
Manche Weihnachtsgeschenke haben eine kurze Lebenserwartung. Bald schon wird es wieder Zeit für ein neues Smartphone oder einen neuen Tabletcomputer. Die Hersteller freut das sehr. Und die Kunden?
Für Menschen, die schon alles haben, hat die Elektronikbranche eine Lösung parat. Produkte, die gerade erst unter dem Weihnachtsbaum lagen, werden mit großer Gewissheit in rund fünf Jahren kaum noch brauchbar sein, selbst wenn sie technisch überhaupt keinen Mangel haben. Aus diesem Grund dürften sich in den vergangenen Wochen viele Menschen endgültig von der ersten Generation ihrer iPad-Tabletcomputer oder iPhone-Mobiltelefone getrennt haben.
Auch wenn die Kapazität des Akkus kaum nachgelassen hat, das Display nicht erkennbar dunkler geworden ist und das Gerät auch sonst den Eindruck macht, es könne noch viele Jahre lang durchhalten: Es lässt sich nicht mehr auf eine neuere Betriebssystemversion „updaten“, wie es neudeutsch heißt. Zudem ist der eingebaute Speicher zu klein, womit in diesem Fall der Arbeits- beziehungsweise Hauptspeicher des iPad gemeint ist, eine Komponente des zentralen Mikroprozessors. Das führt dazu, dass viele neue Zusatzprogramme, die sogenannten „Apps“, entweder gar nicht mehr funktionieren oder regelmäßig „abstürzen“, also während der Arbeit mit ihnen unwillkürlich den Betrieb einstellen.
Die Erfahrung der Vergangenheit lehrt, dass es den aktuellen Modellgenerationen kaum besser ergehen wird. Zumal sich die Hersteller immer wieder neue Dinge einfallen lassen, welche die teuren Geräte auf den ersten Blick möglicherweise hübscher, aber nicht haltbarer werden lassen. So ließ sich – im Gegensatz zu den Nachfolgemodellen – das erste iPad noch ohne eine Heißluftpistole öffnen und sich deshalb der Akku einfacher austauschen. Doch wer achtet beim Kauf schon auf solche Dinge?
Es werden fast keine Updates angeboten
Angesichts des überbordenden Verkaufserfolgs der vergangenen Jahre dürften derartige Erlebnisse eines „eingebauten Verfalls“ zwar besonders häufig mit Geräten von Apple vorkommen. Aber mit Produkten anderer Hersteller ist man vor dem Phänomen auch nicht gefeit. Alsbald ist auch hier die alte Hardware nicht mehr leistungsfähig genug, um mit den Anforderungen der neuesten Software Schritt zu halten.
Früher kannte man dieses Phänomen von seinem Personalcomputer unter dem Schreibtisch. Inzwischen sind diese Geräte zum einen aber leistungsfähig genug, zum anderen sinken die Anforderungen, die aktuelle Betriebssysteme an die Hardware dieser Rechner stellen, eher. Der Druck, die Geräte in schneller Folge auszutauschen, ist zum Leidwesen der Hersteller entfallen. Heute sind die mobilen Geräte der Renner, also schlägt das „eingebaute Verfallsdatum“ dort brutaler zu. Versucht man ein Update der Betriebssysteme beziehungsweise der sogenannten Firmware, werden ältere Geräte in der Regel immer langsamer, sofern der Hersteller ein solches Update überhaupt zulässt.
Sind sie aber erlaubt, sind sie grundsätzlich wichtig, um die Sicherheit des mobilen Geräts vor unerwünschten Zugriffen zu erhöhen. Also wird man kaum auf sie verzichten wollen. „Bei Geräten mit Apples Betriebssystem iOS kann dieser Effekt nach etwa drei Jahren eintreten – Android-Smartphones erhalten im Gegensatz dazu oft gar keine oder nur kurz Updates“, heißt es dazu jüngst in der Computerzeitschrift „Chip“. Denn in der Branche wird das Thema unter interessierten Nutzern natürlich längst heiß diskutiert. „Ob Flachbildfernseher, Smartphones oder andere elektronische Geräte: Gerade die großen Markenhersteller unternehmen enorme Anstrengungen, ihre Geräte so zuverlässig und langlebig wie möglich zu konstruieren. Hersteller, deren Geräte kurz nach Ablauf der Garantie- oder Gewährleistungszeit Defekte haben, enttäuschen ihre Kunden und verlieren zwangsläufig gegenüber dem Wettbewerb“, sagt dazu Bernhard Rohleder, der Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom.
Ein interner Zähler gibt das Verfallsdatum vor
Enttäuschte Kunden gibt es aber durchaus: Ein Aufregerthema in den entsprechenden Foren sind Teile, die nach einer bestimmten Zeit oder einer gewissen Häufigkeit der Nutzung einfach kaputtgehen müssen. Genannt werden in diesem Zusammenhang Monitore, in deren Netzteil Kondensatoren an besonders heißen Stellen plaziert sind, so dass ihr Elektrolyt nach einer kurzen, angeblich genau kalkulierbaren Nutzungsdauer verdampft ist, oder deren Einschaltknopfmechanik so schwach ausgelegt ist, dass sie nach einer bestimmten Zahl an Betätigungen versagen muss. „Frühzeitige Defekte treten ungeplant auf, meist, weil im Sinne eines besonders niedrigen Preises an der Qualität gespart wurde“, sagt Bitkom-Geschäftsführer Rohleder dazu.
