
Die eigene Herkunft kann er zurück bis zu den Wikingern verfolgen, seinen Landsleuten blickt er tief ins Erbgut. Der Isländer Kári Stefanssonist überzeugt: Wir sollten unsere Gene besser kennenlernen.
Wie weit zurück können Sie Ihren eigenen Stammbaum verfolgen?
Stefansson: Bis zu Egill Skallagrímsson. Er wurde im Jahr 910 geboren, als einer der ersten auf Island zur Welt gekommenen Siedler. Vielleicht kennen Sie ihn aus einer der Sagas. Er war ein Dichter, ein Kämpfer – und einer der hässlichsten Männer seiner Zeit.
Was sagt das über Ihre Gesundheit aus?
Nichts. Aber die regionale Herkunft hat sich auf Island besonders deutlich im Erbgut niedergeschlagen, weil viele von uns zu Familien gehören, die über Generationen am selben Ort gewohnt haben. Es gibt sogar Biomarker, die charakteristisch für den Südwesten der Insel sind, und andere, die vor allem im Nordosten vorkommen. Solche Varianten bilden sich im Lauf der Zeit in einem dynamischen Verhältnis zur natürlichen Umgebung aus. Meine Familie hat 1100 Jahre hier gelebt. Ich passe also vermutlich ziemlich gut in die Umgebung dieses abgelegenen, felsigen Eilands im Nordatlantik. Das heißt übrigens nicht, dass ich dieses Land mag. Sondern nur, dass ich gut hierher passe.
Mögen Sie Island denn?
Ich weiß nicht genau. Ich lebe hier, und ich möchte nirgendwo sonst leben. Manchmal mag ich es, manchmal hasse ich es. Vielleicht heißt das nur, dass ich mich selbst nicht besonders gerne mag.
Wie genau kennen Sie Ihre eigenen Gene?
Ich habe mein Genom zweimal sequenzieren lassen. Einmal anhand von DNA aus meinem Blut und einmal mit solcher aus den Wangenknochen- wir wollten herausfinden, ob es nachweisbare Unterschiede zwischen der DNA aus verschiedenen Teilen des Körpers geben würde. Das war nicht der Fall.
Was haben Sie dabei über Ihre persönlichen Krankheitsrisiken herausgefunden?
Mein Genom ist nicht weiter bemerkenswert. Für mich gibt es eine signifikante Wahrscheinlichkeit, an altersbedingter Makuladegeneration zu erkranken. Das ist ein Augenleiden, das zum Erblinden führen kann. Mein Risiko dafür ist sechs- bis achtfach erhöht.
Wie lebt es sich mit diesem Wissen?
Die Frage zielt auf einen der verbreiteten, aber völlig unbegründeten Vorbehalte gegenüber der Genetik. Dabei ist sie überhaupt nichts Geheimnisvolles. Die Genetik macht ein sehr altes Wissen transparenter und detaillierter. Und sie gibt uns die Möglichkeit, dieses Wissen medizinisch zu nutzen. Was wir herausfinden, wissen die Leute doch schon seit Jahrhunderten: dass in ihrer Familie eine bestimmte Krankheit vorkommt, Brustkrebs zum Beispiel, oder Altersblindheit. Das ist nicht nur auf Island so. Ich habe zwanzig Jahre als Neurologe in Amerika gearbeitet, selbst dort wussten die Leute über die Krankheitsgeschichte ihrer Cousins und Großeltern Bescheid. Das Neue ist, dass wir die Familienangehörigen, die diese Krankheiten entwickeln werden, von denen unterscheiden können, die es nicht tun. Wir erlösen also die Hälfte der Bevölkerung von der Furcht, diese Krankheit zu bekommen.
Und machen der anderen Hälfte Angst.
Unsinn. Wir konfrontieren sie mit der unkomfortablen Tatsache, dass sie zu dieser anderen Hälfte gehören. Für viele dieser Krankheiten, vor allem für Krebs, ist eine frühe Diagnose aber besonders wichtig. Sie ist dann kein Urteil mehr, sondern ermöglicht im Gegenteil die Begnadigung von diesem Urteil.
Ein deutsches Unternehmen bietet werdenden Eltern einen Test an, um ihr ungeborenes Kind auf Trisomie 21 zu überprüfen. Das ethische Dilemma, das daraus erwächst, ist nicht zu leugnen. Gibt es nicht doch ein glückliches Unwissen?
Auch in diesem Fall fügt die Genetik dem Leben keine fundamental neue Kategorie hinzu. Eltern wissen schließlich alles Mögliche über ihre Kinder. Wir wissen zum Beispiel, dass alle unsere Kinder eines Tages sterben werden. Das ist eine sehr unangenehme, furchteinflößende, endgültige Gewissheit. Die Frage ist, wie wir unser Wissen nutzen, um die Entscheidungen zu treffen, die wir unablässig fällen müssen. Ich glaube nicht, dass die Entscheidung zu einer Abtreibung schlechter ist, wenn sie sich auf das Wissen stützt, dass der Fötus eine Trisomie 21 aufweist, als wenn sie auf irgendeiner anderen Grundlage fällt. Wissen ist nie eine Behinderung.
