
Die Streetstyle-Models von Ari Seth Cohen sind nicht jung und dünn. Sie sind 65-plus und tragen trotzdem keine beigefarbenen Cardigans.
Die erste Frau, die Ari Seth Cohen fotografierte, war Mimi Weddell. Das war 2010, ein Jahr vor ihrem Tod. Weddell war eine kleine Berühmtheit. Sie hatte mit 65 Jahren eine Schauspielkarriere begonnen, weil ihr Mann gestorben war und ihr einen Haufen unbezahlter Rechnungen hinterlassen hatte. Mit Nebenrollen in Fernsehserien und Kinofilmen wie „Hitch – Der Date Doktor“ hielt sie sich über Wasser. Cohen wollte sie kennenlernen und besuchte sie in ihrem Appartement an der Lexington Avenue. Es war bis unters Dach mit Hutkartons vollgestellt, erinnert sich Cohen. An diesem Tag trug sie ein Smoking-Hemd für Männer, Spitzenhandschuhe, Ballerinas von Chanel und einen riesigen schwarzen Hut mit einer Hutnadel, die wie eine riesige Spritze aus der Krempe ragte. „Das einzig romantische Moment, das im Leben bleibt“, verriet sie Cohen, „ist ein Hut.“ Mimi Weddell war damals 93 Jahre alt und Cohens erstes Model, das er in seinem Blog „Advanced Style“ vorstellte. Seitdem läuft er fast täglich durch die Straßen von New York, auf der Suche nach neuen Streetstyle-Models – jenseits der 65.
„Alt ist kein schlimmes Wort“
Wenn Cohen von seinen Frauen spricht, fallen Begriffe wie georgeous, wonderful, marvelous oder einfach nur old. „Ich habe das Wort alt niemals als ein schlimmes Wort begriffen“, erzählt er. „Alt zu sein, heißt für mich erfahren und weise zu sein.“
Die Faszination für ältere Frauen fing bei Cohen schon als Kind an. Seine erste Muse war Großmama Bluma. „Sie war meine beste Freundin“, erzählt er heute. Die beiden schauten alte Filme an, gingen gemeinsam in die Bibliothek und malten lustige Cartoons. „Mein Geschmack ist vor allem dadurch geprägt, dass ich in ihren Schubladen herumwühlte, in denen sie alten Schmuck und Fotos aufbewahrte.“ Cohen tauchte dann ab in die Welt des alten Glamours, „als Frauen noch Hüte und Handschuhe trugen und sich herausputzten, weil man das damals so machte“. Seine Großmutter ermutigte ihn, kreativ zu sein, und lehrte ihn die Regeln des wahren Stils. Der kleine Cohen malte keine Autos, Bäume oder Häuser, er malte fortan Bilder von alten Frauen in extravaganten Kleidern. Als er nach New York zog, war es, als seien die Bilder von damals plötzlich Wirklichkeit geworden.
