Gesellschaft

„Ich war noch nie so glücklich wie heute“

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Michel Friedman, dessen Eltern Oskar Schindler das Leben rettete, arbeitet in Frankfurt als Anwalt und in Berlin als Moderator. Auch sonst macht er noch so allerhand. Er diskutiert mit klugen Leuten im Schauspiel Frankfurt. Und kämpft mit seinen Söhnen um die besten Argumente.

Herr Friedman, wie alt waren Sie, als Sie mit Ihren Eltern von Paris nach Frankfurt zogen?

Neun.

Und sprachen kein Wort Deutsch?

Nicht eines, meine Schulhefte waren rot vor lauter Korrekturen.

Wie alt sind Sie, als Sie die deutsche Sprache schließlich beherrschen?

Ich beherrsche sie bis heute nicht.

Aber, aber.

Nein, wirklich. Ich verwechsle immer „ihn“ und „ihm“. Und das Schlimme ist, das ich das auch in schriftlicher Form tue. Aber davon abgesehen, hatte ich schließlich in der Oberstufe am Goethe-Gymnasium Deutsch als Leistungskurs ANTWORT: und doch einen sehr ordentlichen Wortschatz.

Und haben ihn auch angewendet.

Bei jedem Essen habe ich gelabert und meinen Vater damit verrückt gemacht. Ich hatte aber das große Glück, dass mein Vater mich nie herabgesetzt hat. Nie hat er gesagt, ich sei noch zu jung oder wisse nicht genug. Zu Recht stand er oft wütend auf, weil ein Fünfzehnjähriger ja immer recht hat und das letzte Wort sowieso. Aber er hörte mir zu und nahm mich ernst.

Können Sie bitte Ihre Eltern einmal beschreiben?

Meine Mutter war extrem gütig. Sie verschenkte im Monat für mehrere Hundert Mark Dinge an Menschen. Sie sprach über andere nie ein böses Wort. Und sie hat mich eine wichtige Lektion gelehrt. Ich kam von der Schule zornbebend nach Hause, weil ein Mitschüler, den ich nicht hatte abschreiben lassen, mich als „Drecksjude“ beschimpft hatte. Ich war stocksauer, mein Gesicht war wutverzerrt. Meine Mutter sagte, ich solle mir im Spiegel diesen Ausdruck ansehen. Dann sagte sie: „Denk daran, dass der Hassende vergifteter ist als der Gehasste.“

Und Ihr Vater?

Mein Vater, der im Pelzgeschäft tätig war, ist von den Nazis mit einem Gewehrkolben so geschlagen worden, dass er auf dem einen Ohr nichts hörte. Mit den Jahren wurde das andere Ohr immer schwächer. Das verengte ihn immer mehr, weil er eigentlich sehr kommunikativ war. Er war eine Seele von Mensch und mein großes Vorbild. Mein Traumberuf war Journalist. Aber da wäre ich von der deutschen Sprache abhängig gewesen, und meine Eltern fragten: „Und wenn wieder etwas passiert?“

Diese Angst vor so etwas wie einem neuen Holocaust war immer noch da?

Und nicht nur bei meinen Eltern.

Hatten Ihre Eltern ein schlechtes Gewissen, nach Deutschland zurückgekommen zu sein?

Aber ja. Ungnädig, wie Kinder sind, habe ich es ihnen manchmal sogar vorgeworfen. Aber ich will Ihnen noch berichten, wie mein Vater war. Es wurden damals Fernkurse für Journalismus angeboten, einer sollte 3000 Mark kosten, für meinen Vater ein Vermögen. Aber zu meinem 17. Geburtstag hat er mir diesen Kurs geschenkt. Obwohl er so viel Geld kostete und obwohl er eigentlich gegen meinen Berufswunsch eingestellt war.

Haben Ihre Eltern geklammert?

Nach dem Abi holte ich mir ein Visum für Amerika. Meine Mutter sagte: „Willst du uns allein lassen, willst du uns umbringen?“ Meine Eltern waren die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ich merkte, ich konnte sie nicht allein lassen. Man weiß ja nie, welches Leben wie geworden wäre. Aber ich hätte mir dann doch 25 Jahre erspart, zum Hassobjekt Nummer eins von Rechtsradikalen zu werden. Ich hätte mir zwei Schussattentatsversuche erspart. Ich wäre wahrscheinlich in Amerika insgesamt beliebter gewesen als hier.

