
Jean Paul Gaultier ist seit 37 Jahren im Geschäft. Im Interview erzählt der französische Modeschöpfer von romantischen Phantasien, das Altern und der Realität in der Mode.
Jean Paul Gaultier hat überhaupt nichts von einem Paradiesvogel, als der er so oft beschrieben wurde. Er trägt einen grauen Pullover, schwarze Jeans und sagt: „Ich will nicht die Aufmerksamkeit auf mich richten, ich bin doch nicht in mich verliebt.“ In Berlin nimmt er an der Veranstaltung „GQ Men of the Year“ teil. Davor hat er noch Zeit für frisch gepressten Zitronensaft und um über sein Alter nachzudenken.
Monsieur Gaultier, das Magazin „GQ“ hält Sie mit 61 für einen „Mann des Jahres“. Ist die Mode ein guter Ort, um in Würde zu altern?
Nein, es ist das genaue Gegenteil. In der Mode geht es um das Heute und Jetzt. In diesem Beruf alt zu werden ist schwierig. Viele Designer haben deshalb eine kurze Karriere. Gerade heute, weil die Bedeutung der Mode-Konglomerate zugenommen hat.
Sie kontrollieren so viel, es ist wie eine politische Macht. Sie kaufen alles: Marken, Presse, Manufakturen. Als ich meine Karriere begann, hatte ich kein Geld. Das gab mir eine kreative Freiheit.
Die Sie heute vermissen?
Ich habe nicht mehr die Freiheit wie früher, nein. Damals hatte ich keinen Assistenten, meine Eltern fütterten mich durch, ich arbeitete nebenbei, um Geld zu verdienen. Von den ersten fünf Kollektionen habe ich kein einziges Teil verkauft. Ich hatte keine Vergangenheit, nur die Zukunft.
Ich habe für andere Firmen gearbeitet, um meine Marke am Leben zu halten. Als ich einen italienischen Lizenzgeber in den frühen achtziger Jahren fand, machte ich 180 Modelle für eine Schau, die 45 Minuten ging. Das geht heute nicht mehr.
Selten dauerte eine Modenschau länger als eine Viertelstunde.
Alles, was ich in den ersten 15 Jahren verdiente, steckte ich in Schauen. Ende der neunziger Jahre hieß es: Du musst wachsen, mehr Boutiquen eröffnen, sonst stirbt deine Marke. Also nahm ich den Job bei Hermès an.
Sie waren von 2003 bis 2010 Chefdesigner der Damenkollektion. Fühlen Sie sich heute freier?
Nein, weil ich eine Vergangenheit habe. Ich bin seit 37 Jahren im Geschäft, habe Vorlieben entwickelt, spiele meine Themen durch: die Grenzen von Weiblichkeit und Männlichkeit, Fetische, Tattoos, Sex.
Ein Übergewicht, das Sie nicht mehr loswerden?
Das ist doch ein Teil von mir. Und kam schon in meiner ersten Schau zum Ausdruck. Nur damals dachten einige Zuschauer, ich würde mich über Mode lustig machen.
Was zeigten Sie?
Die Mädchen trugen Bikerjacken, Tutus und Büstenhalter mit Nieten. Das war eine Mischung aus der schicken Pariserin und der „Rocky Horror Picture Show“, die mir damals sehr gefallen hat.
Wir reden von 1976, Punk lag schon in der Luft, Vivienne Westwood verkaufte an der King’s Road ähnliche Kleidung, nur in Paris riefen sie: Das kann doch keiner tragen!
Die Briten mögen Sie. Der „Telegraph“ hat Sie mal als seltene Spezies beschrieben: „einen Franzosen mit Humor“.
Wissen Sie, gerade kürzlich habe ich herausgefunden, dass die Mutter meines Großvaters Engländerin war. Dieser kleine Teil von ihr lebt in mir weiter.
Ich mag britischen Humor, diese Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, das hat mir an den Engländern imponiert. In Frankreich vermisse ich das.
Darf man in Paris keine Witze über Stilfragen machen?
Absolut nicht. Es existieren Codes, was sich schickt, was nicht. Wenn Sie zur Bank gehen und keine Krawatte tragen, nimmt Sie niemand ernst. Sie wollen einen Kredit? Alles, was Sie hören werden, ist ein „Non, non, non“.
An den Engländern schätzen Sie weiterhin, wie spielerisch Sie mit ihrer Kleidung sind.
Nicht nur dort, auch in Berlin sehe ich das. Ich spüre eine ähnliche Energie wie im London der achtziger Jahre. Damals war ich fast jede Woche einmal in der Stadt, die Leute dachten schon, ich wohne in London.
Wenn ich heute jung wäre, würde ich nach Berlin ziehen. Na ja, vielleicht ist das nur die romantische Phantasie eines älteren Herrn, der selbst nie woanders gelebt hat.
Dieses Spielerische, was Sie in Berlin ausmachen, zieht sich durch Ihre Arbeit. Manche Entwürfe entstammen Ihrer Kindheit. Den berühmten konischen BH zogen Sie als Junge einem Stofftier an.
Und dann trug ihn Madonna Ende der achtziger Jahre.
Ein logischer Schritt: vom Teddybär-Transvestiten zur Rampensau?
Oh, Madonna ist ein Macho, also ja, da war es in gewisser Weise logisch. Es fühlte sich richtig an.
Haben Sie den BH auch mal anprobiert?
