
Die Nikon 1 AW1 sieht unverschämt gut aus und ist unglaublich hart im Nehmen. Als Begleiterin beim Bergwandern, Tauchen oder Skifahren ist sie eine ausgezeichnete Partnerin.
„Schicke Damenkamera“: Das war der erste Gedanke, als uns eine Abbildung einer Nikon 1 AW1 in Silber unter die Augen kam. Packt man die Schönheit dann aus, wird allein schon durch das Gewicht (mehr als ein halbes Kilo betriebsbereit mit dem 1 Nikkor AW 1:3,5-5,6/11-27,5mm, entsprechend 30 bis 74 Millimeter Kleinbildbrennweite) klar: Wir haben es hier mit einer ausgesprochen handfesten spiegellosen Systemkamera zu tun.
Überhaupt nur mal den ganz speziellen Gehäusedeckel vor dem Ein-Zoll-CMOS oder, wie Nikon sagt, CX-Sensor (13,2 × 8,8 Millimeter, 14,2 Megapixel) herunterzubekommen und das Objektiv anzusetzen gerät schon zum kleinen Kraftakt. Den begleitet ein leise schlürfendes Geräusch, als ob man die Tür eines Tresors schließen würde. Das schicke Ding von Damenkamera ist rundherum gedichtet und laut mehrfacher Aufschrift massiv gebaut: wasserdicht bis 15 Meter Tauchtiefe, stoßfest bis zu einer Fallhöhe von zwei Meter, nach IP6X staubdicht und frostfest bis minus 10 Grad Celsius. Aber ehrlich gesagt: Man bringt es einfach nicht übers Herz, diese silberne Eleganz probehalber mal hinzuschmeißen.
Während um das Nikon-1-Bajonett (mittels Adapter an Objektive mit F-Bajonett anpassbar) ein O-Ring dichtet, sind die Klappen vor Akku und Speicherkarte sowie über den Schnittstellen doppelt verriegelt und mit Dichtlippen versehen. Der Aufklapp-Blitz ist es nicht. Offenbar darf zu ihm in sein Fach Feuchtigkeit hinein. Unter den angenehm großen Bedienungsknöpfen sitzen sicher auch Dichtungen, auch unter der besonders locker wirkenden „Action-Control-Taste“. Sie ist etwas Besonderes und sitzt unmittelbar neben dem Daumenpolster, das zusammen mit den diamantierten Flächen auf dem Gehäuse und am Objektiv die so glatt aussehende Kamera sehr schön griffig macht.
Wegen der Action-Control waren und blieben wir hin und her gerissen: Je nach dem, wo man sich in den gelegentlich Dschungelpfaden gleichenden Menüstrukturen einer Nikon 1 befindet, lassen sich bei gedrückter Taste Einstellungsveränderungen durch Neigen der Kamera vornehmen. Es erscheint ein Halbkreis mit mal fünf, mal zwei Optionen sowie ein gelber Zeiger, den man durch die Neigung steuert. Das soll gut sein für den Fall, dass man Outdoorhandschuhe trägt, beim Skifahren oder unter Wasser.
Man kann nun zwar so zwischen Vollautomatik und den unter dem Namen „Creative“ versammelten Betriebsarten, Motivprogrammen und Effektfiltern hin und her schalten. Aber um einen dieser Modi, sei es nun das sehr gut arbeitende Schwenkpanorama oder der Weichzeichner, anzuwählen, zieht man am besten den Handschuh wieder aus. Denn sonst irrt man auf der arg kleinen, ringförmigen Vier-Wege-Wippe rund um den OK-Knopf rettungslos herum. Am praktischsten wäre die Action-Control noch für das schnelle Einschalten größerer Monitorhelligkeit. Doch diese Option wird dummerweise nur geboten, wenn man sich in einem Menü befindet, und nicht etwa, wenn man die Funktion bei der Aufnahme oder zur anschließenden Bildkontrolle auf der gleißenden Ski-Piste gut brauchen könnte.
Einem Autofahrer von der Sorte, dem man in Frankfurt gern „Merder!“ hinterherschreit, war zu verdanken, dass die Nikon 1 AW1 doch noch vom Beifahrersitz in den Fußraum des Wagens knallte. In so einem Fall muss man mehr um die Knochen von Passagieren als um diese Kamera fürchten. Robust ist sie, keine Frage, und sie macht auch sehr ordentliche Bilder, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass sie einen kleineren Sensor als andere Spiegellose hat. Unter den Robustkameras für draußen lässt sie andere, die eher in die Kategorie „Armierte Kompaktkamera“ gehören, mit ihrer Bildqualität deutlich hinter sich. Sie hat alles mögliche an Bord: Vom Tiefen- und Höhenmesser über die Unterstützung von GPS und Glonass bis zur Möglichkeit, durch Zubehör über ein Smartphone fernsteuerbar zu sein und Zugang zum Internet zu finden ist alles da. Den Kontakt zum Smartphone stellt ein Adapter her, der nach Öffnen einer der wasserdichten Klappen angesetzt werden kann. Und diese Kamera, die in der ausprobierten Konfiguration für unter 700 Euro (Preisempfehlung: 799 Euro) zu haben ist, sie ist schnell, da kann man wahrhaftig nicht meckern.
Ob man Funktionen wie den kurzen Videoschnappschuss, ein Kürzest-Filmchen, das man sich dann mit unterschiedlicher Musikuntermalung anschauen kann, oder die Bildserie, aus der die Kamera den besten Schuss wählt und anbietet, ob man solche Nicht-Notwendigkeiten mag oder nicht, ist kaum eine Frage des Geschlechts. All das macht die Nikon 1 AW1 keineswegs zu einer weniger ernstzunehmenden „Damenkamera“. Es gibt einfach genug Spielpeter.
