
Premiere im Reich der Mitte: Für 625 Millionen Euro kauft sich Daimler als erster ausländischer Hersteller in ein Staatsunternehmen ein.
Dem deutschen Automobilkonzern Daimler ist daran gelegen, dass sein chinesischer Partner Beijing Automotive Industry Holding Co. (Baic) möglichst bald bei ihm einsteigt. „Wir drücken klar unsere Offenheit aus“, sagte Dieter Zetsche, der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG aus Stuttgart, am Dienstag in Peking. Auch Baic sei sehr an einer Beteiligung interessiert, aber es gebe keine Entscheidung. Am Montag hatte Baic-Chef Xu Heyi gesagt, man prüfe den Einstieg. Zetsche deutete an, dass die Verhandlungen wiederaufgenommen würden, sobald die Chinesen ihre Pkw-Sparte Baic Motor an die Börse gebracht hätten: „Derzeit fokussieren sie sich ganz auf den Börsengang.“ Käme die Vereinbarung zustande, wären die beiden Unternehmen wechselseitig aneinander beteiligt. Denn seit Dienstag hält Daimler 12 Prozent an Baic Motor. Zetsche war mit Finanzvorstand Bodo Uebber und China-Vorstand Hubertus Troska nach Peking gekommen, um den Vertrag zu unterschreiben (F.A.Z. vom 19. November). Die Anteilsübernahme erfolgt über eine Kapitalerhöhung, für die 12 Prozent zahlt Daimler 625 Millionen Euro. Rechnerisch ist der Börsenkandidat Baic Motor also 5,2 Milliarden Euro wert. Die Marktkapitalisierung von Daimler ist zwölfmal so hoch.
Es ist das erste Mal, dass ein ausländisches Unternehmen bei einem staatlichen chinesischen Autohersteller einsteigt. Künftig sitzen Uebber und Troska im Aufsichtsrat von Baic Motor. Im Gegenzug stockt das chinesische Unternehmen seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen mit Daimler namens Beijing Benz Automotive Corporation (BBAC) um einen Punkt auf 51 Prozent auf. Diese Partnerschaft besteht seit zehn Jahren. Ausländische Hersteller sind in dem autoritär regierten Land, das sich zu einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ bekennt, zu solchen Joint Ventures gezwungen.
Die Mehrheitsübernahme bei BBAC ist eine Voraussetzung für den Börsengang von Baic Motor. Nur wenn das Unternehmen die Beteiligung konsolidieren kann, erfüllt es die notwendigen Kapitalanforderungen. In einer weiteren Anteilsverschiebung haben die Schwaben wiederum die Mehrheit an der gemeinsamen Vertriebsgesellschaft BMBS übernommen. Die entsprechenden Verträge seien alle von den chinesischen Behörden genehmigt worden, hieß es. Mercedes war in China nicht zuletzt wegen Auslieferungsschwierigkeiten und konkurrierender Vertriebskanäle ins Hintertreffen geraten, die in einen Preiswettbewerb zueinander getreten waren und dadurch die Margen geschmälert hatten. Vor einem Jahr wurden diese Kanäle zur BMBS zusammengefasst.
Zetsche bestritt, dass die Chinesen nach der Mehrheitsübernahme künftig das Sagen bei BBAC hätten. „Die Beteiligungshöhe ist das eine, die Unternehmensführung das andere. Wir erwarten keine Änderungen in der Ausrichtung von Produktion oder Verkauf.“ Man sei an einem „starken Partner“ interessiert, der langfristig auch eigene Fahrzeuge in Drittmärkte exportieren werde. Mercedes müsse diesen Wettbewerb aber nicht fürchten, da sich Baic nicht im Premiummarkt engagiere. Zetsche hält an seiner „Strategie 2020“ fest, wonach der Konzern in sieben Jahren führend im globalen Premiummarkt sein will. Außerhalb Chinas habe man Audi schon hinter sich gelassen und zu BMW aufgeschlossen. „Wir wissen, dass wir auch in China näher an BMW und Audi herankommen müssen, um unsere Ziele zu erreichen. Wir sehen hier einen guten Fortschritt. Es gibt da noch eine Lücke, aber der Schwung ist da.“ In den ersten zehn Monaten wuchs der Mercedes-Absatz in China um 8 Prozent, im gleichen Zeitraum 2012 waren es nur 1,5 Prozent gewesen. Audi schaffte bis Oktober 2013 ein Plus von 6 Prozent, BMW 27 Prozent.
Troska sagte, die neue S-Klasse als Mercedes-Flaggschiff verkaufe sich ausgezeichnet in China. Die Nachfrage übersteige die Liefermöglichkeiten aus Deutschland- Absatzzahlen nannte er nicht. Sein Unternehmen wolle in Zukunft auch dem chinesischen Gebrauchtwagenmarkt mehr Aufmerksamkeit schenken. Er sei klein, werde aber stark wachsen. Troska bestätigte, dass die Stuttgarter in Peking das erste Mercedes-Benz-Museum außerhalb Deutschlands zu bauen gedenken. Noch gebe es weder ein Gelände noch eine Entscheidung für einen Architekten.
Die Baic-Gruppe ist einer der größten Autohersteller in China. 2012 verkaufte sie 1,7 Millionen Fahrzeuge. Rund 83 000 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von 33,4 Milliarden Dollar, der Jahresüberschuss beträgt 1,1 Milliarden.
