Ausland

Aufstand am Ende der Welt

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Die Landwirte in der Bretagne fühlen sich von der Regierung in Paris im Stich gelassen. Ihre Betriebe sterben, ihre Wut richtet sich auch gegen Europa – und gegen Deutschland, mit seinen Werkvertragsarbeitern aus dem Osten.

Der Bummelzug hält inmitten von Ackerland. Ein Bahnhofsgebäude gibt es nicht, nicht einmal einen Unterstand für wartende Reisende. Nur ein windschiefes blaues Schild: „Guimiliau“. „Bienvenue“, ruft da schon Bürgermeister Jean-Marc Puchois. Willkommen am Ende der Welt, „finis terrae“, wie die alten Römer diesen Landstrich am Westzipfel Frankreichs tauften. Finistère ist daraus in modernem Französisch geworden, ein Département mit einem aus Paris entsandten Präfekten, der genau wie die römischen Besatzer in „Asterix und Obelix“ die Bewohner nicht recht versteht. Das erzählt Bürgermeister Puchois, ein drahtiger früherer Marineoffizier, Anfang 50, als er sein Auto vor dem schmucken, weiß getünchten Rathaus von Lampaul-Guimiliau geparkt hat. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er einmal auf die Barrikaden gehen würde, sagt er. Bis das Drama mit Gad begann.

Louis Gad ist einer der geschäftstüchtigen Bauern, die schon immer des Dorfes ganzer Stolz waren. Wo heute die Apotheke steht, schlachtete er nach dem Krieg Schweine, erst wenige, dann immer mehr, in Lastwagen karrten die Züchter aus der Umgebung die Tiere heran. Das Unternehmen „Gad“ wuchs und wuchs. Auf 22 Hektar erstreckt sich heute das Firmengelände, längst ein Dorf im Dorf, mit Schlachthof, moderner Kläranlage und Hallen, in denen das Fleisch geräuchert, gepökelt, eingefroren oder anders weiterverarbeitet wird. Eine bretonische Erfolgsgeschichte, die Ende November abrupt endet. Der Schlachthof wird geschlossen, die 890 Beschäftigten werden entlassen. „Das haben die neuen Besitzer entschieden. Denen sind wir egal, die schreiben unseren Firmennamen G.A.D, weil sie nicht einmal wissen, dass der Gründer so heißt“, sagt Alexandra. „Sechs Jahre Gad“ habe sie auf dem Buckel. Die junge Frau steht rauchend vor der Mehrzweckhalle, in der sie sich noch einmal treffen, die Gad-Beschäftigten, geschlagen, aber kampflustig.

Der unfaire Wettbewerb mit deutschen Schlachthöfen

Wochenlang hatten die Mitarbeiter auf dem Parkplatz vor dem Betriebsgelände gezeltet, am Abend Spanferkel gegrillt und gehofft, dass ihre Blockade die Geschäftsführung umstimmt, dass Rettung kommen möge, vielleicht sogar aus Paris. Doch niemand kam, selbst die sozialistische Ministerin Marylise Lebranchu, deren Wahlkreis in Morlaix nur 20 Kilometer entfernt liegt, ließ sich bitten, und als sie endlich da war, „30 Minuten, nicht viel länger“, stand das Aus für den Schlachthof schon fest. Natürlich haben sie sich rote Mützen aufgesetzt und in Quimper protestiert mit allen anderen, die um ihre Zukunft in der Bretagne fürchten, sagt Rachel, die ihre rote Kopfbedeckung nicht mehr absetzt. Lampaul-Guimiliau sei nur der Anfang. „Ein Dorf nach dem anderen wird aufbegehren, die ganze Bretagne und vielleicht ganz Frankreich“, sagt sie.

Schon haben sie Kontakte geknüpft mit den anderen Betrieben in der Umgebung, denen es schlecht geht, mit den Leuten von „Tilly Sabco“, einem Geflügelproduzenten, der einen Sozialplan angekündigt hat, den Beschäftigten von „Marine Harvest“, dem Lachsfabrikanten, denen auch die Entlassung droht, und natürlich mit den Mitarbeitern des insolventen Hühnerfabrikanten Doux. Längst geht es nicht mehr um die Ökosteuer genannte Lastwagenmaut, sondern um die Zukunft einer ganzen Region, die sich von der Regierung alleingelassen fühlt.