Nie, zu meinem Fünfzigsten habe ich ein Bustierkleid angezogen – mit Highheels. Das erste und letzte Mal.
Ich musste mit den Schuhen viele Stufen hochsteigen, danach taten mir meine Beine furchtbar weh. Meine Lehre daraus: Wer kräftige Waden haben möchten, sollte High-Heels tragen.
Sie betonen oft, dass Ihre Großmutter Sie von Anfang an unterstützt und Sie an Mode herangeführt hat.
Sie zeigte mir früh Dinge. Zum Beispiel sah ich einmal auf einem Plakat ein Korsett und fragte: Was ist das denn für ein Ding?
Sie erklärte mir, dass Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts so etwas trugen, um eine schmale Taille zu bekommen, dass die Frauen einen Schluck Essig tranken, damit sich der Magen zusammenzog, und dann von hinten jemand das Korsett zuschnürte.
Waren Sie da froh, ein Junge zu sein?
Ich habe das als Kind nicht mit dem Leiden der Frauen in Verbindung gebracht. Ich dachte, sie hätten das alle freiwillig angezogen, nicht dass die Gesellschaft es von ihnen erwartete. Das hat mir meine Großmutter nicht gesagt.
Sie hat Ihnen jedoch gezeigt, das Alter nicht zu verteufeln.
Meine Großmutter arbeitete als Krankenschwester, sie machte Hausbesuche, spritzte Medikamente, massierte einige ihrer Patienten und legte Schönheitsmasken auf. Als ich sieben war, durfte ich manchmal dabei sein. Ich hörte diesen Frauen, die darüber redeten, wie sie ihre Haare frisierten, welche Cremes sie benutzten, und verstand, wie wichtig Menschen ihr Aussehen ist.
Als ich 12 war, schenkte mir meine Großmutter ein Buch, in dem es um einen schwulen jungen Mann ging. Sie sagte: „Diese Geschichte erzählt von kranken Menschen, aber du musst lernen, auch zu solchen Menschen nett zu sein.“ Sie ahnte ja nicht, wie nett ich später zu solchen Jungs sein würde.
Ist Ihre Großmutter ein Grund, warum Sie auch ältere Models für Ihre Schauen buchen?
Nein, ich habe auch dicke Menschen in den Schauen – und will so zeigen, dass Schönheit überall sein kann. Ich bin als Junge ausgeschlossen worden, weil ich nicht Fußball spielen konnte.
In meiner Arbeit möchte ich niemanden ausgrenzen. Warum nicht mal eine Kollektion für ältere Frauen entwerfen?
Ein unterschätzter Markt: gute Mode für Frauen ab 50.
Für übergewichtige Frauen gibt es einen gut funktionierenden Markt, nur für ältere nicht. Und das sehe ich als Widerspruch. Diese Frauen haben doch meist mehr Geld.
Beschäftigen Sie sich mit dem Alter, weil Sie selbst erleben, wie sich Ihr Körper verändert?
Nein. Als ich 1989 die Junior-Kollektion lanciert habe, wählte ich für meine Kampagne zwei ältere Menschen aus, die eben nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprachen.
Kürzlich haben Sie im Brooklyn Museum eine Retrospektive Ihrer Arbeit eröffnet. Bei der Gelegenheit wiesen Sie darauf hin, dass wir mehr älteren Menschen zuhören sollten.
Natürlich, sie haben doch mehr Geschichten zu erzählen. Und sind in der Regel klüger, auch wenn das wie ein Klischee klingt.
Wer erzählt die lustigeren Geschichten: jemand, der völlig high im Club ist, oder ein älteres Pärchen im Café?
Hängt von der Party ab, non? Also mich würden beide Geschichten interessieren. Ich studiere gern das Leben der anderen.
Was heißt das?
Wenn ich Bücher lese, sind es meist Biographien. Ich liebe es, in die Erfahrungen von Menschen einzutauchen, die vermutlich ein langes Leben hatten. Oft sind es Bücher über Schauspieler, das müssen gar keine aus der ersten Reihe sein. Gerade habe ich die Biographie von Bernadette Lafont gelesen, die dieses Jahr gestorben ist.
Sie spielte in „Nouvelle Vague“-Filmen mit, ihre Tochter modelte in den achtziger Jahren für mich und starb 1988 bei einem Unfall in den Bergen. Bernadette Lafont hat eine besondere Sprache gehabt, lustig, energisch, weise.
Der amerikanische Journalist Henry Louis Mencken hat einmal gesagt: „Je älter ich werde, umso weniger glaube ich an die Doktrin, dass mit dem Alter die Weisheit kommt.“
Ah, diese Fragen über das Alter, Sie haben doch einen jungen Mann vor sich. Nein im Ernst, manchmal habe ich Angst vor dem Älterwerden.
Ich kenne ein paar alte Herren, die Misanthropen werden, mürrisch und schlecht gelaunt. So möchte ich nicht werden.
Sondern?
Ich will mich nicht in das Gegenteil verwandeln, was ich als Designer propagiert habe. Hoffentlich bleibe ich liberal und werde kein Konservativer. Bisher, glaube ich, schlage ich mich dabei ganz gut.
Ich bemerke, dass ich manchmal ungeduldig werde. Nach so vielen Anproben, die ich mitgemacht habe, will ich, dass sich die Models etwas schneller umziehen. Aber sonst: Ich bedaure nichts.
