Essen & Trinken

Tarte im Orient-Express

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Mörder? Ach was! Wer mit dem berühmten Zug von Venedig nach London reist, dem droht als größte Gefahr die absolute Übersättigung dank des guten wie üppigen Essens.

Es gibt viele Gründe, einen Platz im Orient-Express zu buchen. Die einen wandeln auf den Spuren von Agatha Christies Detektiv Hercule Poirot, andere sind auf Hochzeitsreise. Aber alle sind gespannt, ob nun nostalgisch oder romantisch gestimmt. Der Speisewagen ist auch wichtig, doch ebenso wie bei einem First-Class-Flug steigt niemand in diesen Zug nur wegen des Essens. Wir waren trotzdem neugierig: Die Bahn im Allgemeinen steht nicht gerade im Ruf, kulinarische Spitzenleistungen zu erbringen- würde der Orient-Express da eine Ausnahme darstellen?

Man sollte etwas gespart haben, um die goldbeschrifteten dunkelblauen Wagen zu besteigen- der Preis für die dreißigstündige Reise von Venedig nach London beträgt mehr als 2000 Euro pro Person, die Erwartungen sind also hoch.

Alle verbreiten Ungezwungenheit und gute Laune

Venedig ist die perfekte Einstimmung. Das Surren der Motorboote, das leise Schlagen der Wellen, die hallenden Schritte in den Gassen, all dies geht wie nahtlos über in das gleichmäßig schwankende Rumpelrollen des so gar nicht auf Highspeed ausgelegten Zuges. Durch die Fenster der teakholzgetäfelten Abteile betört die Weite der Lagune- Echtzeit statt Fernsehen. Hier nun gleich der erste Ratschlag: Beim Venice-Simplon-Orient-Express (VSOE, dem bekanntesten Anbieter der heute ausschließlich touristischen Fahrten) bleibt man der Tradition treu, sich kulinarisch von den durchquerten Ländern inspirieren zu lassen. Ein lobenswertes, zeitgemäßes Konzept – doch der Prosecco, der zur Abfahrt in Venedig serviert wird, entspricht leider dieser Stadt, die immer gut isst, beim Wein aber anscheinend keine besonderen Ansprüche hat. Der Haus- oder vielmehr Zug-Champagner hingegen, ein Blanc de blanc aus dem Haus Lechère, lohnt die Extra-Investition allemal (anders als das Essen sind die Getränke im Fahrpreis nicht inbegriffen).

Im Abteil betreut uns mit Hingabe Steward Vincent aus Paris, seine Kollegen im Service stammen größtenteils aus Italien, und alle zusammen verbreiten Ungezwungenheit und gute Laune. Die Standhaftigkeit im fahrenden Zug ist ihnen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Wir lehnen uns zurück und studieren die Landkarte: Über Padua fahren wir durchs Trentino und Südtirol, über den Brenner, Arlberg, Zürich hinüber nach Frankreich, am Morgen werden wir in Paris aufwachen, von wo es über Calais nach London geht.

Doch zuerst steht Mittagessen auf dem Programm. Christian Bodiguel, der offizielle VSOE-Küchenchef ist nicht an Bord, aber seine acht Köche versorgen routiniert drei Speisewagen in jeweils zwei Sitzungen. Wir sitzen jetzt in den blaugrau gepolsterten Sesseln des mit Lalique-Reliefs dekorierten Dining Cars namens Côte d’Azur. Wie die meisten Wagen dieses Zuges entstammt er der Jugendstilzeit der Zwanziger und ist aufwendig restauriert worden.

Vorher fasten, um nicht vorzeitig schlappzumachen

Die Weinpreise sind nicht gerade niedrig und einige der üblichen internationalen Statusflaschen selbstverständlich im Angebot, aber insgesamt entpuppt sich die Auswahl als ordentlich und bietet sogar einige richtige Schnäppchen. Doch noch bringt die mittägliche Herbstsonne das Gelb-Orangerot der Weinberge des Trentino und Alto Adige zum Leuchten, und wir bekommen ganz passend dazu Kürbissuppe mit sautierter Entenstopfleber im Nudelblatt serviert. Es folgt auf den Punkt gebratener Kabeljau mit einem gedämpften Heuschreckenkrebs auf Seeigelsauce, mit karamelisiertem Chicorée und Topinambur-gefüllten Mini-Paprika. Auf den aufwendig gedruckten Menükarten gibt sich das in altmodischer Hyperbolik sehr französisch: Saucen sind grundsätzlich „La Sauce“, Gemüse treten als Bouquets auf und Melonen in Fächerform. Aber es ist gut zubereitet und ein Genuss. Das Dessert, eine äußerst konzentrierte Hafercreme, scheint dann aber eher für Extremsportler geeignet als für unser luxuriöses Dasein, in dem der Gang zum Speisewagen die einzige Chance zum Kalorienabbau darstellt.