Seit 2010 fotografiert er regelmäßig und zeigt die Bilder in seinem Streetstyle-Blog. „Am meisten Glück habe ich Uptown in der Nähe der Madison Avenue und entlang der Amsterdam Avenue und am Broadway auf der Upper West Side. Die Museen und der Central Park sind auch gute Orte, an denen man auf stylishe alte Frauen und Männer treffen kann.“ Mittlerweile habe er einen guten Radar, um sie zu finden. „Meine Freunde lachen schon, weil es mir oft passiert, dass ich in ein Gespräch vertieft bin und ich mich plötzlich weg drehe, weil ein grauer Haarschopf in mein Visier gerät.“
100 Jahre alt und in Bestform
Zum Beispiel der von Ruth, 100 Jahre alt und in Bestform. Zwei Mal in der Woche macht sie Pilates und hält sich mit Krafttraining fit. Cohen fotografierte sie mit zwei rosa Hanteln, während an ihrem Handgelenk eine braune Schlangenledertasche baumelte. Sie gehe stets perfekt gestylt aus dem Haus, gab sie zu Protokoll. „Du weißt nie, wem du auf dem Weg zum Briefkasten begegnest.“
Cohens Frauen sind keine Allerweltsfrauen, die beige Strickcardigans und Gesundheitsschuhe tragen. Sie sind exzentrisch oder elegant, manchmal schräg, und oft strömen sie die Aura von alten Zeiten aus, als man noch daran glauben wollte, dass Frauen wie Audrey Hepburn im kleinen Schwarzen bei Tiffany’s frühstücken können. Sie alle wollen sich nicht damit zufriedengeben, nur alt zu sein. Sie wollen gesehen werden. „ältere Frauen werden oft ignoriert und haben das Gefühl, unsichtbar zu sein“, sagt Cohen. „Immer wenn ich eine von ihnen fotografiere, betrachte ich es als ihren Moment, in dem sie glänzt und sich besonders fühlt.“ Seit Cohens Ladys auch in seinem
Fotobuch mit dem Titel „Advanced Style“ (erschienen bei Power House Books) verewigt wurden, sind sie kleine Berühmtheiten. „Sie genießen ihren Bekanntheitsgrad und sind stolz darauf, ein Teil von ,Advanced Style zu sein.“
Elegante Frauen über 65, außergewöhnlich gestylt. Gibt es das nur in New York? Die Stadt sei ganz sicher ein gutes Pflaster, um solche Frauen zu finden, sagt Cohen und zitiert Lynn Dell, einen seiner Streetstyle-Stars: „Die Straßen von New York sind unser Laufsteg, und wir müssen uns für das Theater unseres Lebens jeden Tag wieder neu anziehen.“ Wie wäre es also mit einem goldgelben Kaftan und gleichfarbigem Turban, dazu eine goldene Kette mit Perlen so groß wie Frühstückseier?
Wer sich gemeinsam stylt, bleibt zusammen
Wegen solcher Auftritte wird Lynn Dell auch die „Countess of Style“ genannt. Sie ist die Inhaberin einer Boutique an der Upper West Side, die sie selbst einen „Spielplatz für den Stil von Frauen über 40 nennt“. Selbstredend rät sie Frauen, sich nicht zu verstecken. „Natürlich sehen Frauen oft die superdünnen Models auf dem Laufsteg mit den neuesten Kreationen und denken: ,Tja, das kann ich leider nicht tragen. Ich müsste 15 Kilo abnehmen, damit es gut aussähe. Ich aber sage ihnen: ,Lebe heute und kleide dich schön!
Mittlerweile hat sich das Portfolio von Ari Seth Cohen erweitert, er fotografiert auch in europäischen Metropolen, und nicht mehr nur Frauen, sondern auch Männer. Und neuerdings auch Paare. „20 Most Of The Stylish Senior Couples Ever“ heißt eine kleine Serie auf seinem Blog, die auf der Theorie basierte: Wer sich gemeinsam stylt, bleibt auch zusammen. Wie das Künstlerpaar Carol und Richard, das seit 45 Jahren liiert ist und seine farbenfrohe Garderobe aufeinander abstimmt: Ihr kirschroter Seidenrock korrespondiert mit seiner Leinenhose in Rosé, die er wiederum, durchaus mutig, zum senfgelben Hemd trägt. Die beiden gehen stets gemeinsam einkaufen: „Richard weiß, was er mag, und ich agiere als Resonanzboden“, erzählt Carol, „und wenn ich etwas anprobiere, was ihm nicht gefällt, macht er einfach ein lustiges Gesicht.“
Mittlerweile findet man die Frauen von „Advanced Style“ auch in einem Ausmalbuch (erschienen bei Power House Books), illustriert von Ilan Schraer. So sind aus den Frauen, die durch die Straßen von Manhattan flanieren, Stilikonen geworden, deren Lebensweisheiten gehört werden. Ein Tipp von Mary: „Wann immer du in einer schwierigen Situation steckst, frage dich einfach: Was würde Fred Astaire jetzt machen?“
