
Ein Profi-Ausstatter baut In-Ear-Hörer, an denen auch das Publikum Spaß hat. Der Spaß ist freilich nicht billig.
Viele Rockstars alter Schule teilen heute das traurige Schicksal des späten Beethoven: Sie hören nicht mehr viel und brauchen daheim eine sehr, sehr laute Klingel. Denn als die ergrauten Herren noch ihre wilden Zeiten hatten, ließen sie sich auf der Bühne von Monitor-Lautsprechern umwehen, um ihre eigene Stimme wahrnehmen zu können. Und diese Schallwerfer mussten stets noch lauter röhren als der Rest des akustischen Infernos – mit unvermeidlichen Langzeitfolgen. Heute ist das alles anders: Von Madonna bis Pink: Sie alle tragen zierliche Kopfhörer, die das Außenohr mit maßgefertigten Anpassungen komplett abschließen, um mit erträglichen Pegeln und hoher Klangtreue zu Gehör zu bringen, was das Mikrofon einfängt.
Solche individuellen Anfertigungen sind nicht für ein Taschengeld zu haben- in der HiFi-Welt haben sie sich deshalb, von wenigen Vertriebsversuchen abgesehen, nie wirklich etabliert. Ultimate Ears, ein amerikanischer Ausrüster für Profi-Musiker, der aber auch die HiFi-Kundschaft für sich entdeckt hat, will das ändern und bietet seine Maß-Kollektion jetzt auch Kunden an, die Konzerte eher vor der Bühne erleben. Die In-Ear-Monitore, wie der Hersteller sie nennt, kann man bei Musikalien-Händlern ordern oder in Berlin einkaufen: Ultimate Ears hat kürzlich in Prenzlauer Berg in einer alten Brauerei ein exklusives Spezialgeschäft für seine Pretiosen eröffnet. Bevor der Hörspaß beginnen kann, muss zunächst ein Hörgeräteakustiker einen Ohrabdruck nehmen und das Ergebnis an den Hersteller schicken. Nach etwa zwei Wochen ist dann der persönliche Hörer fertig.
Verständnis für die hohen Kosten
Wir haben die Prozedur über uns ergehen lassen – und uns für die praktische Erprobung ganz unbescheiden das Top-Modell der Kollektion ausgesucht, UE 18 Pro genannt. Sein Preis von 1469 Euro ordnet das Hörgerät in die absolute Luxusklasse ein- das gilt selbst vor dem Hintergrund, dass die 1000-Euro-Marke in der Kopfhörer-Szene seit geraumer Zeit keine Schreckensgrenze mehr ist. Was man dafür bekommt, weckt für die Kosten allerdings ein gewisses Verständnis. Das beginnt mit der Technik: Wie in dieser Gerätegattung üblich sitzen im Inneren der Hörer sogenannte Balanced-Armature-Schallwandler, deren winzige Membranen ohne die mechanische Last einer Schwingspule auskommen. Ein kleiner Anker, der dem Feld eines Magneten und einer mit ihm verbundenen Spule ausgesetzt ist, sorgt für den Antrieb: Fließt musikalischer Wechselstrom durch die Spule, gerät der Anker in Schwingung und bringt somit auch die Membran ins Vibrieren. Schallwandler dieser Art lassen sich mit extrem kleinen Bauformen fertigen, haben wegen ihrer geringen bewegten Masse ein natürliches Talent für feine Schwingungen und machen selbst aus kleinen Musiksignalen beachtlichen Schalldruck.
In-Ear-Hörer der High-End-Klasse verteilen den Schall gern auch auf zwei oder drei unterschiedlich abgestimmt Balanced-Armature-Elemente, um nach dem Mehrwegeprinzip bestimmte Frequenzbereiche an speziell optimierte Mechanik zu delegieren. Das Verfahren ist vom Lautsprecherbau hinlänglich bekannt. Frequenzweichen sorgen dann dafür, dass jeder Wandler nur den für ihn bestimmten Teil des Tonspektrums bekommt. Das Modell UE 18 treibt das Mehrwegeprinzip auf die Spitze: In jeder kleinen Hörkapsel sitzen sechs Wandler. Einer bestreitet die höchsten Obertöne, ein anderer Höhen und obere Mitten, gleich zwei Wandler inszenieren die Grundtöne, und zwei weitere sind für das Tieftonfundament zuständig. Wir haben es also mit der aufwendigsten In-Ear-Konstruktion zu tun, die je gebaut wurde. Über separate Schallkanäle in den aus hartem Kunststoff gefertigten Ohr-Anpassteilen gelangen tiefe und hohe Töne getrennt nach außen, um Intermodulationen vorzubeugen.
Atmet den Geist von Luxus
Auch die äußere Erscheinung des Hörers atmet den Geist von Luxus. Die durchscheinenden Kunststoffteile kann man in allen Farben des Regenbogens ordern. Und jenes Deckplättchen, das beim Tragen aus dem Ohr herausschaut, gibt es ebenfalls in unterschiedlichen einfarbigen Varianten, aber auch mit Holzintarsien und anderen dekorativen Materialien. Die Anschlusskabel gleichen geflochtenen Kordeln- so sollen sie sich mechanischer Eigengeräusche enthalten. Über spezielle, vergoldete Steckverbindungen an den Hörkapseln lassen sich die Leitungen austauschen, wenn sie sich im Laufe ihres Lebens einmal einen Wackelkontakt zugezogen haben. Biegsame, transparente Kunststoffröhrchen umhüllen die oberen Kabelenden, um die Hörer wie Brillenbügel sicher in den Ohren zu halten. Und zur Aufbewahrung dient ein stabiles Kästchen mit eingraviertem Namenszug.
Der Klang dieser Hörer ist angemessen spektakulär – sogar dann, wenn ein iPhone den Sound liefert: Schalldruck produzieren die Edel-Stöpsel in Hülle und Fülle, ganz so, wie es sich für Profi-Utensilien gehört. Vor allem aber verblüffen die Hörer mit ihrer überbordenden Klangfülle. So farbstarke, überaus üppige Grundtöne, so großmächtige Bässe haben wir noch keinem mobilen Hörer entlocken können. Natürlich bringt das Gerät auch Frische und Obertonglanz ins Spiel, aber eher im Stil der feinen englischen Art: Schrille Töne liegen ihm nicht so sehr. Seine ganz besonderen Talente liegen unüberhörbar in den Disziplinen Wucht und Volumen: Kontrabässe schrummen mit glaubwürdiger Größe, Bass Drums schleudern heftigste Druckwellen in den virtuellen Raum. Von dieser Abstimmung profitieren, finden wir, Freunde von Rockgewittern ebenso wie Anhänger klassischer Werke: Die kleinen Hörer verleihen dem Konzert einfach Kraft und Größe. Viel weniger allerdings haben wir auch nicht erwartet.
