Lebensstil

Ein Stoff für Solomeo

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Auch in Mittelitalien herrscht Landflucht. Nur ein Dorf in Umbrien will nicht aussterben. Brunello Cucinelli und seine Kaschmir-Marke weben an einer Zukunft für Solomeo.

Das ist dann doch eine Überraschung. Da ist man nach Solomeo gekommen, das Navigationsgerät hat geächzt und geirrt, der Weg von Florenz wurde lang und länger, vorbei am Trasimenischen Meer und durch die Hügel, dann endlich auf einen der Berge. Da kommt man also ans Ende der Ende der Welt, und wen man sieht man plötzlich vor sich? Einen Deutschen.

Dabei finden das Geschäft von Brunello Cuccinelli mitten im Ort nur Eingeweihte, was natürlich zur Philosophie der hier herrschenden Marke gehört. An dem Geschäft hängt zwar ein Pfeil, aber der zeigt nach rechts, nicht links auf die Tür, und auf dem Pfeil steht: „Teatro“. Schon seltsam, dass ein Modemann, der ein Dorf rettet und dafür doch auch die Erlöse aus dem Laden braucht, nicht aufs Geschäft hinweist, sondern auf das Theater, das er ebenfalls dem Dorf geschenkt hat.

Also nicht nach rechts, ins Theater, dazu später, sondern nach links, in den Laden. Und da steht dann also zwischen Kaschmirpullis und Verkäuferinnen: Klaus Wagenbach, vom Alter leicht gebeugt, neugierig wie eh und je über die Brille schauend, mit einer alten Freundin, die am Kaschmir gefallen findet. Ausgerechnet hier, wo sich der Kapitalismus einkleidet, ein altlinker Verleger aus Berlin! Na, vielleicht passt das sogar irgendwie.

Rund 50 Kilometer von hier entfernt, drüben in der Toskana, hat er seine „Sommerresidenz“, sagt der Dreiundachtzigjährige, einer der Begründer der „Toskana-Fraktion“, selbstironisch. Dem Unternehmertum ist er überraschend zugetan. „Wenn hier in einem Städtchen ein Touristenbus vor einem Lokal anhält, telefoniert der Wirt sofort rum, und ganz schnell sind die Helfer da.“
Die gut organisierte Anarchie und allseits geforderte berufliche Flexibilität erfreut den Verleger, der schließlich auch ein Unternehmer ist.

Sie nennen in hier „Il tedesco“, den Deutschen

Die Fäden ziehen sich eben bis nach Deutschland, wo Brunello Cucinelli mindestens so oft zu sehen ist wie Klaus Wagenbach in Italien. Schon vor drei Jahrzehnten fand er seine ersten Kunden in München, wohin er gekommen war, weil er von der guten Zahlungsmoral der Deutschen gehört hatte. Seitdem ist Cucinelli oft jenseits der Alpen zu sehen, sei es beim Abschied seines alten Geschäftspartners Albert Eickhoff aus dem Geschäftsleben, sei es zur Eröffnung der Cucinelli-Geschäfte, zuletzt des Flagship Stores im wunderschön renovierten Haus Cumberland am Kurfürstendamm. „Il tedesco“ nennen sie ihn hier, den Deutschen, weil er Strenge, Regeln, Ehrlichkeit schätzt, und er ist stolz darauf.

Solomeo klebt schon seit dem 13. Jahrhundert an diesem Berg. Die größte Krise erlebte das Dorf zu seinen Jugendzeiten. Brunello Cucinelli wurde am 3. September 1953 geboren und wuchs in Castel Rigone auf, ganz in der Nähe. Die Landflucht seit den Sechzigern war verheerend für die italienische Provinz, wo viele Häuser und manchmal sogar ganze Dörfer verlassen sind.

„Bis ich 15 Jahre alt war, war ich ein Bauernjunge. Meine Eltern haben sich nie gestritten. Wir haben Dialekt gesprochen, wir hatten armselige Klamotten, anders als heute, wo jeder sein iPhone und seine Adidas-Schuhe hat. Trotzdem habe ich schöne Erinnerungen an meine Kindheit“, erzählt Cucinelli in seinem riesigen weißen Büro, dessen Farbtupfen die Garnrollen und die Bücher im Regal sind. „Dann vollzog sich ein großer sozialer Wandel. Der Bauernhof trug sich nicht mehr. Meine Eltern mussten in die Stadt ziehen, mein Vater ging in die Fabrik. Das war nicht einfach, denn es bedeutete einen Abstieg vom freien Bauern zum abhängigen Arbeiter. Wenn er abends von der Arbeit kam, hatte er manchmal Tränen in den Augen. Nicht die Arbeit war schlimm, sondern die Erniedrigung. Die Demütigung meines Vaters, der damals gerade einmal 45 Jahre alt war, hat mir weh getan.“

