
Das erste Smartphone, bei der die Kamera im Fokus steht: Macht Nokia mit dem 1020 unsere kompakte Kamera überflüssig? Das wollen wir aber doch mal sehen.
Das erste Smartphone, bei der die Kamera im Fokus steht: So spricht Nokia, in diesem Weihnachtsgeschäft massiv für das Lumia 1020 trommelnd, in der Werbung ausdrücklich die „Smartphonefotografen“ an. Und genauso soll dieses Smartphone hier betrachtet werden: zusammen mit einem weißen Camera Grip, der aus dem an sich schön schlanken Handy ein dickliches Kunststoff-Unikum mit der Anmutung einer – allerdings nicht telefonierenden – Samsung Galaxy Camera macht, ausschließlich als Kamera. Daher – zunächst – kein Wort über das auf einen eingefleischten Androiden allenfalls putzig, vor allem aber eher umständlich wirkende Gekachel von Windows Phone 8. Stattdessen gleich zur fabelhaftesten Leistung dieser Kamera: 41 Megapixel!
Dieser Rekordwert kann allerdings nur solche Smartphonefotografen beeindrucken, denen ein eher sinnfreier Satz aus einem sogenannten Testbericht wie „Der Sensor lichtet Motive mit der enormen Auflösung von 41 Megapixel ab und übertrumpft damit sogar teure Vollformat-DSLRs wie die Nikon D800“ runter wie Öl geht. Die bloße Angabe der gerundete Gesamtzahl der Bildpunkte sagt bei dem 1/1,5-Zoll-Sensor des Lumia 1020 herzlich wenig. Der auch mit der Größenangabe 2/3 Zoll bezeichnete Sensor hat eine Bilddiagonale von rund 11 Millimeter und etwa 6,5 Prozent der Fläche eines Vollformatsensors. Das ist freilich wesentlich mehr als die meisten Handy-Kameras aufweisen können. Aber die in der Tat große Megapixel-Zahl macht offenbar selbst den Anbieter so trunken, dass sich gleich an mehreren Stellen des Nokia-Materials unter „technische Daten“ die spaßige Angabe „Sensorgröße: 41 Megapixel“ findet.
Auch 33 MP ersetzen kein Zoom-Objektiv
Weitere Daten der Optik, an der Carl Zeiss als Qualität verheißender Name prangt: Lichtstärke 1:2,2 bei einer Brennweite, die weitwinkligen 26 Millimeter beim Kleinbildformat entspricht. Minimale Aufnahmeentfernung: 15 Zentimeter. Vier Meter weit reicht der eingebaute Xenon-Blitz, der drei Betriebsarten kennt: zwingend an und aus sowie Automatik. Die Kamera zeichnet Jpegs auf, und zwar in mehreren verschiedenen Kamera-Modi. Wählt man die Kachel Kamera, dann erhält man ein 2592×1936 Bildpunkte oder rund 5 Megapixel (MP) großes Bild- wählt man hingegen die Nokia Pro Cam, dann werden zwei Aufnahmen gemacht: eine 5-MP-Aufnahme (3072×1728 Bildpunkte) sowie eine Version desselben Bildes in der Größe 7712×4352 Bildpunkte, also rund 33,6 Megapixel. Die Dateigrößen der Jpegs belaufen sich auf um die 2 und um die 11 Megabyte. Bei dem dritten, Nokia Smart Camera heißenden Modus wird eine Bildsequenz gemacht und zum Zweck der weiteren Bearbeitung mit etwa 20 Megabyte Größe abgespeichert sowie eine „Best shot“-Aufnahme des Motivs als 5-MP-Bild.
Um zu erläutern, was das „hochaufgelöste“ Bild von 33 MP Größe bedeutet, ein praktisches Beispiel: Die komplette Aufname eines langen Restauranttischs mit Salzstreuer, Besteck und Gläsern und einem Salatteller im Zentrum wird auf die Breite eines 19-Zoll-Bildschirms gebracht. Dann meldet ein Bildbetrachter und -bearbeiter wie Picasa oder der Photoshop Elements Editor, die Abbildung besitze nur 13 Prozent der tatsächlichen Größe des Bildes. Bringt man den Abbildungsmaßstab nun auf 100 Prozent, dann ist von dem Restauranttisch nichts mehr zu sehen, sondern weniger als ein Viertel des Salattellers des Sitznachbarn und ein riesiger Tomatenschnitz füllen den gesamten Bildschirm. Wer nun allerdings glaubt, solches digitale Herausvergrößern ersetze das Zoom-Objektiv einer Kompaktkamera gleichwertig, sieht sich getäuscht. In launigen Werbespots wird zwar so getan, als stecke im Lumia 1020 ein alles heranholender, noch dazu neu erfundener Zoom. Aber die Praxis sieht anders aus. (Ganz abgesehen davon, dass rechnerisches Zoomen ein alter Hut ist und Kompaktkameras in der Regel beides bieten: einen optischen Zoom durch Brennweitenverlängerung des Objektivs plus einen Digitalzoom.)
