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Der Popstar unter den Ökonomen

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Auf Paul Krugman hört ganz Amerika: Sein Blog ist Kult. Seine Forschung revolutionierte die Wirtschaftstheorie und belegt, wieso vom Welthandel alle profitieren.

Paul Krugman ist der Popstar unter den Ökonomen. Mehr als eine Million Menschen folgen ihm auf Twitter. Sogar im Vergleich mit Profis anderer Branchen ist das enorm – Boris Becker kommt etwa nur auf ein Viertel dieser Menge. Was Krugman in seinem Blog unter dem Dach der amerikanischen Zeitung New York Times schreibt, findet Leser rund um den Globus. Das Wall Street Journal, das dem bekennenden Demokraten politisch nicht gerade nahesteht, zeichnete ihn dieses Jahr als den einflussreichsten Ökonomen überhaupt aus. Tatsächlich gibt es keine wirtschaftspolitische Debatte, vor allem innerhalb der Vereinigten Staaten, aus der er sich heraushält.

Wirklich bahnbrechend sind allerdings nicht seine unzähligen Kommentare, sondern sein akademisches Werk: Paul Krugman erklärte den Außenhandel neu. Er konstruierte ein theoretisches Modell, das darstellt, warum es auch und gerade für einander ähnliche Länder vorteilhaft ist, miteinander Handel zu treiben. Um zu verstehen, warum das einer Revolution gleichkam, ist es wichtig, den Ausgangspunkt zu kennen. Bis zu Krugmans Arbeiten drehte sich die Erklärung, warum Länder miteinander Handel treiben, wesentlich um den Begriff des „komparativen Kostenvorteils“. Dahinter steckt der Gedanke, dass Handel mit anderen Ländern vorteilhaft für alle Beteiligten ist, wenn sich jedes Land auf das spezialisiert, was es vergleichsweise am besten kann.

Die Leitfrage der traditionellen Handelstheorie lautete denn auch: Welches Land exportiert welches Gut? Der britische Ökonom David Ricardo (1772-1823), der sie zuerst in eine Theorie packte, basierte seine Analyse auf unterschiedlichen Produktionstechnologien der miteinander handelnden Länder. In der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts legte der schwedische Ökonom Bertil Ohlin nach und demonstrierte, dass Handel auch dann vorteilhaft ist, wenn die Länder auf demselben technologischen Stand sind, sich aber in ihrer Ausstattung mit den wichtigen Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital) unterscheiden. Für die beiden aufeinander aufbauenden Analysen gilt: Spezialisierung und Handel lohnen sich umso mehr, je verschiedener die Handelspartner sind.

Wenn die alte Theorie nichts taugt

Krugman fand nun zu Beginn seiner akademischen Laufbahn Ende der siebziger Jahre eine Welt vor, für die dieser Ansatz nicht taugte. Der Welthandel spielte sich vor allem zwischen Industrieländern ab. Zugleich handelten die Ländern häufig die gleichen Güter miteinander, Deutschland bekam etwa Autos aus Frankreich und lieferte Autos dorthin.

Beide Phänomene passten nicht zur hergebrachten Theorie, nach der Handel vor allem zwischen stark unterschiedlichen Ländern hätte stattfinden müssen. Ein neues Erklärungsmodell musste her, Krugman baute es zusammen.

Warum er gerade diese Frage zu seiner machte, ist im Grunde einer Serie historischer Zufälle zuzuschreiben. Internationale Wirtschaftszusammenhänge gerieten damals auch unter Studenten stärker in den Blickpunkt, nachdem sich der Charakter der Weltwirtschaft durch den Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems grundlegend geändert hatte und es viel Neues zu erforschen gab.

Als Student in Portugals Zentralbank

Ans MIT, wo Krugman studierte, kam 1975 mit Rudiger Dornbusch eine Kapazität. In einem Aufsatz schreibt Krugman, dass ihn beeindruckt habe, wie sehr Regierungen und Banken bei Dornbusch Rat suchten. „Ich weiß nicht, ob die Möglichkeit eines solchen Bedeutungszuwachses neu war, auf jeden Fall war sie es für mich.“ Ein Jahr später entsandte das MIT eine Gruppe Studenten, darunter Krugman, für ein Projekt zur portugiesischen Zentralbank. Das Land hatte eine Revolution und einen versuchten Putsch hinter sich und befand sich in einem eher desolaten Zustand. Für Krugman eine offenbar wichtige Erfahrung: „Was ich dort lernte war, wie mächtig einfache ökonomische Ideen sind und zugleich wie unnütz Theorien, die keinen praktischen Bezug haben.“

Im Rückblick liest sich dieser Satz wie eine Richtlinie für Krugmans Arbeiten. Schließlich hörte er im selben Jahr eine Vorlesung des späteren Nobelpreisträgers Robert Solow über Theorien unvollständigen Wettbewerbs, die eigentlich ein Nischendasein in der Wirtschaftstheorie fristeten, aber alsbald von den Ökonomen Joseph Stiglitz und Avinash Dixit salonfähig gemacht wurden: Sie sind das methodische Rüstzeug und zugleich der formale Ausgangspunkt für Krugmans Coup.