Brunello Cucinelli, dem die Schule nicht so zusagte, hatte Zeit, die Erkenntnisse aus den sozialgeschichtlichen und biographischen Einschnitten reifen zu lassen. „Zehn Jahre lang habe ich vor allem in der Bar gesessen“, sagt er freimütig, „das war meine Universität.“ Die Jugendrevolte gefiel ihm, im Ingenieur-Studium machte er nur eine einzige Prüfung, und in der Bar lernte er eine Prostituierte kennen, sie schon 35, er noch 21 Jahre alt, die ihm zur Freundin wurde. Mit ihr konnte er sich so gut wie mit den Männern dort über Kirche, Wirtschaft, Politik, Philosophie unterhalten: „Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir – Kant hat mich damals begeistert.“ Den kategorischen Imperativ, also seine Handlungen darauf auszurichten, dass sie zu einer allgemeingültigen Maxime werden können, suchte er nun für sich zu verwirklichen.

Qualität, ein Vorbote der Ewigkeit

Zuvor brauchte er aber ein Lebensthema. Er fand es vor der Haustür. „Umbrien ist eine Strickwaren-Region“, sagt er. „Mich faszinierten besonders die Schaufenster von Benetton mit dem bunten Strick.“ Und so erzählt er, vor den Spulen mit gefärbtem Kaschmir sitzend, dass dieser Stoff, aus dem sein Erfolg ist, bis tief in die Siebziger nur beige oder grau war, schließlich diente er den Reichen als Zeichen des Understatements. „Gefärbtes Kaschmir gab es einfach nicht.“ Sogleich erprobte er Verfahren, auch das feine Unterhaar der Kaschmir-Ziege zu färben, erst nur für Herren, dann auch für Damen.

Alle Fäden seiner Lebensgeschichte zog er zu einer Idee zusammen, wie sie der aus Deutschland stammende amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Theodore Levitt, der den Gelegenheits-Studenten beeindruckte, nicht besser hätte nennen können. „Die Bücher zeichnen das Leben vor, und das Leben ließ mich die Bücher verstehen“, meint Cucinelli mit leichter Ironie. Levitt jedenfalls faszinierte ihn auch durch sein Beharren auf Qualität, Handwerk, Kreativität, Flair und die Forderung nach einem einzigen Produkt. Das war genau das, was er wollte. Denn Qualität ist ihm ein Vorbote der Ewigkeit.

Aber es brauchte noch einen Menschen, um den aufstrebenden Betrieb zu einer großen Marke zu machen, die immerhin ein ganzes Dorf umschloss. Das war seine damalige Freundin und spätere Frau Federica Benda, die aus Solomeo stammt und dort einen Modeladen betrieb. Im Jahr 1985 also kaufte er ihr Heimatdorf, das zum Sitz der Firma wurde, die jetzt freilich am Fuß des Berges in einem luftigen Gebäude sitzt. Heute wohnen hier 450 Einwohner, 250 von ihnen arbeiten bei Cucinelli. Wenn man die Kinder und die Alten abzieht, sind also fast alle bei ihm angestellt. 100 Mitarbeiter sitzen hier oben hinter wehrhaften Mauern, 500 unten in den lichtdurchfluteten Büros und 400 weitere in aller Welt in den Vertretungen, Geschäften, Showrooms.

Und die anderen, die hier oben leben, obwohl sie nicht für ihn arbeiten? Letizia Mariucci, Brunellos Assistentin, erklärt beim Rundgang durch das Dorf, dass sich auch die anderen Bewohner über den hier herrschenden modernen Feudalherren freuen. Denn in den vergangenen drei Jahrzehnten hat er Straßen, Plätze, Treppen, Gebäude renovieren und Bäume pflanzen lassen. Gerade lässt er mit viel Aufwand die Kirche herrichten. Selbst die Bauarbeiter scheinen sich über den unvermuteten Aufschwung des Dorfes zu freuen: Sie posieren lachend und sich umarmend für den Fotografen.
Hier soll eine Gemeinschaft zusammengehalten werden. Im Hof steht ein Ofen aus frühester Zeit, in dem die Einwohner noch heute zuweilen Pizza backen. Der Chef lebt mit Familie in einer Villa, die auf das Dorf blickt. In den alten Mauern am Berg werden noch die Musterkollektionen erstellt, und der Chef hat im einstigen Wehrturm seine Empfangsräume. Hier oben, im zweithöchsten Gebäude des Ortes nach dem Kirchturm, hat sich Cucinelli ein schönes Lesezimmer eingerichtet, wie einst Montaigne in seinem Schlossturm. Die Bücher sind mehr als Dekor. In einer Wichtigtuer-Bibliothek würde man zwar auch Sokrates vermuten. Aber an religionssoziologischen Studien von Mircea Eliade muss man schon wirkliches Interesse haben. Die anderen eklektisch zusammengestellten Leitbilder des Hausherrn hängen als Bilder an den Wänden – neben seiner Familie auch John Lennon, Mahatma Gandhi, Bill Gates.

