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Moderne Technik, konservativer Klang

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Rechte Winkel sucht man am Fidelio DTM 9030 vergebens, sie erheben sich auf einem trapezförmigen Grundriss. Das Lautsprecherpaar von Philips hat zudem die komplette HiFi-Anlage an Bord.

Seit Philips seinen Lautsprechern den Familiennamen Fidelio aufs Gehäuse schreibt, sind rigide Formvorgaben wie der rechte Winkel tabu: Schallwandler mit ovalen und ringförmigen Klangkörpern oder mit dekorativ ausgelagerten Hochtönern bereichern seither die Szene, manche von ihnen sogar mit jenem operntauglichen Klang, den der Name suggeriert. Jetzt weicht der Hersteller ein bisschen von der selbstverordneten Philosophie der Extravaganz ab – mit hüfthohen Standlautsprechern, die eher an klassische HiFi-Konstrukte erinnern. Rechte Winkel aber sucht man auch am Fidelio DTM 9030 genannten Modell (Paarpreis: um 800 Euro) vergebens: Die Boxenkörper erheben sich auf einem trapezförmigen Grundriss, ein Kunstgriff, der helfen soll, stehende Wellen im Inneren und damit hässliche Klangverfärbungen auszubremsen. Hinter nach vorn gewölbten Lautsprecher-Bespannungen sitzen, wiederum ganz konventionell, je zwei Tief-Mitteltöner in einer Bassreflexanordnung und ein Kalottenchassis für die hohen Frequenzen. So weit die reinen Lautsprecherfunktionen.

Im rechten Fidelio-Gehäuse aber stecken zusätzlich auch die Ingredienzen einer ganzen HiFi-Anlage. Darunter, klarer Fall, ein Verstärker, der mit digitalen Endstufen arbeitet, er versorgt beide Lautsprecher. An die linke Box schickt er die Tonsignale über eine mit Schraubklemmen befestige Kabelverbindung. Ein CD-Spieler ist ebenfalls an Bord. Ihn erkennt man allerdings nur an einem schmalen Schlitz in einem aus Aluminium gefertigten Oberdeck der rechten Box. Steckt man eine Silberscheibe hinein, wird sie mit surrender Motorkraft nach innen gezogen. iPhones und iPods können ebenfalls mitspielen, ganz gleich, ob sie den jüngsten Gerätegenerationen angehören oder älteren Jahrgängen: Die hinter einer kleinen Kunststoffklappe versteckte Dockingstation im silbernen Deck hat gleich zwei Anschlussleisten – eine dreißigpolige für die älteren Modelle bis zur iPhone-Generation 4S und einen Lightning-Anschluss für die jüngeren Taschenspieler.

Die Bluetooth-Bandbreite reicht nicht aus

Smartphones der Android-Sippe kommen ebenfalls in Frage, sie müssen sich aber über Bluetooth-Funk mit dem Lautsprecher verbinden. Unterstützt das Mobiltelefon das Ton-Codierverfahren Aptx (das trifft zum Beispiel auf das Galaxy S4, etliche weitere Samsung-Modelle und viele HTC-Handys zu), funktioniert der Kurzstreckenfunk sogar ohne Klangverluste. Dafür sorgt die Aptx-Ausstattung der Fidelios. Der Hintergrund: Die Bluetooth-Bandbreite reicht nicht aus, um den Ton unkomprimiert über die Luftbrücke zu schicken. Nun könnte das Smarthone MP3-Dateien oder auf andere Weise datensparsam verpackte Musiksignale einfach ohne weitere Bearbeitung übertragen, aber meistens lassen die Hersteller eine solche Betriebsart nicht zu, was unter anderem mit Lizenzkosten zu tun hat.

Also passiert beim Bluetooth-Tonfunk üblicherweise Folgendes: Das Smartphone dekodiert die MP3-Datei zunächst und komprimiert sie abermals nach einem Verfahren, das SBC heißt und zum Audio-Profil des Bluetooth-Standards gehört. Damit summieren sich die Kodierfehler zweier Kompressionsverfahren, die gewisse Verluste in Kauf nehmen, und das fördert nicht unbedingt den Wohlklang. Aptx dagegen verpackt MP3-Dateien oder auch zum Beispiel nach dem verlustfreien Verfahren FLAC kodierte Musikdaten in eigene, spezielle Datencontainer und lädt sie im Empfangsgerät, in diesem Fall also im Fidelio-Lautsprecher, zur Weiterverarbeitung unversehrt wieder aus. Der Klangvorteil ist hörbar.

Auch ein UKW-Radio gehört zur Elektronik in der rechten Fidelio-Box. Ein kleines Display zeigt die Sendernamen an. Der Hörfunk kann auch den Weckdienst übernehmen – oder beim Einschlafen helfen: Passende Timer-Funktionen zählen zur Ausstattung. Internetradio funktioniert ebenfalls, auf dem Umweg über das angedockte iPhone: Philips bietet eine Gratis-App namens Clock Studio an, die ein ganzes Universum an Radiostationen aus allen Kontinenten erschließt und so ganz nebenbei auch noch eine Diashow aus den gespeicherten Fotos aufs Display zaubert. Weitere Musikquellen gefällig? USB-Sticks oder gar Festplatten spielen ebenfalls mit, wenn sie Musik in MP3 oder in Windows Media Audio geladen haben. Über optische und elektrische Digitaleingänge und eine analoge Klinkenbuchse können sich zudem weitere konventionelle Musiklieferanten einbringen, und damit die Bedienung auch aus dem Sessel heraus klappt, gehört ein Infrarot-Handsender zum Lieferumfang.

Wie steht es nun mit dem Klang der vielseitigen Fidelios? Der überrascht den Zuhörer ein bisschen, und zwar im positiven Sinn. Denn das Klangbild der Lautsprecher kommt eher dem Geschmack wertkonservativer Musikfreunde entgegen: MP3-Kids werden vielleicht in den Klangeinstellungen des Verstärkers erst einmal die Höhen um ein paar Dezibel aufdrehen, aber das haben die Fidelios eigentlich nicht nötig, denn die unaufdringliche Art, in der sie aufspielen, hat ihren ganz eigenen Charme. Kurzum: Die schlanken Lautsprecher tönen mit einem warmen, angenehmen Timbre, verleihen Stimmen und Instrumenten erdige Farben, denen alles Grelle abgeht, und unterlegen den Gesamtauftritt mit einem ordentlichen, harmonisch eingepassten und nie aufdringlichen Tiefton-Fundament. Räumliche Dimensionen bilden sie mit angemessener Größe ab, entfalten aber nicht den Ehrgeiz, den Ort einzelner Stimmen und Instrumente allzu analytisch festzulegen. Dies alles hat Züge feiner Ironie: Bluetooth-Funk, iPhone-Dock und Web-Radio sind nicht unbedingt Ausstattungsmerkmale, die reifere Klassikhörer suchen. Aber gerade sie kommen mit der Klangphilosophie dieser Lautsprecher besonders auf ihre Kosten.