Die besagten Theorien unvollständigen Wettbewerbs unterstellen eine (sehr realistische) Welt, in der sich Unternehmen durch hohe Fixkosten auszeichnen. Unter diesen Umständen präferieren sie eine möglichst große Produktionsmenge, auf die sich die fixen Kosten verteilen, weil sie dann umso mehr verdienen (steigende Skalenerträge). Produktvielfalt ist ihnen eher unwichtig. Aus Sicht der Konsumenten gilt das Umgekehrte: Sie wollen eine möglichst große Auswahl- viele verschiedene Produkte zu haben ist ihnen wichtiger als von einem einzigen Produkt eine große Menge.

Handel erfüllt Unternehmen und Verbrauchern ihre Wünsche

Krugman zeigt nun: Handel entschärft genau diesen Konflikt. Die Unternehmen bekommen eine größere Kundschaft (im Ausland), für die sie produzieren können. Und die Konsumenten bekommen ein vielfältigeres Angebot (durch ausländische Anbieter), was sie besser finden. Vorteilhaft ist das für alle. Neu ist: Die Erklärung, warum sich Handel lohnt, fußt nicht auf dem klassischen Argument des komparativen Kostenvorteils. Sie passt vielmehr, um zu erklären, warum einander ähnliche Industrieländer handeln und warum sie dies auch und gerade innerhalb derselben Branchen tun. Das wirtschaftstheoretische Argument dafür, warum zum Beispiel der Europäische Binnenmarkt eine gute Idee ist, war gelegt.

Dass Krugmans erster wissenschaftlicher Aufsatz über diese theoretische Neuerung im Jahr 1979, da war er gerade 26 Jahre alt, gewaltiges Potential besaß, sah anfangs nicht jeder: Das Quarterly Journal of Economics lehnte die Publikation ab. Und der Außenwirtschafts-Experte Jagdish Bhagwati druckte ihn als Herausgeber des Journal of International Economics gegen den Rat seiner beiden Gutachter. Mit zwei Folgewerken in den Jahren 1980 und 1981 baute Krugman seinen Ansatz aus und nahm Kritikern den Wind aus den Segeln. Er zeigte auch, warum in der Realität Länder gerade die Güter exportieren, für die der Heimatmarkt schon sehr groß ist (Deutschland zum Beispiel Autos).

Und er zeigte auch, warum die Angst unbegründet ist, dass durch Handel zwischen ähnlichen Ländern der eigene Industriestandort gefährdet sein könnte – eine Angst, die es zumal in Frankreich gab, als die europäischen Länder ihre wirtschaftliche Integration begannen. Für Krugman bedeuteten die drei Aufsätze den akademischen Durchbruch.

Ein Science-Fiction-Fan

Dabei betonte er, auch in der Vorlesung anlässlich seines Nobelpreises im Jahr 2008, dass er weder der Erste noch der Einzige war, der steigende Skalenerträge als Handelsursache erwog. Er nennt etwa eine Analyse des gebürtigen Ungarn Béla Balassa aus dem Jahr 1966, in der dieser teils ähnliche Grundgedanken geäußert hatte. Krugman ist aber der erste Ökonom, dem es gelang, diese Idee in ein klares, gut handhabbares und für andere nachvollziehbares theoretisches Modell zu überführen.

In der Folgezeit forschte und publizierte Krugman auch zu vielen anderen Themen. Nachdem er zu Beginn der achtziger Jahre vorübergehend dem Beraterstab von Präsident Ronald Reagan angehört hatte, beschäftigte er sich etwa mit der lateinamerikanischen Schuldenkrise, mit Japan, mit der Asien-Krise. Während dieser Zeit analysierte er auch die Frage, ob ein überschuldetes Land besser weiterfinanziert oder einem Schuldenschnitt unterzogen wird. Er beschäftigte sich mit Wechselkursentwicklungen und Währungskrisen, schrieb mehrere wirtschaftspolitische Bücher und internationale Standardwerke für Wirtschaftsstudenten.

Das akademische Steckenpferd des heute 60 Jahre alten Princeton-Professors ist allerdings der Handel geblieben. Mit ihm hat sich der Science-Fiction-Fan im wahrsten Sinne des Wortes so weit es geht beschäftigt: Auch den Handel zwischen Sonnensystemen und das Problem des Transports nahe der Lichtgeschwindigkeit, das dabei auftritt, hat er mit einem Augenzwinkern in ökonomische Kategorien gepackt. Wie immer mit einem theoretischen Modell – nur dass in diesem Fall der praktische Bezug (noch) fehlt.