„Ich glaube an den Kapitalismus, aber die Umsätze muss man machen, ohne der Menschheit Schaden zuzufügen“, ruft der Kantianer im Sinne seiner Säulenheiligen aus. Da meint er konkret die Brandkatastrophen in Bangladesch, die durch Billigfertigung heraufbeschworen werden. Und wofür sind seine Profite da? „Erstens für die Firma, zweitens für meine Familie, drittens für die Mitarbeiter, viertens für wohltätige Zwecke.“

Made in Italy auch in China beliebt

Es wird nicht wenig sein, was auch am Ende dieses Jahres übrig ist. Die „Brunello Cucinelli SpA“, die börsennotiert ist, weshalb der Chef nicht allzu viel übers Geschäft redet, hat in der ersten Hälfte des Jahres 157,6 Million Euro erlöst, 16,5 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Robustes internationales Wachstum“, sagt er. Für dieses Jahr erwartet er, bei Umsatz und Gewinn gut zweistellig zuzulegen. Allein in den Vereinigten Staaten wuchs das Geschäft im ersten Halbjahr um 32,3 Prozent auf 46,9 Millionen Euro (29,8 Prozent am Gesamtumsatz). In Europa außerhalb Italiens legte die Firma um 24,6 Prozent auf 54,8 Millionen Euro zu (34,8 Prozent am Umsatz). Da nimmt sich China, wo die Verkäufe um 16,8 Prozent auf 7,2 Millionen Euro stiegen, noch fast bescheiden aus. Die Chinesen zeigten „ein wachsendes Interesse an Top-Qualität“, am „Made in Italy“, das nicht mehr mit einem Logo protzen muss. Auch im Fernen Osten wachsen der Marke also die Kunden nun zu.

Das Krisenland Italien schwächelt natürlich. Das scheint dem Chef aber nicht viel auszumachen, weil es allen anderen auch so geht, der Rückgang sich in Grenzen hält und Touristen einiges ausgleichen. Somit wächst der Gewinn insgesamt zweistellig, auf 27,1 Millionen Euro vor Steuern. Geschäftlich ist noch einiges zu holen, man spürt das schon an der Ungeduld des Chefs, dessen Adidas-Turnschuhe im Takt seiner Unternehmungslust wippen. Wie so viele Marken will auch Cucinelli sein Boutiquen-Netzwerk ausbauen. Heute sind es 92, allein 20 kamen im vergangenen Jahr hinzu. In den nächsten Monaten wird im Durchschnitt jeden Monat ein neuer Laden eröffnet. Die unternehmerische Leichtigkeit will er sich trotz mehr als 1000 Angestellten erhalten.

Zurückhaltendes Bordeaux bis Navy für 2014

Dafür muss Brunello Cucinelli die Ideen am Laufen halten. Für Frühjahr und Sommer 2014 setzt er auf zurückhaltende Farben von Bordeaux bis Navy und Braun. Gemischt wird Kaschmir mit Wolle, Leinen und Baumwolle. Vor allem die Jacken sind eng an den Körper geschneidert. „Man soll die überall tragen können“, meint der Chef, „zu feierlichen oder sportlichen Gelegenheiten oder einfach nur, um die Zeitung kaufen zu gehen.“ Die „active couture“, also aufgepeppte Tagesmode, wird mit der Verwurzelung in der Provinz zu tun haben: Anders als in den oft überkandidelten Modestädten Rom oder Mailand zieht man hier den Sinn für vielseitig einsetzbare Garderobe aus der alltäglichen Lebenspraxis.

Solomeo dient im verschärften Trend zur Globalisierung natürlich als Halt – und als Marketing-Mittel, um Besucher zu beeindrucken. Der Ort ist um die Idee herum gebaut, der Arbeit einen philosophischen Überbau zu geben. Am schönsten sieht man das am „Foro degli Arti“: Da ist die große Bühne, die zur Vereinigung umbrischer Theater gehört (dessen Vorsitzender Brunello auch noch ist)- Büsten von Demosthenes, Seneca, Hippokrates, Spinoza sehen auf 240 Zuschauer herab. Da gibt es einen Philosophengarten. Und da ist die Bibliothek, in die auch neugierige Touristen manchmal hineinstolpern, weil sie stets und für jeden geöffnet ist.