Trotz der Bildgröße: Es fehlt an Details
Wie für alles digitale Zoomen, das heißt rechnerisches Vergrößern gilt: Was an Bilddetails in den vielen Megapixeln des Lumia 1020 nicht enthalten ist, lässt sich auch durch eine Ausschnittvergrößerung nicht hineinhexen. Man kann zwar besagten Salatteller herausvergrößern, so dass man ein völlig anders zugeschnittenes Bild als das ursprüngliche erhält. Aber wenn die Hähnchenbruststreifen neben dem Tomatenschnitz so wenig optische wie auf der Zunge sensorische Textur haben, bekommen sie die auch nicht durchs digitale Vergrößern. Überstrahlte „leere Flächen“ ohne Details mögen dabei als winziges Detail im ursprünglichen Gesamtbild des Tischs überhaupt nicht weiter auffallen. Sobald man aber auf den Salatteller hineinzoomt, werden diese und andere Bildmängel – die verwaschene Linie am Rand der Tomatenhaut, Blattsalat, der zwar grellgrün, sonst aber gar nichts ist, Farbsäume – unübersehbar.
Nun muss man unterscheiden: Im Nahbereich und bei guter Tageslichtbeleuchtung gelingen mit dem Lumia 1020 Aufnahmen, in die man wesentlich besser hineinzoomen kann, als in Fotos bei schlechtem Licht oder über größere Distanz. Das meint: Schneekristalle auf Holunderbeeren im Vormittagslicht aus achtzig Zentimeter Entfernung – perfekt. Die Senderskala eines Röhrenradios bei Lampenlicht aus drei Meter Entfernung – eine Katastrophe. Wer unerschrocken weiter ins Bild hineinzoomt, kommt auch prompt an den Punkt, wo man vor lauter Pixeln gar nichts mehr erkennt. Aber schon eine ganze Weile vorher bemerkt man, dass den Bildern trotz ihrer enormen Größe die Details fehlen. Spasseshalber musste eine Kompaktkamera von 2007 – diese Jahreszahl spielt in der Nokia-Werbung auch eine gewisse Rolle – gegen das Kameramodul des Lumia antreten. Das Ergebnis: In der Weitwinkelstellung schlägt das Lumia-Bild die 7,5-MP-Aufnahme der alten Kamera- die aber holt mit ihrem optischen Zoom Details messerscharf heran, die sich genauso knackig mit dem Lumia nicht abbilden lassen.
Großes Plus: Zusätzlicher Akku möglich
Die Bedienung der Lumia-Kamera ist wie für ein Smartphone typisch. Eine ziemlich klein geratene Menüzeile wird oben ins Bildfeld eingeblendet. Trifft man mit spitzem Finger und etwas Glück beispielsweise das Feld für die Belichtungskorrektur, dann schiebt sich von rechts ein virtuelles Einstellrad über das Bild, an dem man mit Wischbewegungen Veränderungen vornimmt. Da lassen in nur ein wenig abgewandelter Gestaltung Bedienungsoberflächen von Samsung-Geräten grüßen. Das ausgezeichnete AMOLED-Display ist selbstverständlich ein Touchscreen, auf dem sich mit Fingerspreizen – in Grenzen – zoomen lässt. Schaut man sich dann die Bilddateien auf dem Rechner an, hat man die herangezoomte Ansicht als 5-MP-Datei und dazu die große 33-MP-Datei, diese jedoch mit der Weitwinkelperspektive. Abgesehen davon, dass die Bedienung über virtuelle Tasten zeitraubender ist als echte Knöpfe und Drehrädchen an einer Kamera, fällt auf, dass das Lumia 1020 (für rund 600 Euro) nicht gerade ein Sprinter ist, was Scharfstellen und Auslösen angeht. Der Griff, in den das Handy hineingeschoben wird, verbessert seine Handhabung als Kamera fraglos und hat den großen Vorteil, einen zusätzlichen Akku zu enthalten. Eines ärgert an ihm: Bei bestimmungsgemäßem Gebrauch landet der Daumen immer wieder genau auf der virtuellen Taste, die die Internetsuche auslöst – Schnappschuss adé.
Und fast alles wiederholt sich dann mit dem Nokia Lumia 1520, dem verschwisterten XXL-Smartphone, das mit seinem 6-Zoll-Bildschirm das Lumia 1020 und jedes andere Standardhandy weit überragt und eine 20-MP-Kamera mitbringt. Auch hier wird aus der vollen Auflösung ein 5-MP-Foto herausgerechnet und separat gespeichert. Aber das 1520 bringt noch eine Reihe weiterer Neuerungen mit. Es ist das erste Windows Phone mit VierKern-Prozessor, wenngleich der Autofokus kaum an Tempo zulegt. Es hat im Unterschied zum Lumia 1020 einen Schacht für Speicherkarten, und es verwendet die bislang nur beim iPhone 5 und höher gebräuchliche Nano-Sim. Im praktischen Gebrauch fällt vor allem eins auf: Die auf 1920×1080 Pixel gesteigerte Displayauflösung, die auf dem Startbildschirm eine weitere Kachelreihe erlaubt. Die Anzeige ist so kontrastreich, dass man auf AMOLED tippt, tatsächlich ist es aber ein IPS-LCD-Schirm. Die vielen kleinen Verbesserungen des Betriebssystems wird auch das Lumia 1020 sukzessive erhalten. Dass man mehr sieht, mehr Übersicht hat, vor allem beim Surfen im Netz, ist neben der schieren Größe kaufentscheidend für dieses „Phablet“, das jetzt für fast 800 Euro in den Handel kommt.
