
Für das Klima zu wenig und in der Führung zu schwach. Hans Joachim Schellnhuber, einer der einflussreichsten Klimaforscher, Berater der Kanzlerin und des Kommissionspräsidenten, zum neuen EU-Kurs.
Ist Europa mit dem moderaten Ziel 40 Prozent Reduktion der Kohlendioxidemission bis 2030 gegenüber 1990 vor der Industrie in die Knie gegangen?
Schellnhuber: Darüber kann man streiten. Mich interessiert zuerst die Frage, ob es ein Meilenstein ist auf dem Weg zur Stabilisierung des Weltklimas, gemessen an dem, was erreichbar wäre. 40 Prozent Kohlendioxidreduktion sind so gesehen am unteren Ende dessen, was man noch als ein akzeptables Ambitionsniveau ansehen kann. Es ist technisch und wirtschaftlich sicher machbar. Man hätte mit den bestehenden Maßnahmen aber schon 32 Prozent erreicht. 40 Prozent ist politisch also nicht sehr ambitioniert, es ist allerdings auch keine Katastrophe. 35 Prozent wäre Stagnation gewesen, da hätte man international nicht mehr auftreten können.
Hat man die Führungsrolle endgültig aufgegeben, wie viele Klimaschützer beklagen?
Das neue Ziel ist die schwächste Version einer europäischen Führungsrolle, die man sich auf dem Weg hin zu einer kohlenstoffarmen Welt vorstellen kann. Es ist ein Kompromiss, der die Wettbewerbsfähigkeit in den Vordergrund stellt. Er ist sicher das Ergebnis der europäischen Wirtschaftskrise, und ein Versuch, das Trauma einigermaßen zu adressieren und gleichzeitig den Klimaschutz nicht aufzugeben. Das Ziel reflektiert sicherlich auch, dass das Feuer, das in Präsident Barroso brannte, ziemlich erloschen ist. Das heißt nicht, dass sich Europa herausgestohlen hat aus dem Kampf für die Stabilisierung des Weltklimas. Ich selbst halte ein Ziel von 50 Prozent Reduktion bis 2030 für absolut realistisch. Wenn man aber in die Dekarbonisierung einsteigt, sind auch 40 Prozent schon eine Ansage. Damit sind die Weichen gestellt.
Der EU-Kommissionspräsident ist also nicht eingeknickt, sondern vernünftig geworden?
Barroso hört zu, er versteht die Dinge, aber er wirkt erschöpft durch die europäische Krise. Von allen Seiten hört er etwas von Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum. Da gibt es zu wenige, die ihm zur Seite springen und sagen, dass es noch andere Formen des Wachstums gibt. Klimakommissarin Connie Hedegaard kämpft für ihr Klimaziel und ist vielleicht auch einigermaßen zufrieden, aber sie kann nicht dagegen argumentieren, wenn man ständig von anderen Kommissaren wie Herrn Oettinger hört, wie billig die Energie in den Vereinigten Staaten ist. Manuel Barroso hat über viele Jahre wacker gekämpft, zu mehr konnte er sich zum jetzigen Zeitpunkt offensichtlich nicht durchringen.
Sie glauben, das ist vorerst das letzte Wort der EU-Kommission in Sachen Klimaschutz?
Ich sehe Herrn Barroso nächste Woche in seinem Panel for Science and Technology, wir treffen uns viermal im Jahr. Da werde ich ihn ansprechen. Natürlich wäre mehr möglich als 40 Prozent. Aber wenn man sieht, welche Kräfte in Europa zerren, wäre realistisch nur mehr möglich, wenn zwei oder drei Länder wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich sich wirklich stark machen würden für den Klimaschutz. Wenn Deutschland ein Ziel von 50 Prozent anstrebt und dabei unterstützt würde von den beiden anderen Staaten, könnte natürlich mehr herauskommen als 40 Prozent. Aber wenn Europa in die internationalen Klimaverhandlungen mit 40 Prozent geht, ist das immer noch ein Wort, verglichen mit anderen großen Verhandlungsparteien. Politik ist eben auch, Mehrheiten zu organisieren. Deshalb bin ich nicht enttäuscht. In sechzehn Jahren kann noch viel passieren. Ich glaube, dass sich Europa schneller dekarbonisieren wird, als in diesem Fahrplan vorgesehen, denn wir können in den nächsten Jahren mit zusätzlichen technischen und sozialen Innovationen rechnen. Wir wissen, dass ein erneuerbar-effizientes System dem fossil-nuklearen überlegen ist, und zwar nicht einfach nur wegen der kommenden Generationen. Das System geht in etwa in die Richtung, wenn auch momentan deutlich zu langsam. Am Ende wird es kippen und eine Menge Innovationen hervorbringen. Es gibt so viele neue Ideen. Ich setze deshalb nicht nur auf ein Top-Down-Design der Klimapolitik, der Druck hin zu einer kohlenstoffarmen oder –freien Wirtschaft wird sich aufbauen. Es wird möglicherweise bald schneller gehen, als wir uns vorstellen.
Sie halten es also klimapolitisch für gar nicht nötig, alles durch strikte europäische Vorgaben zu regeln. Ist das Ziel einer Erwärmung von maximal zwei Grad mit diesem gebremsten Tempo erreichbar?