Die „Stiftung Warentest“ hat sich des Themas auch schon angenommen, allerdings ebenfalls mit einem differenzierten Ergebnis: „Unsere Testarbeit hat bisher keine Anhaltspunkte dafür geliefert, dass von Anbietern bewusst Bauteile minderer Qualität eingebaut werden, um diese schnell unbrauchbar zu machen. Das bedeutet aber nicht, dass alle Produkte lange halten“, heißt es dort salomonisch. Doch sieht auch die Stiftung Grund zu mancherlei Kritik. Ein Klassiker, der seitenweise Internetforen füllt, seien auch Tintenstrahldrucker, die nach einer bestimmten Menge Ausdrucke den Dienst mit der Fehlermeldung einstellen, ihr Druckkopf sei defekt. Nach Zurücksetzen eines internen Zählers in geheimen Service-Menüs druckten die Geräte oft aber problemlos weiter. Das ist also vorgeplanter Murks. Es geht besser: Dass sich zum Beispiel bei Smartphones flache Designs und ein austauschbarer Akku nicht ausschließen müssen, zeigen Hersteller wie Samsung mit den Modellen Galaxy S III oder S4.
Die softwareseitig begrenzte Lebensdauer wird nicht angesprochen
„Ein Produkt, das nicht kaputtgeht, ist der Albtraum des Kapitalismus. Es beschert dem Handel schlechte Umsätze. Konsum jedoch ist der Motor unseres Wirtschaftssystems. Und so werfen wir weg und kaufen neu, anstatt zu reparieren – zumal es heute oft billiger ist“, heißt es zu der grundsätzlichen Problematik im Buch „Kaufen für die Müllhalde – Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz“ von Jürgen Reuß und Cosima Dannoritzer. Dort wird auch auf das Glühbirnenkartell der zwanziger Jahre verwiesen. Einst brannten Glühdrähte vorzeitig durch, heute stellen eben Drucker die Arbeit ein – nur wegen eines von einem Chip gesteuerten Befehls. „Geplante Obsoleszenz“ heißt das Prinzip, weil es vorsätzlich die Verkürzung der Lebensdauer von Beginn an vorsieht.
Dank Billigproduktion und verschwenderischem Rohstoffeinsatz sei es zum Grundpfeiler der Überflussgesellschaften und ihres Fetischs Wirtschaftswachstum geworden, folgern die Autoren. Eine Flut von Wohlstandsmüll und schwindende Ressourcen seien die Folge. Das ist eine Entwicklung, die so gar nicht zu den Nachhaltigkeitsprinzipien der betroffenen Unternehmen passen will.
Andererseits lassen sich gerade auf diesem Gebiet auch Fortschritte nicht verleugnen – und zum Beispiel Apple weist auf dieselben auf seiner Website deshalb auch ausführlich hin: „Für den neuesten iMac kommt ein Fertigungsprozess zum Einsatz, der Rührreibschweißen genannt wird. Dabei werden 68 Prozent weniger Materialien verbraucht und 67 Prozent weniger Kohlendioxidemissionen erzeugt als bei früheren iMac-Generationen.“ Man habe festgestellt, dass rund 98 Prozent der Kohlendioxidbilanz von Apple in direktem Zusammenhang mit den Produkten stehen. Nur für die verbleibenden zwei Prozent seien Standorte und Betriebsanlagen, einschließlich der Rechenzentren, verantwortlich.
Daher achte man bei der Entwicklung auf die Verringerung des Materialeinsatzes und der Verpackungsgrößen, auf die Unbedenklichkeit, was schädliche Substanzen anbelangt, und auf eine möglichst hohe Energieeffizienz und Recyclingfähigkeit. Für jedes einzelne aktuelle Apple-Produkt lässt sich ein Umweltbericht im Internet finden- das Problem der softwareseitig begrenzten Lebensdauer indes wird nicht angesprochen.
Kein Verfallsdatum wie Frischmilch
Der Wettbewerber Samsung, der noch eine viel breitere Palette an Elektronikprodukten als Apple anbietet, verweist vor allem auf die vermeintliche oder tatsächliche Energieeffizienz seiner Produkte. Genauere Informationen zur Nachhaltigkeitsstrategie muss man hier aber länger suchen, geführt wird man alsbald auf die englischsprachige Website des Unternehmens.
Rohleders Branchenverband Bitkom setzt derweil ganz grundsätzlich auf das Schlagwort „Green IT“, die es ermögliche, auch in anderen Wirtschaftsbereichen den Energie- und Materialverbrauch zu senken. Der Begriff umfasse den gesamten Lebenszyklus vom Design zur Produktion über die Nutzung bis hin zur Entsorgung. Dabei steht der Energieeinsatz beziehungsweise die Energieeffizienz in der Gebrauchsphase der Geräte im Vordergrund aktueller Aktivitäten.
Was aber passiert, wenn die Geräte einfach nicht mehr die Programme nutzen können, für die sie einst angeschafft worden sind? Und dann gibt es ja noch einen anderen Druck: den psychischen Stress der Verbraucher, die es irgendwann nicht mehr ertragen, ein zu altes Produkt zu nutzen. Diesem Druck setzen sich längst nicht nur Teenager auf dem Schulhof aus, die es vermeiden wollen, „uncool“ zu sein. Und eine solche „psychologische Obsoleszenz“ kann man den Herstellern tatsächlich nur mittelbar in die Schuhe schieben. Zumal der technologische Fortschritt in der Elektronik noch immer der Beobachtung folgt, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten regelmäßig verdoppelt. Je nach Quelle werden zwölf bis 24 Monate als Zeitspanne genannt, was auch „Moore’s law“ genannt wird.
„Frischmilch hat ein Verfallsdatum, nicht aber ein Tabletcomputer“, sagt dazu Rohleder vom Bitkom: „Und so werden heute oft voll funktionsfähige Geräte aussortiert – weil die Verbraucher ein neues, leistungsfähigeres oder einfach schickeres Gerät wünschen.“ Für die Hersteller ist das ein Traum, für die Kunden ein teurer Spaß.