Sie hätten dann aber wahrscheinlich nicht Ihre Frau kennengelernt.

Da haben Sie recht. Meine Frau ist das Glück und das Fundament meines Lebens!!! Das sage ich mit drei Rufzeichen.

Konnten Ihre Eltern über die Vergangenheit sprechen? Sie waren ja von Oskar Schindler vor dem Tod gerettet worden.

Sie mussten sprechen, weil sie einen Sohn hatten, der sie löcherte, der nach ihrer Lebensgeschichte fragte. Juden in Deutschland damals wollten nicht auffallen. Sie wollten ein bisschen Lebensglück, ein bisschen ökonomischen Erfolg. Und solche Zurückhaltung wurde in gewisser Weise auch von den jüdischen Repräsentanten erwartet. Gab es Probleme, gingen die Funktionäre zum Oberbürgermeister oder zum Ministerpräsidenten, das sollte gar nicht groß öffentlich werden.

Sie sind 1956 geboren, müssten also voll von den Nachwehen der Achtundsechziger ergriffen worden sein.

Gar nicht. Die Achtundsechziger waren antiamerikanisch. Ich aber dachte mir: Wer hat es denen denn letztlich ermöglicht, dass sie hier auf die Straße gehen können? Doch die Amerikaner, oder? Und äußerlich entsprach ich der damaligen Jeans-Parka-Ästhetik überhaupt nicht. Mein Vater liebte es, sich nach dem Rasieren mit Paco Rabanne das Gesicht zu benetzen, besser: zu fluten- das war nach den harten Jahren für ihn Luxus, die ganze Wohnung roch danach. Mein Vater liebte es, perfekt gekleidet zu sein. Und sein fünfzehnjähriger Sohn geht mit Anzug zur Schule, nur dass er nicht Paco Rabanne aufträgt, sondern „Brut“ von Fabergé.

Dieser junge Bursche im Anzug wird bald von Ignatz Bubis entdeckt. Was hat Ihnen Ignatz Bubis bedeutet?

Sehr viel. Er war außerordentlich lebensklug, ich konnte viel von ihm lernen. Vor allem hat er mich unglaublich früh gefördert, schon als Siebzehnjährigen. Die Jüdischen Kulturwochen der Stadt Frankfurt am Main habe ich gemeinsam mit Hilmar Hoffmann erfunden, habe mit Marcel Reich-Ranicki das Gemeindezentrum für Literaturveranstaltungen geöffnet. Für Bubis spielten Alter, Herkunft, Bildung keine Rolle – er schaute sich den Menschen an, und wenn er ihn mochte, dann arbeitete er mit dem zusammen.

Immer eitel Sonnenschein in Ihrem Verhältnis?

Alle, auch die, die heute so wichtig sind, erzählen ja immer, sie waren mit Ignatz Bubis ein Herz und eine Seele. Ich habe mich oft mit ihm gestritten, aber wir haben es beide ertragen. Bubis konnte Widerspruch aushalten.

An welchen Streitpunkt erinnern Sie sich?

Ich fand Bitburg unverzeihlich – den Besuch von Kanzler Kohl und Präsident Reagan 1985 auf dem Soldatenfriedhof Bitburg, auf dem auch SS-Angehörige beerdigt sind. Es interessierte mich nicht, ob der amerikanische Präsident Kohl unter Druck setzte. Bubis wollte zurückhaltender agieren als ich, der ich eine Demo mit 2000 europäischen jüdischen Studenten organisierte. Er ließ mich aber gewähren, er hätte mich nie öffentlich kritisiert. Er schützte mich. Er schützte mich vielleicht auch in meinen Fehlern. Er ließ es auch zu oder machte es sich zu eigen, dass der Protest gegen das Fassbinder-Stück die Initialzündung war für eine neue öffentliche Rolle der Juden in Deutschland. Wir wehrten uns damals und merkten, wir hatten mehr Verbündete, als wir dachten.

Bubis’ Tod und der Tod Ihrer Eltern lagen nicht weit auseinander.

