
Bei Cartier ist Pierre Rainero nicht nur ein Manager. In dem französischen Traditionshaus hütet er ein großes Erbe voller Geschichten und Geheimnisse.
Selbst die Buchhaltung ist wertvoll. Anders wertvoll als der eigentliche Schmuck, anders als etwa ein Cartier-Collier von Elizabeth Taylor, deren Sammlung vor zwei Jahren für umgerechnet 89 Millionen Dollar versteigert wurde. Aber die Bücher in den Archiven von Cartier haben durchaus ihren Wert. In ihnen stecken ziemlich saftige Geschichten. Sie dokumentieren jedes einzelne Schmuckstück, sein Gewicht, seinen Preis, die Art von Steinen, die verwendet worden sind, seine Herstellungsweise – und auch seinen Käufer. „Nehmen wir mal an, Sie suchen nach einem Stück, das Ihr Vater vor vielen Jahren in Auftrag gegeben hat“, sagt Pierre Rainero, der Cartier kennt wie wenige andere. „Und dann erfahren Sie aus den Büchern noch von einem weiteren Stück, das allerdings nicht für Ihre Mutter gedacht war.“ Rainero schmunzelt ein bisschen. „Das wäre schon ein Problem. Oder denken Sie an Verwandte, die sich fragen, warum jemand anderes aus der Familie vielleicht dieses oder jenes Stück erhalten hat.“
Was in den Büchern von Cartier steht, das soll auch dort bleiben. Sie sind in Genf gelagert, an einer unbekannten Adresse. Nur wenn alle Familienmitglieder ihre Einwilligung geben, darf ein Nachkomme überhaupt einen Blick in die Bücher werfen. Ihr oberster Beschützer heißt Pierre Rainero. Die vom Haus vorgegebene Verschlossenheit weiß er mit eigener Freundlichkeit zu kompensieren. Von der Pariser Firmenzentrale aus hütet er das Erbe von Cartier, die Schmuckstücke, die Archive und somit auch die Geschichten über Liebe und Verzweiflung, über Wiedergutmachungen und Erpressungen, über Trost, der in Saphirblau schillern kann. Saphire liegen an dieser Genfer Adresse genug sowie Rubine, Diamanten, knapp 1500 Stücke umfasst die eigene Sammlung des Hauses, die Rainero seit dreißig Jahren hütet.
Rainero hat eine ernstzunehmende Sammlung aufgebaut
Gut, sein richtiger Titel ist etwas offizieller: „Direktor für Image, Stil und das kulturelle Erbe“. Dafür reist der Franzose um die Welt. Rainero ist dabei besonders erfolgreich in den historical countries, an Orten, wo Leute wohnen, die sich seit Jahrzehnten für Cartier begeistern können, Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten. Rainero trifft seine Kunden auf Messen, „sowohl Männer als auch Frauen, junge und alte, jene in ihren Zwanzigern und solche, die schon in ihren Dreißigern gesammelt haben und heute bereits siebzig Jahre alt sind“.
Dagegen ist Cartiers eigene Sammlung vergleichsweise jung. Erst vor dreißig Jahren begann das Traditionshaus, das Louis Cartier im Jahr 1847 gegründet hatte, damit, eine ernstzunehmende Sammlung aufzubauen. Gerade einmal siebzig Stücke besaß das Haus zu dem Zeitpunkt. Von siebzig auf 1500 hat es Rainero in den vergangenen drei Jahrzehnten gebracht.