„Wir stehen zusammen, egal, was kommt“, ruft Bürgermeister Puchois den etwa 400 Männern und Frauen der Gad-Belegschaft zu, die in der Halle eng gedrängt auf Plastikstühlen sitzen und mit wildem Klatschen zustimmen. Einige haben ihre Kinder mitgebracht und Stifte und Malhefte, die meisten ihren letzten Lohnzettel und viele Fragen. „Niemand von uns will die Hände in den Schoß legen und auf Almosen vom Staat warten. Wir wollen arbeiten, einfach nur arbeiten“, sagte Joëlle, 51 Jahre alt, davon 17 Jahre bei Gad. Sie steht dem Verein „Rettet Lampaul“ vor, der sich als großes Selbsthilfe-Netzwerk versteht. Sie und andere Ehrenamtliche organisieren Rechtsberatung und Hilfen bei der Jobsuche, aber auch einfach nur Treffen bei Kaffee und bretonischen Kuchen, „damit niemand sich alleingelassen fühlt“. Bürgermeister Puchois übergibt der Vereinsvorsitzenden einen Scheck über 1.000 Euro, den haben die Anciens Combattants, die Kriegsveteranen von Lampaul, gespendet. „Dabei sind sie nur noch zwei Dutzend“, sagt er. Dann spricht er über Europa und dass gerade die Bretonen mit „dieser schönen Idee“ etwas anderes im Sinn hatten als „unfairen Wettbewerb“. Die Werkvertragsarbeiter aus dem Osten, die an deutschen Schlachthöfen für drei oder vier Euro Stundenlohn schuften, seien dabei, die bretonischen Schlachtbetriebe zu ruinieren, ja den ganzen Agrarzweig, klagt er an – und wieder wird heftig geklatscht.

Wie gefährliche Gewaltverbrecher behandelt

Auf die Konkurrenz aus Deutschland ist auch Sebastien Cueff nicht gut zu sprechen, obwohl er dort die meisten der Agrarmaschinen und Gerätschaften bezieht, mit denen er handelt. „Die Zukunft der Agrarwirtschaft in der Bretagne ist düster“, sagt der junge Unternehmenschef. Das liege nicht nur an den deutschen Billiglöhnen, mit denen „wir einfach nicht mithalten können“, sondern auch an der Regierung in Paris, die aus der Bretagne lieber ein Ferienidyll mit ein paar Kleinbauern „wie im Museum“ entwickeln wolle. Der Standort Bretagne mit intensiver, moderner Viehwirtschaft aber werde systematisch kaputtgemacht, sagt Cueff und zeigt auf den benachbarten Gad-Schlachthof. Als in der Nähe die erste Kontrollstation für die Lastwagenmaut aufgestellt wurde, sei ihm der Kragen geplatzt. Zusammen mit seinem Bruder ging Unternehmer Cueff protestieren, auf der Nationalstraße nahe der Kontrollstation, die von einigen Demonstranten schwer beschädigt wurde.

Jetzt sitzt Cueffs Bruder Mikael im Werksbüro. Wo noch vor zwei Wochen seine rechte Hand war, ist ein weißer Verband über den Armstumpf gewickelt. Eine Tränengasgranate, die nervöse Gendarmen in die protestierende Menge schleuderten, hat Mikael Cueff getroffen und seine Hand zerfetzt. Er habe die hinter ihm stehenden Kinder schützen wollen, sagt Mikael, der nicht im Familienunternehmen arbeitet. „Ich war ja nur aus Solidarität mit meinem Bruder da, aber die Gendarmen sind auf uns losgegangen, als seien wir gefährliche Gewaltverbrecher.“ Vater René Cueff hat auch im geheizten Büro seine rote Mütze aufbehalten, er hat das Unternehmen gegründet, „immer meine Steuern und Sozialabgaben gezahlt“, aber jetzt ist er außer sich vor Wut auf den Staat. „Kein Wort der Entschuldigung oder des Mitleids“ habe der Präfekt gefunden, sagt er, und lediglich darauf verwiesen, dass er „in laufende Ermittlungen“ nicht eingreife.

Mit neuen Vorschriften aus Paris zugrunde gerichtet

Nur die Leute von Lampaul-Guimiliau und andere wildfremde Bretonen hätten spontan ihre Solidarität bekundet und sich erschüttert gezeigt vom Schicksal seines Sohnes, der seine vier Jahre alte Tochter nun nicht mehr mit beiden Händen in den Arm schließen kann. „Aber Sie werden sehen, wir werden uns wie ein Block aus Granit der Regierung entgegenstellen, die uns immer neue Steuern abpressen will“, sagt Vater Cueff und lüftet die rote Mütze.