Und haben mich zerstört. Meine Mutter starb sehr schwer. Sie litt an Leukämie mit Metastasen, lag sechs Monate auf der Intensivstation. Ich war 20 Stunden bei ihr, fuhr morgens und abends heim, um zu duschen und meinen Vater zu sehen, um den sich ein Pfleger kümmerte. Ich habe damals das Schlafen verlernt. Bald nach dem Tod meiner Mutter starb mein Vater. Wenige Monate später starb auch Ignatz Bubis. Ich fühlte mich einsam und allein. Anstatt meine Zerstörung zuzugeben, versteckte ich mich unter Arbeit. Ich wurde Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses. Ich war nur noch unterwegs – ehrenamtlich, immer ehrenamtlich. Den Rest der Geschichte kennen Sie. Ich hatte es damals nicht geschafft zu sagen: „Ich kann nicht mehr.“ Deshalb wollte ich erwischt werden. Wie sehr hätte ich es gewünscht, dass es anders gegangen wäre, aber so war es nun einmal.

Haben Sie sich in Ihrer großen Krise gehalten gefühlt von Freunden?

Die Menschen, die damals zu mir hielten, haben mir das Leben gerettet. Sie zwangen mich, dass ich – vielleicht zum ersten Mal – die Frage beantworten musste: Will ich und wie will ich leben? Natürlich gab es, wie immer in solchen Krisen, Menschen, die plötzlich abtauchten. Aber es gab auch andere, die treu neben mir standen. Eine meiner engsten Freundinnen, Regina Ziegler, gab für mich ein Abendessen unter dem vielleicht etwa provozierenden Motto „Welcome back, Michel Friedman!“ Und wer folgte der Einladung und blieb bis zum Schluss? Angela Merkel, damals CDU-Bundesvorsitzende.

Ihr Blick auf Ihre Krise heute, zehn Jahre danach?

Ich habe Fehler gemacht. Wie solche Fehler entstehen, dafür gibt es vielleicht Gründe. Aber es bleibt dabei: Es waren Fehler, die, wenn man eine öffentliche Person ist, nicht zu relativieren sind. Warum dann wer – auch in den Medien – wie auf mich reagiert hat, das mag jeder selbst beurteilen. Aber nicht wegzudiskutieren ist: Ich allein war die Ursache. Allerdings hatte ich nun auch – zum ersten Mal – die Möglichkeit, mir ein neues Leben zu konstruieren, das mich glücklich macht.

Sie blicken auf diese Krise nicht mit Reue zurück?

Doch, ich bereue, dass ich mich falsch verhalten habe. Aber ich stelle auch fest: Ich war in meinem Leben noch nie so glücklich wie in den letzten Jahren.

Waren Sie in jenen Jahren davor ein Getriebener?

Nein. Das würde ja bedeuten, von innen her getrieben worden zu sein. Nein, mich veranlassten die Ereignisse, immer auf Betriebstemperatur hochzufahren. Bubis und ich hatten ja zunächst in der jüdischen Gemeinschaft die Frage zu klären: Wollen wir in Deutschland leben und, wenn ja, wie. Dann haben wir noch eine andere Grundsatzentscheidung getroffen, die uns zusätzliche Arbeit bescherte. Diese Entscheidung hieß: Wir setzen uns gegen jede Form von Rassismus ein. Ergo haben wir nicht nur gegen die Diskriminierung von Juden gekämpft, sondern auch die von Muslimen, von Türkischstämmigen, von Roma und Sinti. Es gibt auch heute genug zu tun. Ich spreche nicht vom fröhlichen Judentum.

Das geht gegen den Präsidenten des Zentralrats Dieter Graumann.

Nein, ich schätze Dieter Graumanns Arbeit sehr und bin mit ihm befreundet.

Aber ist die Botschaft „Wir Juden sind nicht die, die nur erinnern und anklagen“ nicht klug?

Ich stimme dem zu. Aber wo es nötig ist zu erinnern und anzuklagen, muss das getan werden.

Es geht um das Bild, dass der Zentralrat lange Zeit hervorrief, als Mahner und Ankläger.

Das ist die Übernahme einer Projektion eines Teils der Gesellschaft, die Juden so sehen will. Und sie damit mundtot machen will.

Man tritt Ihnen nicht zu nahe, wenn man sagt, Sie seien nicht religiös?

Durchaus nicht. Ich bin ein politischer Jude, kein religiöser. Oder so ein Mischmasch aus politischem Juden, kulturellem Juden und Restbeständen von Religiosität.

Waren Ihre Eltern religiös?