Die Achtziger waren gute Jahre. Es war die Zeit, als die Schätze der Duchess of Windsor auf den Markt kamen, als langsam eine Generation verschwand, die besonders viele dieser Kostbarkeiten besaß. Dann folgten mal wieder maue Jahre. „Stücke aus dem 19. Jahrhundert sind besonders selten“, sagt Rainero. Und in derselben Familie bleiben dabei die wenigsten: „Wir sind auf der Suche nach ihnen, aber wir haben oft keinen blassen Schimmer, wo und in welchen Händen sie sich heute befinden.“ An den Schmuck aus dem eigenen Haus zu kommen sei deshalb eher eine Frage der passenden Gelegenheit. „Gut, manchmal provozieren wir solche Gelegenheiten auch“, wieder ein Schmunzeln und ein Schimmer auf Raineros brauner Brille, wenn er den Kopf bewegt. „Wir schalten Anzeigen: ,Cartier sucht Cartier‘.“
Oft ergeben sich die Gelegenheiten aber auch zufällig, zum Beispiel vor drei Monaten. Rainero war gerade vertieft in ein Gespräch über zeitgenössische Kunst, als diese Dame ihm erzählte, ihre Familie habe früher Schmuck gesammelt. „Sie fragte, ob ich interessiert sei.“ Natürlich ist das eigentlich keine Frage. Was war das also für eine Frau? Um welchen Schmuck hat es sich genau gehandelt? Rainero, der mittlerweile hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hat, schmunzelt wieder. Er arbeitet hier in einem mit viel Milchglas ausgestatteten Büro. Die Inneneinrichtung steht für das Maß an Diskretion, das für Rainero typisch ist.
Nicht selten sind die Preise zu hoch für Cartiers Budget
Neben privaten Transaktionen kommt Cartier auch über Auktionen an seinen eigenen Schmuck. „So haben wir zum Beispiel Stücke von Daisy Fellowes, Mona von Bismarck oder María Félix in die Sammlung aufnehmen können.“ Ebenso oft sind die Preise allerdings schlicht zu hoch für das Budget von Cartier. „Nicht selten werden wir überboten“, sagt Rainero. „Wir sind schließlich eine geordnete Institution, wir legen vor der Auktion einen Preis fest, den wir nicht überschreiten wollen.“ Oft gehe das Haus so leer aus.
Dass selbst eine Marke wie Cartier manchmal nicht mit privaten Sammlern mithalten kann, ist symptomatisch für den weltweiten Boom auf dem Kunstmarkt. „Auch Schmuck gehört dazu.“ Spätestens seit der Krise scheint Kunst für viele Investoren eine sichere und zugleich gesellschaftsfähige Anlage zu sein. Sie parlieren mittlerweile mit jenem Stolz über ihre Kunstankäufe wie in den späten Neunzigern über Aktienpakete. „Schauen Sie, wie es momentan allein um die Steine steht“, sagt auch Rainero. „Die Leute, die diese Stücke kaufen, wissen durchaus, was sie tun.“ Gerade heute sei für viele Interessenten die künstlerische Dimension von Schmuck wieder bedeutender. Rainero glaubt, dass sich Sammler aus zwei Gründen zu Schmuck hinreißen lassen: „Man kauft, weil man gegenüber dem Objekt eine bestimmte Emotion verspürt. Und es geht um das Bild, das man von sich selbst hat, während man das Stück trägt.“
Die historischen Stücke erzählen dabei von einer längst vergangenen Zeit, als Schmuck zu tragen keine Frage des Geschmacks war, sondern eine des Standes. Als man auf offiziellen Ereignissen nicht ohne Haarschmuck auftauchen konnte und eine Schlangenbrosche wiederum einem Skandal gleichkam. „Wenn man sich eine Tiara von 1910 anschaut und ein Haarteil von heute, sind die zwei Stücke nicht miteinander zu vergleichen. Die Leute interpretieren mittlerweile weniger als früher in Schmuck hinein“, sagt auch Rainero. „Wer mit Schmuck ein Statement setzen möchte, kann das ohne weiteres tun. Deshalb sind gewisse Armreifen, zum Beispiel das Pantherarmband, nun auch so groß.“
Die besondere Stücke sind nicht unbedingt die teuersten
Man kann heute eine Pantherfigur am Handgelenk tragen, ohne dazu eine Societydame sein zu müssen. Man kann auch einfach in die Cartier-Boutique an der prächtigen Pariser Rue de la Paix spazieren. Mit der Tuschelei hinter dem eigenen Rücken kann man hingegen in Zeiten, da modisch beinahe alles erlaubt ist, immer weniger rechnen. Da ist es also viel wahrscheinlicher, dass man auf dem Streifzug über die Rue de la Paix auf Inès de la Fressange, selbst französische Societydame, trifft, die an diesem Montagvormittag bei Eiseskälte für eine Modeproduktion posiert – in Jeans und Schlapphut. Für die Massenwarenkette Uniqlo hat sie gerade eine Kollektion entworfen. Möglich, dass es Sammler gibt, die heute zum weißen T-Shirt von H&-M eine glitzernde historische Kette von Cartier tragen. Sie seien ja tragbar, so Rainero – und begehrt.