Damit wir auch ja nicht verhungern, versorgt uns Vincent bald nach unserem Mittagsausflug im Abteil mit Afternoon Tea. Natürlich müssen wir die Frucht-Tartelettes, den Schokoladenball und vor allem den momentan so angesagten Baba au Rhum zumindest probieren – alles hervorragend. Daher der zweite Ratschlag: Wer Spaß am Essen hat, sollte vor einer Fahrt mit dem Orient-Express einige Fastentage einlegen, um im Dining Car nicht vorzeitig schlappzumachen.

Der Zug kurvt immer höher, dem Brenner entgegen, und wir staunen über eine dichte Decke frischen Schnees nach der sommerlichen Wärme Venedigs. Während es allmählich dunkel wird, legt man in den Kabinen Elegantes an. Die Standards variieren, doch niemand taucht einfach im T-Shirt auf, die Stimmung ist festlich und freudig gespannt wie im Theater vor einer Premiere.

So gut haben wir im Zug noch nie gegessen

Zuerst gehen wir ins Bar Car – du Champagne! Fürsorglich werden Nüsschen, Oliven und kleine Häppchen wie Zucchinirouladen mit Räucherlachs und Lardo-Rosetten mit Tapenade vor uns aufgebaut. Unsere Mitreisenden haben je nach Alkohol- und Fitnesslevel Mühe, daran vorbeizubalancieren, ohne auf unserem Schoß zu landen, was die Stimmung allgemein lockert. In den Gläsern perlt es, der angenehm talentierte Mann am Klavier entspricht der Situation eher im übertragenen als streng historischen Sinn und spielt „Moonriver“ und „New York, New York“, und draußen fliegen die österreichischen Alpen vorbei – das Leben ist mehr als nur erträglich. Zum Essen bestellen wir als Erstes den Riesling Montiggl der Genossenschaft St. Michael in Eppan/Südtirol, an deren Weinbergen wir vor wenigen Stunden vorbeigefahren sind. Seine saftige grüngelbe Frucht und reife Säure vertragen sich nicht nur bestens mit den Blumenkörben und -girlanden, die die rotbraun glänzenden Wände des Étoile du Nord-Wagens schmücken, sondern auch mit dem wiederum hervorragend gebratenen Wolfsbarsch auf dem goldverzierten Teller.

Räucherlachs sorgt für den Kontrapunkt zum Alkohol, eine kleine geschmorte Tomate und eine Zitronen-aromatisierte Sahnenocke mit etwas lombardischem Zuchtkaviar für süßliche und salzige Akzente – so gut haben wir im Zug noch nie gegessen, châpeau, Monsieur le Chef! Selbst die Minibaguettes überzeugen und stellen mit dem Töpfchen Echiré-Butter eine zusätzliche Versuchung dar.

Dann muss Rotwein in die dem Rütteln des Zuges angepassten, schwerfüßig gestauchten Gläser: Wiederum vermeiden wir mühelos Hochpreisiges und freuen uns über die elegant-herben Kirschnoten des Pinot Nero Reserva von Hofstätter, ebenfalls aus Südtirol. Weder das zarte, niedrigtemperaturgegarte Kalbscarré noch die Salbeijus oder die Mischpilze erheben Einwände, Mandelbroccoli und Schmelzkartoffeln halten sich nach traditioneller Art im Hintergrund.

Den Abschied aus Frankreich versüßen

Dann naht mit fliegenden schwarzen Frackschößen Maître Alexandre mit einem vielversprechenden Käsebrett. Unaufgefordert erläutert er uns sein Angebot und sorgt damit für eine der wenigen Enttäuschungen der Reise. Als säßen wir in einem überforderten Hotelrestaurant, bekommen wir (mit bestem französischen Akzent und logistisch durchaus gekonnt) Valençay als Pouligny-St-Pierre, Roquefort als Schafsziegenkäse und Camembert als mild serviert – Hercule Poirot hätte Alexandre als Betrüger entlarvt, wir nehmen ihn eher als einen weiteren Beweis dafür, dass französische Staatsbürgerschaft und Käsekenntnisse keine austauschbaren Eigenschaften sind, genießen den an sich guten Gegenstand seiner Ignoranz und greifen dann nochmals zur Weinkarte.

Die Weinberge von Carlo Hauner auf den äolischen Inseln bei Sizilien haben wir natürlich nicht vorbeiziehen sehen, aber diese balsamische, gelassene Süße bringt uns jene wonnig-verwöhnte Stimmung zurück, die zu diesem Moment gehört (und kostet einen Bruchteil des ebenfalls angebotenen Yquem). Eine mit Amaretto-Eis gefüllte Schokoladenkugel sorgt auf dem Teller für krachende Dramatik, überfordert uns aber endgültig, ebenso wie die Mignardises. Wir sind schlicht und ergreifend satt.