ANTWORT: Nein, meine Mutter war nach dem Holocaust Atheistin. Mein Vater, der in einem Schtetl aufgewachsen war, machte gleichsam eine Zeitreise, wenn wir in der Synagoge waren. Es war berührend, wie er dann in die Gebete einfiel, das muss aus den Tiefen seiner Kindheit gekommen sein. Als Kind beobachtete ich das fasziniert. Ich registrierte aber auch, dass wir eine Woche später Currywurst essen gingen. Die ganz normalen Widersprüche halt.

Lassen Sie uns über Ihr heutiges Leben reden, das ja immer noch keine Vita contemplativa darstellt. Sie waren acht Jahre lang Herausgeber des politischen Buchs im Aufbau-Verlag, Sie sind Anwalt, Sie schreiben für Springer-Blätter, Sie moderieren seit acht Jahren bei N24 die Sendung „Studio Friedman“, die jeden Donnerstag um 23.10 Uhr ausgestrahlt wird.

Ja, die Sendung wird in Berlin aufgezeichnet und erreicht einen Marktanteil von 1,5 Prozent, was für einen politischen Spartensender sehr gut ist. Da ich in Berlin auch einige Mandanten habe, halte ich mich dort regelmäßig anderthalb Tage auf.

Und schlafen dann im Hotel?

Nein, im Haus von Regina Ziegler. Ich brauche das. Ich brauche menschliche Wärme um mich herum, das ist einfach so. Übrigens fliege ich richtig gern nach Berlin, komme aber noch lieber zurück nach Frankfurt.

Sie moderieren auch in Frankfurt eine sehr erfolgreiche Veranstaltung, nämlich im Schauspiel die Reihe „Friedman im Gespräch“. Da geht es um die großen Fragen des Lebens, etwa wenn Sie mit der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates sprechen oder mit renommierten Hirnforschern, mit Kirchenpräsidenten oder Philosophen. Die Veranstaltungen in den Kammerspielen sind immer ausverkauft, es kommen viele junge Leute. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Die Ernsthaftigkeit des Gesprächs, die intensive Vorbereitung des Gastgebers. Es ist bewusst keine Matinee, sondern eine Abendveranstaltung. Es geht nicht um Rechthaben, sondern um ernsthaftes Bemühen um ein relevantes Thema. Es geht auch um Zuhören. Sagt der Gast etwas Interessantes, es kann sich um ein einziges Wort handeln, dann lassen wir uns die Zeit, diesem Gedanken, diesem Wort nachzuspüren.

Woran liegt es, dass in diesen neunzig Minuten tatsächlich große Konzentration herrscht?

Die Gäste haben Substanz und Autorität. Wir dimmen den Zuschauerraum auf Schwarz. Wir auf der Bühne sehen keinen Zuschauer. Deswegen gibt es in der Regel keinen Zwischenapplaus.

Interessant. Wieso?

In dem Moment, da Sie das Publikum anschauen, beginnt eine Reaktion. Wenn Sie dann etwas sagen, was den Zuhörern gefällt, und Sie halten dabei Augenkontakt, beginnt das Publikum automatisch zu applaudieren.

In Ihrer Sendung „Vorsicht, Friedman!“ sind Sie Ihren Gästen sehr nahe auf den Leib gerückt.

Die Nähe verkürzt die Reaktionszeit des Gesprächspartners. Je näher ich bin, spüre ich, was mit einem Gesprächspartner geschieht: Stress, Entspannung, Lüge. Ich komme aus einer Kultur, der französischen, in der sich die Menschen nahe kommen, sich Küsschen geben, sich eher mal anfassen als in Deutschland. Nähe ist für mich nichts Bedrohliches.

Und das Anfassen?

Ich spreche nun einmal gern mit dem Körper. Und übrigens: Die Reduktion ist auch eine körperliche Aussage.

Sie sind beneidenswert schlank, wie machen Sie das?

Ich esse viel, aber bewusst. Also keine Kohlenhydrate, keine Butter, kein Käse, keine Wurst. Sie können Gemüse so lecker anreichern, dass Ihnen nichts fehlt. Und Fleisch und Fisch sowieso.

Sport?

Jeden Tag eine Stunde.

Donnerwetter. Wie alt sind Ihre Jungs?

Fünf und acht. Sie machen uns große Freude, aber ich habe einen „Fehler“ gemacht. Ich habe ihnen das Diskutieren beigebracht. Oft sagen sie: „Papa, du hast kein gutes Argument.“ Und manchmal haben sie damit sogar recht.

Die Fragen stellten Werner D’Inka und Peter Lückemeier.