Er versucht nicht, diesem Thema auszuweichen, sondern geht offensiv und scherzhaft damit um. „Ich versichere Ihnen, dass nicht jeder in der neuen österreichischen Regierung so jung ist“, sagt er den versammelten OSZE-Botschaftern. Bei den EU-Kollegen hat er das schon einmal mit Erfolg angebracht. Es ist ein Auflockerungsversuch in einer stark von Ritualen geprägten Runde. Nach ihm spricht der amerikanische Vertreter, darauf natürlich der Russe. Später spricht der Aserbaidschaner, dann hat natürlich auch der Armenier etwas zu sagen. Kurz wird auf diese Spielchen vorbereitet worden sein. Er beobachtet sie mit Neugier, während Älteren schon bald die Augen zufallen zu wollen scheinen.
Als während der Koalitionsverhandlungen der Kanzlerpartei SPÖ und der ÖVP das Gerücht aufkam, Kurz könnte als Außenminister vorgesehen sein, damit der ÖVP-Vorsitzende Michael Spindelegger als Vizekanzler in das Finanzressort wechseln könne, war erst einmal allerlei Knirschen zu vernehmen. Über kopfschüttelnde Botschafter und aufgeregte Sektionschefs wurde berichtet: Er hat ja noch nicht mal sein Jurastudium abgeschlossen! Inzwischen attestieren ihm altgediente Diplomaten, er mache seine Sache sehr professionell, sei lernfähig und lernwillig. Der Glanz, der von diesem Interesse ausgeht, fällt auch auf das Haus, das dies dankbar aufnimmt. Spindelegger, in die Machtkämpfe seiner Partei verstrickt, hatte seinen Diplomaten nicht immer den Eindruck vermittelt, als interessiere er sich wirklich für ihre außenpolitischen Agenden.
Seine erste kleine politische Krise hat Kurz gerade glücklich bewältigt. Eine junge Frau aus Wien, die in Dubai eine Vergewaltigung angezeigt hatte, war plötzlich selbst in dem arabischen Land von einer Anklage wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs bedroht. Botschaft und Konsularabteilung stellten Rechtsbeistand und suchten nach diskreten Möglichkeiten, die Frau aus dem Land holen. Letzte Woche schwoll plötzlich eine Online-Petition zur Freilassung der Frau mit 260.000 Unterzeichnern zu einer Druckwelle an. Das Außenministerium glaubte reagieren zu müssen, damit die Boulevard-Schlagzeilen nicht lauteten, Kurz lege die Hände in den Schoß. Daraufhin machte man öffentlich, dass ein Krisenteam bereits entsandt worden sei. Das war während laufender Verhandlungen ziemlich riskant. Doch die Sache ging glücklich aus. Am Donnerstagabend konnte Kurz die Frau am Flughafen Wien-Schwechat in Empfang nehmen, machte aber nicht viel Aufhebens darum.