Die Kirche von Lampaul-Guimiliau, eine der berühmten, mit Granitmauern umfriedeten Pfarranlagen, stand schon, als die Bretonen 1675 zum ersten Mal rote Mützen aufsetzten und gegen die Steuermarken („papier timbré“) protestierten, die der Finanzminister König Ludwig XIV. ausgeheckt hatte. Bürgermeister Puchois will in dem stolzen Kirchenbau ein Wahrzeichen für die unerschöpfliche Anpassungsfähigkeit seiner Kommune sehen. „Erst hat uns der Tuchhandel großen Reichtum beschert, später waren es die Gerbereien, dann sicherten Schweinezucht und Fleischverarbeitung unseren Wohlstand. Es muss uns etwas Neues einfallen“, sagt er.

Dem jungen Schweinezüchter Florian Abgrall aber ist bislang nichts eingefallen, „nur der Regierung sind immer neue Vorschriften eingefallen, die uns langsam zugrunde richten“, sagt er. Vor fünf Jahren hat er den elterlichen Hof übernommen und die Stallungen renoviert. Es riecht nicht mehr nach Schwein, und „niemand kann behaupten, dass wir die Flüsse und das Grundwasser verpesten, alles ist kontrolliert“. Nur die neuen, noch strengeren Richtlinien der Regierung könne er nicht einhalten, ohne in eine neue Kläranlage zu investieren. „Dafür muss ich einen hohen Kredit aufnehmen“, sagt Abgrall und spricht vom Teufelskreis aus niedrigen Einnahmen und hohen Kreditzinsen, in den so viele bretonische Landwirte geraten seien. Sein Vertrauen in den sozialistischen Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll sei „gleich null“.

„Handeln, aber nicht schwatzen“

Zwar habe der Minister ein Haus ganz in der Nähe, aber „das ist eine Ferienresidenz mit ein paar Hippiebauern rundherum“, sagt Abgrall. Für die echten Landwirtschaftsbetriebe aber interessiere sich der Minister nicht. „Seit Jahren haben wir Schweinezüchter einen schlechten Ruf. Uns macht man für die Algenpest verantwortlich“, sagt der Landwirt. Die Regierung rühre sich auch deshalb nicht. Mit anderen Mitgliedern der Landwirtschaftsgewerkschaft FNSEA will Abgrall sich gegen das langsame Sterben seines Berufs aufbäumen. „Auch wenn wir nach Paris ziehen müssen, ich bin dabei“, sagt er, reibt die schwieligen Hände und grinst: „Ich kann auch nicht ausschließen, dass ich Marine Le Pen wähle, nur damit die in Paris mal aufwachen.“

„Wir haben immer brav für Europa gestimmt, und das haben wir jetzt davon“, sagt Yvonne, deren Blumengeschäft nicht weit von der Kirche von Lampaul liegt. Sie kreidet es der „deutschen Dominanz“ an, dass die bretonischen Betriebe darben. Eigentlich wollte sie eine Verkäuferin einstellen, aber daran sei jetzt gar nicht mehr zu denken nach der Schließung des Schlachthofes. „Die Gad-Beschäftigten sind meine Hauptkundschaft“, sagt sie, während sie einen Strauß Rosen mit Seidenpapier umhüllt. Touristen würden keine Blumen kaufen, ohnehin seien sie nur im Sommer da. „Wir wissen nicht, wie es jetzt weitergehen soll“, sagt sie. „Ich habe Angst, dass die Kunden ausbleiben“, sagt auch Christine, die einen Friseursalon in Lampaul betreibt. Arbeitslose würden auf alle überflüssigen Ausgaben verzichten, und leider gehöre der Friseurbesuch für viele auch dazu. „Schauen Sie“, und sie zeigt auf drei Frauen, die unter großen Föhnhauben sitzen, „alles Gad-Beschäftigte.“ Auch sie hat von den Billiglohnarbeitern in Deutschland gehört und spricht von Anstand und Würde und dass sie nicht wolle, dass „solche Verhältnisse bei uns einkehren“. Die Regierung, findet sie, müsse da etwas tun. „Wofür haben wir sonst Europa gegründet?“

Bürgermeister Puchois aber will Ideen sammeln, wie das Schlachthofgelände genutzt werden kann. „Tevel hag hober“, sagt er, laute die Devise von Lampaul auf Bretonisch: „Handeln, aber nicht schwatzen.“