Ist es also möglich, dass sich noch irgendwo eine in den Büchern von Cartier längst verschollen geglaubte Sammlung befindet? So wie es vor kurzem im Fall Gurlitt war? „Wenn man bedenkt, was alles seit Ende des 19. Jahrhunderts passiert ist“, sagt Rainero, „dann ist das gut möglich. Was in Russland zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts verkauft wurde, oder in Europa, was an die Maharadschas in Indien ging, ich weiß von wichtigen Sammlungen, die bis jetzt als verschollen gelten.“
Die besonderen Stücke sind dabei im Übrigen nicht unbedingt die teuersten. „Nehmen Sie zum Beispiel die Tutti-Frutti-Kette“, sagt Rainero. Zur Sammlung von Cartier kam das Modell von 1936 mit der Auktion von Daisy Fellowes’ Schmuck in den Neunzigern hinzu. „Der künstlerische Wert der Tutti-Frutti-Kette ist enorm, aber sie wurde nicht unbedingt aus den wertvollsten Steinen gefertigt.“ Weitere Besonderheiten in der Geschichte von Cartier: die erste Tank-Uhr, die im Jahr 1919 auf den Markt kam und an die auf Gleisketten rollenden Renault-Panzer aus dem Ersten Weltkrieg erinnern sollte- der Schmuck, den einst Marlene Dietrich trug.
Rainero ist der Hüter des Erbes
Es sind Schätze, die Rainero da hütet. Jene, die symbolträchtig sind oder für das erste Modell einer Serie stehen, werden in die Sammlung aufgenommen. Aber Rainero kümmert sich auch um alle weiteren Stücke – nur er verkauft sie wieder, nachdem sie restauriert wurden. Allein drei Uhrmacher würden sich um die Restaurierung antiker Stücke kümmern. Es dauert eben eine Weile, bis jemand jedes Rad, jede Windung und jede Zahl einer Uhr von vor hundert Jahren auf den heutigen Stand gebracht hat.
Schon beim Ankauf überlegt sich Rainero, wie das Stück in den Zustand zurückversetzt werden kann, in dem es das Haus Cartier zum letzten Mal verlassen hat. „Sie müssen sich vorstellen, wie oft diese Teile über die Jahrhunderte ihre Besitzer wechseln.“ Vielleicht mag der Erbe eines kostbaren Rings also gar keine Ringe, aber ist angetan von dem Rubin in der Mitte. Oder er braucht Geld, verkauft, und der Käufer gestaltet das Objekt erst einmal individuell um, wie die Zimmer eines Hauses. „Aus Ringen werden Armbänder. Manche Stücke wurden in den Zwanzigern zum ersten Mal geändert, dann in den Dreißigern, in den Vierzigern.“
Man kann sich denken, welche Arbeit es kostet, so ein Armband unter den Ringen in den Büchern wiederzufinden. „Da weiß das Auge ein Objekt manchmal schneller zuzuordnen“, sagt der Hüter des Erbes. Andererseits, gelegentlich trügt es auch. Rainero erinnert sich an ein Armband: „Wir hatten da dieses Stück, das auf sonderbare Art gefertigt worden war. Es ähnelte keinem anderen.“ Dass es von Cartier war, daran bestand allerdings kein Zweifel. Nach langer Sucherei fand sich die Lösung: Das Armband wurde in einem Atelier gefertigt, mit dem Cartier nur für diese eine Serie zusammengearbeitet hatte.
In London, in New York, in Hongkong oder Paris könne man diese historischen Stücke heute kaufen, an jenen Orten, die eben oft von den entsprechenden Sammlern aufgesucht werden. „Manche Leute sammeln, um den Schmuck zu tragen“, sagt Rainero. Oder es kommt ganz anders: „Ein Ehemann hat auf einer Auktion mal ein paar wichtige Stücke für seine Frau gekauft.“ Die Frau hat den Schmuck anschließend kein einziges Mal getragen. „Nach 20 Jahren hat der Ehemann alles verkauft.“
