Lebensstil

Am Brokat hängt alles

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Drei Seidenweber aus Venedig, Florenz und Neapel halten die Fäden weiter in der Hand. Im letzten Teil unserer Serie sprechen wir mit Andrea Sabelli aus Neapel, der ein schweres Erbe angetreten hat.

Sie hatten Andrea Sabelli ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen konnte. Die Lage in der Seiden-Branche war schwierig, die Konditionen für das Geschäft waren gut. Also schlug er ein und nahm sieben Millionen Euro in die Hand. Gemeinsam geht’s besser: So jedenfalls hatte er sich das damals gedacht. Sie vereinten die Kräfte und teilten die Kosten, zogen vor die Stadt und machten sich an den Bau einer neuen Weberei. Größer und schöner als die alte sollte sie sein, und die war die größte und schönste ihrer Zeit, das Schmuckstück ihrer Epoche.

San Leucio war einst ein Staat im Staat. Als in Frankreich die große Revolution losbrach, organisierten sich die Bourbonen-Herrscher Neapels ihre eigene kleine Volksherrschaft. Eine junge Republik der Seidenweber mit dem alten Geld des Adels, weit draußen, vor den Toren der Stadt. Von dem Ort in den Hügeln der Campania geht der Blick weit übers Land. Rechts die Berge. Links der Vesuv. Vorn die Residenz von Caserta. Am Horizont Neapel. Eine Stadt wie ein Moloch. Die Bourbonen hatten Weitblick. Den wünscht sich Andrea Sabelli nun auch.

Teures Erbe

Er besitzt eine kleine Firma mit großer Geschichte. Die einstigen Herrscher, sagt er, hatten den Ort und die Seidenweberei einst begründet, hatten beides mit einer republikanischen Verfassung, einem eigenen System aus Unfall-, Gesundheits- sowie Rentenversicherung versehen und Tausende Spezialisten aus ganz Europa angelockt: Weber, Zwirner, Spinner, Ingenieure. Die umliegende Landwirtschaft wurde auf Maulbeerbäume und die Zucht von Seidenraupen umgestellt. Aus der kleinen Kolonie sollte eine blühende Metropole werden. Der Plan blieb Utopie. Alles, was hier heute im Frühjahr blüht, sind Blumen.

San Leucio schlitterte in die Gegenwart – als Vorort von Caserta, einem Nest an der Straße nach Rom. Schloss, Residenz und die Fabrik sind Weltkulturerbe. Das Erbe will gepflegt sein und ist teuer. Die alte Fabrik steht lang und schmal am Hang, gleich neben dem Palast. Alles ist renoviert, restauriert und frisch ges trichen. In Gelb und Weiß, den Farben der Bourbonen. Die Rechnung für den Anstrich ging nach Brüssel. Das Geschäft am Ort läuft schlecht.

Andrea Sabelli hat ein Problem. Denn die neue Weberei wurde nie fertig, und die alte ist geschlossen. Sicher, er habe noch den Betrieb am Fuß des Schlossbergs. Doch die Lage sei schwierig und die Aussichten schlecht. Ja, er habe Fehler gemacht. Es habe Streit gegeben: erst mit den Herren aus der Stadt, dann mit den Ämtern am Ort, schließlich mit seinen Partnern in der Firma. Die neue Fabrik blieb ein Bauskelett am Rande der Stadt. Er will nicht viel darüber sprechen. Eines ist sicher: Sein Geld ist weg.

Geschichte macht sich bezahlt

Nur die Tradition ist noch da. In den Regalen Stoffe vom Boden bis zur Decke, feine und derbe, dünne und starke. Arbagi, Savianelli und Paviglioni. Andrea Sabelli greift sich einen Brokat: dick und schwer, reich und weich, einen Stoff mit tiefer Struktur und einem Muster wie ein Gemälde. Frühlingsblumen von Botticelli, sagt er. Draußen stürmt der Herbst über die Hügel. Sabelli hält die Arbeit von Jahren in Händen. Er steht in einem Zimmer ohne Fenster, mit meterdicken Mauern und einer schweren Tür. Ein Lager wie eine Schatzkammer, ein Tresor am Fuße des Palazzo Belvedere, der Sommerresidenz der Bourbonen.