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Schizophrenie an Chinas Aktienmärkten

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Ausländische Anleger vertrauen Pekings Reformankündigungen viel mehr als einheimische. Deshalb steigen die Kurse in Hongkong, während sie in Schanghai fallen.

Viele Ausländer zeigen sich China gegenüber deutlich zuversichtlicher als die Chinesen selbst. Internationale Besucher sind begeistert von der Modernität der Städte, der fabelhaften Infrastruktur, der Dynamik und Entscheidungsgeschwindigkeit in der zweitgrößten und am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaft der Welt. Viele Einheimische sehen die Lage skeptischer. Sie erkennen die hohen Kosten des rasanten Wandels: Umweltverschmutzung, Ausbeutung der Wanderarbeiter, Korruption, Enteignungen, Ein-Parteien-Diktatur, fehlende Partizipation und Rechtsstaatlichkeit. Wer es sich leisten kann, bringt seine Familie oder zumindest sein Geld ins Ausland.

Diese Zweifel an der Verlässlichkeit und Zukunftsfestigkeit des herrschenden Systems und seiner Pläne zeigen sich auch jetzt wieder. Vor einer Woche verabschiedete das Zentralkomitee (ZK) der Kommunistischen Partei das umfangreichste Reformpaket seit den neunziger Jahren. Seitdem überschlagen sich internationale Banker, Ökonomen, Publizisten mit Lob. Viel ruhiger haben die Chinesen reagiert, denen schon oft weitreichende Veränderungen versprochen wurden, ohne dass sie dann eintraten.

Der Alltag in Schanghai kehrt zurück, die Kurse fallen

Am anschaulichsten zeigt sich diese Dualität an den Aktienmärkten. Hatten zunächst auch die Börsen in Schanghai und Shenzhen freundlich auf die Entscheidungen des so genannten Dritten Plenums des ZK reagiert, so ist dort inzwischen Alltag eingekehrt. Das heißt an den seit Jahren schwachen Handelsplätzen vor allem eins: Ernüchterung und Kursverfall.
Auf dem Festland dürfen fast nur Chinesen Wertpapiere kaufen, ganz anders sieht es in New York und Hongkong aus. Dort erwerben vor allem ausländische Investoren Anteile an rot-chinesischen Unternehmen. Das tun sie seit Tagen mit wachsender Begeisterung. In New York sind chinesische Papiere gestern um 0,6 Prozent gestiegen, in Hongkong legen die so genannten H-Aktien heute Vormittag noch einmal 1,5 Prozent zu.

Begehrt sind vor allem Anteilsscheine an Citic Securities und Haitong Securities, deren Preise doppelt so stark klettern wie der Markt. Die Korrelation zum Dritten Plenum ist evident: Ein staatliches Finanz-Journal hat dessen Beschlüsse heute so interpretiert, dass demnächst ausländische Beteiligungen an Wertpapier-Handelshäusern wie Citic oder Haitong möglich werden sollen.

Schwacher Yen-Kurs treibt die meisten asiatischen Börsen ins Plus

In der ganzen Woche seit Bekanntgabe der Reformbeschlüsse beträgt der Zuwachs des entsprechenden HSCE-Indexes in Hongkong 7,5 Prozent. So steil war es zuletzt 2011 aufwärts gegangen. Demgegenüber erreicht die Wochenzunahme im Shanghai Composite Index nicht einmal halb so viel, nämlich 3,2 Prozent. Heute setzt es sogar ein leichtes Minus.
Die Unterschiedlichkeit der Anlegerstimmung geht so weit, dass die Kurse von Unternehmen, die an beiden Plätzen notiert sind, in Hongkong zulegen, in Schanghai aber fallen, etwa Banktitel.

Im Rest Asiens überwiegen heute die positiven Signale. Besonders spürbar, um etwa ein Prozent, gewinnen die Kurse in Tokio hinzu. Das liegt daran, dass der Yen gegenüber dem Dollar auf dem schwächsten Stand seit Juli notiert. Dadurch entstehen japanischen Exporteuren Preisvorteile, etwa dem Autokonzern Toyota, dessen Aktien um 1,8 Prozent an Wert gewinnen.
Angefacht von der lockeren Geldpolitik mit dem Yen-Verfall, ist der japanische Leitindex Topix im laufenden Jahr schon um 46 Prozent gestiegen. Das hat kein anderer der 24 wichtigsten Indizes in den Industrieländern geschafft. Bis 2015 soll es mit dem Topix um weitere 32 Prozent aufwärts gehen, erwartet Goldman Sachs.

Chinas Kapitalgeber können von diesen guten Aussichten im Nachbarland nicht profitieren, aus ihrem abgeschotteten Markt heraus sind Auslandsanlagen nicht erlaubt. Doch wenn es nach dem Willen des Dritten Plenums geht, werden die Kapitalverkehrskontrollen spätestens 2020 gelockert und der Renminbi wird frei umtauschbar. Falls es soweit kommt, halten sich chinesische Investoren sicher weniger zurück als heute.