Was wiederum ein wunderbarer Anlass für die Rückkehr ins Bar Car und einen Whisky darstellt. Zu Klavierklängen ins Polster zurückgelehnt, Auszeit von Normalität und Alltagsidentität. Als wir am Morgen in Paris aufwachen, haben wir noch die „Folle farandole“ im Ohr, den verrückten Tanz, Edith Piafs Lied vom Finden und Verlieren. Während einige Mitreisende aussteigen, andere neu hinzukommen, verwandelt Vincent unsere Betten im Handumdrehen zurück zum Sofa und serviert uns le petit déjeuner. Wir sind ein bisschen enttäuscht über den Stilbruch der schnöde-modernen Thermoskannen und den abgepackten Emmental français, aber wieder sind Brot und Butter exzellent – und Konfitüren, Obstsalat, Kaffee und Tee haben wir in vielen renommierten Hotels in wesentlich schlechterer Qualität erlebt. Kurzfristig sind wir versucht, dieses Kinderabenteuer für Erwachsene vorzeitig zu beenden und in Paris zu bleiben, das in der Morgensonne lockt.

Um es gleich vorwegzunehmen: Sollten wir je das Glück haben, diese Reise zu wiederholen, täten wir genau dies. Dann hätten wir allerdings das Mittagessen verpasst, das uns als Brunch im schwarzen Lack-Interieur des L’Oriental-Dining Car mit den wunderschönen chinesischen Landschaften wird. Um das nach britischer Art babybreiige Rührei mit Räucherlachs wäre es nicht schade gewesen, aber Hummer haben wir selten so gut, saftig und fein süß erlebt. Französisch, bien sûr, versichert uns der Stellvertreter vom Chef de Cuisine Bodiguel, der dem halben Tier nur ein wenig Kressebutter und eher überflüssige gratinierte Herzoginkartoffeln hinzugefügt hat (wir haben stilgerecht Pouilly Fuissé bestellt). Er versüßt uns den Abschied von Frankreich mit einer schmelzigkaramelligen Apfeltarte nach Tatin-Art, Vanilleeis und Sahne.

In England: Outing als „from the continent“

Denn kurz darauf wird die Warnung der Farandole Wirklichkeit: In Calais müssen wir Vincent Adieu sagen, im strömenden Regen in einen schnöden Reisebus umsteigen, die ernüchternde Neonwelt der Zollkontrolle passieren und dann die gespenstische Enge der Eurotunnel-Blechboxen aushalten. Man versorgt uns während der 90 Minuten mit britischen Sonntagszeitungen, Knabbergebäck, Wasser, Orangensaft und Erfrischungstüchern. Wir bereuen jetzt sehr, nicht in Paris geblieben zu sein.

In Folkestone dürfen wir zumindest wieder in einen Zug umsteigen- jetzt ist es der vom selben Anbieter betriebene British Pullman, der keine Schlafwagen mitführt, sondern für unterschiedliche Tagesfahrten auf der Insel unterwegs ist. Die Stimmung ist eine andere, wirkt ein wenig theatralischer. Doch der Hungertod droht auch hier nicht: Es gibt – of course – Afternoon Tea. Der Tee kommt von der Tregothnan-Plantage in Cornwall und ist so gut, dass wir einige Tassen konsumieren, der Rosé-Sekt stammt von der Hush Heath Estate in Kent, schmeckt trocken, himbeerfruchtig und wird nicht nachgeschenkt.

Dafür gibt es auf dem Teller reichlich: weiche weiße Sandwichfinger mit Räucherlachs, Schinken, Hühnchen, Eiersalat oder Gurken, Scones mit Clotted Cream und Erdbeerkonfitüre (wir outen uns als from the continent, weil wir die Sahne wie Butter als Erstes auf die Scones streichen), gefolgt von einem Silbertablett mit süßem Backwerk von Macarons über Obsttörtchen bis zu Schokoladenschnitten. Alles gut und ohne kontinental-orientale Vorgeschichte zweifellos verführerisch. Wir aber schwenken die weiße Fahne, blicken versonnen auf die grünen Hügel von Kent und träumen uns zurück ins Bar Car von gestern Abend. Une folle farandole, das war diese Reise in der Tat, auch ohne Schneewehen und Mörder.

Als wir schließlich am frühen Abend in London-Victoria auf dem Bahnsteig stehen, verabschieden wir uns mit einem letzten Hinweis: Pläne fürs Abendessen erübrigen sich an diesem Tag.