Alles kreist aber um die dicken Mauern in der Mitte des Dorfes, in denen es auch im Sommer schön kühl ist. Die Frauen tragen als Ausweis ihrer Maßstäbe bei der Qualitätskontrolle dicke Brillen und schauen noch dazu durch dicke Lupen. Sie müssen den Durchblick bewahren bei den Stoffen, die sie langsam übers Hintergrundlicht ziehen. Der feine Kaschmir-Strick muss die Löcher an den richtigen Stellen haben. Schon bei kleinsten Fehlern ist Schluss. Denn diese Marke nimmt nicht mit avantgardistischem Anspruch für sich ein, sondern mit bester Verarbeitung. Ab und zu kommt ein kleiner grüner Sticker aufs Teil, und es geht zurück in die Reparatur. Allzu viel wird aber nicht aussortiert, denn die Stoffe sind aus eigener Herstellung und von mittelitalienischen Zulieferern. Manchmal glätten die Arbeiterinnen die Stoffe mit durchsichtigen Bügeleisen, damit sie alles im Blick behalten. Jedes Teil wird sage und schreibe sechs Mal kontrolliert. Die Arbeiterinnen scheinen durch ihre dicken Lupen schon dem Ruhestand entgegenzusehen. „Ja, deshalb haben wir eine hausinterne Weiterbildung für die Qualitätskontrolle.“

Das Leben hier scheint fast den Regeln einer Ordensgemeinschaft zu folgen. Von acht bis 13 Uhr wird gearbeitet. Von 13 bis 14.30 Uhr ist Mittagspause. Von 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr wird wieder gearbeitet. Auf die Einhaltung der Pausen und des Feierabends legt Brunello Cucinelli wert: „Man muss Körper und Seele pflegen!“ In der Mittagszeit zu arbeiten wird ungern gesehen. Und wer es nicht glauben will, dass in einem Kreativbetrieb früh Schluss sein kann, der sollte sich an einem Wochentag spätnachmittags an den Parkplatz unten an der Straße stellen. Um punkt 17.30 Uhr strömen aus den Büros und den Ateliers die Angestellten herbei, setzen sich in ihren Fiat und fahren nach Hause.

Schauspiele werden hier nicht nur im Theater gegeben. Die Bühne des Lebens ist die Kantine oben am Marktplatz, um kurz nach 13 Uhr, wenn es aus der Küche dampft. Dann sitzen an den Holztischen, vom lieben Gott zusammengewürfelt, die Näherinnen mit den dicken Brillen, die verschwitzten Arbeiter, die gerade die Kirche renovieren, die Mädchen aus dem Laden, die ehrgeizigen Damen aus dem Marketing. Auf dem Tisch „Olea Solomei“, Olivenöl aus eigener Fertigung. Dem Chef, der seinen Vornamen mit dem Namen eines Rotweins teilt, legt Wert auf die Überwindung der abendländischen Dualität von Geist und Körper und strebt ein humanistisches Ideal ganzheitlicher Menschenbildung an, von der Wiege über die Kantine bis zur Bahre.
Und damit man das nicht vergisst, wenn man durch den Ort spaziert, hängen an vielen Mauern Sinnsprüche. Mitten in Italien also ein Satz aus Goethes „Maximen und Reflexionen“: „Das Erste und Letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe.“ Laut Sokrates’ Mahnung an der Familienvilla hallt die Liebe zur Weisheit in unseren Herzen wider und nährt die Größe der Denker. Ein Gassenhauer des Denkens, aber von Galileo Galilei: „Hinter jedem Problem steht eine Möglichkeit.“

Brunello Cucinelli setzt sich fürs Foto zwischen die Seneca-Büste und die Kaschmir-Säcke. Vielleicht vermittelt das ein gutes Bild von diesem Mann. Sein Großvater war im Krieg, sein Vater war im Krieg, sie litten unter Hunger, unter der Dikatur. Brunello Cucinelli scheint dem Glück nicht trauen zu wollen. Wenn seine Angestellten sagen, das Geschäft laufe „sehr gut“, widerspricht er: „Man sollte einfach nur ,bene’ sagen.“ Am Rest muss man arbeiten, mit dem Stoff, aus dem dieses Dorf ist. Stoiker wird er wohl nicht mehr werden.