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Schweizer Präzision trifft auf Musik

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Piegas Lautsprecher soll alles in den Schatten stellen, was bisher diesen Gattungsnamen trug. Das Erkennungsmerkmal der Marke sind Schallwandler, die mit filigranen Folienmembranen arbeiten.

Der schöne Zürichsee ist um eine Attraktion reicher – jedenfalls für jene Gemeinde, die alljährlich zur Edel-HiFi-Messe High End pilgert. Denn in Horgen, einen malerischen Örtchen an der südlichen Wasserkante, entsteht derzeit ein Lautsprecher, der alles in den Schatten stellen soll, was bisher diesen Gattungsnamen trug. Dass er mit einem Kaufpreis von mehr 160.000 Euro den Gegenwert einer kleineren Immobilie repräsentiert, nimmt der Connaisseur mit Contenance zur Kenntnis. Der Normalverbraucher aber tröstet sich mit dem Gedanken, dass Piega, so heißt der weit über die eidgenössischen Grenzen hinaus bekannte Hersteller, auch schöne Lautsprecher zu irdischen Tarifen anbietet.

Das Erkennungsmerkmal der Marke sind Schallwandler, die mit filigranen Folienmembranen arbeiten. Piega bezeichnet sie als Bändchen- Experten streiten darüber, ob sie nicht korrekter Magnetostaten heißen sollten. Sei’s drum: Die typischen Piega-Hochtöner erzeugen den Schall mit einer hauchdünnen Folie, auf der eine noch zartere, mäandernde Flachspule aus Aluminium klebt. Dahinter sitzen extrem starke Stabmagneten aus Neodymium- die sind sozusagen der statische Teil des Membranantriebs. Fließen nun musikalische Wechselspannungen durch die Aluminiumbahnen, schwingt die gesamte Membranfläche gleichförmig nach den Vorgaben der elektrischen Signale. Der Vorteil gegenüber einer konventionellen Kalottenmembran: Die dünne Folie vibriert fast schwerelos- die Datenblätter nennen eine bewegte Masse von nur sieben Milligramm. So kann den Membran den Signalen außergewöhnlich schnell und präzise folgen. Die Herstellung solcher Chassis ist allerdings Präzisionarbeit, die sich mit der Montage Schweizer Uhren messen kann: Nur eine Handvoll Exemplare ist die Ausbeute eines Arbeitstags.

Quasi von einem Punkt aus

Auch Mitteltöner mit entsprechend größeren Membranflächen baut Piega nach diesem Prinzip. Kurt Scheuch, Chefentwickler des Hauses, hat Mittel- und Hochtöner für einige Lautsprechermodelle sogar schon zu Koaxial-Chassis fusioniert, um auf diese Weise den größten Teil des musikalischen Spektrums quasi von einem Punkt aus abzustrahlen. Und er hat diese Wandler-Kombination bereits als Dipolstrahler eingesetzt, ohne umgebendes Gehäuse also, das den nach hinten abgestrahlten Schall mit Dämpfungsmaterial absorbiert. So können die Membranen besonders frei schwingen und den Eindruck räumlicher Tiefe im Klangbild unterstreichen – jedenfalls dann, wenn die Lautsprecher gut mit dem Hörraum harmonieren.

All diese Erfahrungen hat Scheuch nun in sein Großprojekt eingebracht. Dass er dabei große amerikanische Vorbilder im Blick hatte, ist unverkennbar: Für Hersteller wie Martin Logan oder Magnepan zählt das bipolare Abstrahlprinzip mit großflächigen Folienmembranen zu den Ingredienzen spektakulärer Klänge und, so ganz nebenbei, auch von Weltruhm. Also fusionierte Scheuch seine Folienwandler zu großen akustischen Einheiten. Dazu ließ er Schallwände aus mannshohen massiven Aluminiumblöcken fräsen und montierte darauf in vertikaler Anordnung neun seiner Bändchen-Mitteltöner und sowohl auf der Vorder- wie auf der Rückseite je zwölf der kleinen Hochton-Chassis.

Damit verabschiedete sich Scheuch natürlich vom Ideal der punktförmigen Schallquelle: Konstrukte dieser Art verteilen den Schall eher wie ein vertikaler Zylinder- in der englischen Fachterminologie heißt diese Charakteristik Line Source. Daraus leitet sich auch der Name des neuen Super-Lautsprechers ab: Piega nennt ihn schlicht, aber unbescheiden Master Line Source. Natürlich brauchen die Mittel- und Hochton-Schallzeilen noch tatkräftige Unterstützung für die tiefen Frequenzen. Dafür stehen separate Bass-Säulen mit Gehäusen aus dicken, akustisch gedämpften Aluminiumplatten gerade. Je sechs Tiefton-Chassis mit 22 Zentimeter großen Membranen sitzen dort übereinander.

Klingt das mächtige Ensemble nun wirklich so spektakulär? In mancher Hinsicht schon – einfach, weil es nur wenige Lautsprecher gibt, die große Klangkörper wie ein ganzes Symphonieorchester mit überzeugenden Dimensionen abbilden können – in Breite, Tiefe und mit einer so exakten Raumdefinition, dass der Zuhörer jeden einzelnen Instrumentalisten vor sich zu sehen glaubt, sobald er die Augen schließt. Spektakulär sind auch die Luftigkeit und die Leichtigkeit, mit der die großen Lautsprecherzeilen zu Werke gehen- alles gelingt ihnen völlig mühelos und spielerisch, ganz so, als hätte das 420 Kilogramm schwere Ensemble gar keine eigenen irdischen Dimensionen. Aber der Begriff des Spektakulären charakterisiert nur eine Seite des Piega-Auftritts. Eine andere lässt uns eher an Begriffe wie Genauigkeit und Präzision denken: Die Master Line Source ist kein Fall für aufgeblasenes Pathos. Im Gegenteil: Sie spielt oft auf eine so nüchtern-realistische Art, als müsse sie einen Kontrapunkt zum majestätischen Auftritt ihrer Physis setzen. In Wahrheit folgt der Lautsprecher damit keiner Philosophie: Er spielt einfach das, was die Musikkonserve ihm vorgibt. Jedenfalls trauen wir uns, schon nach einem ersten Eindruck zu resümieren: Dieses Gerät gehört zum Besten, was die Lautsprecher-Baukunst hergibt. Und selbst wenn es für die Einkaufsliste zu sperrig ist: Es lohnt sich, ihm auf der nächsten Reise in den Süden einen Besuch abzustatten.