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Anders wedeln

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Man muss nur genau hinschauen: An der Wedelrichtung der Rute eines Hundes erkennt man seine Gemütslage, schreiben italienische Wissenschaftler. Für ihre Studie führten sie Hunden Videos vor und maßen den Stress.

Hunde lassen sich lesen wie ein Buch – man muss nur genau hinschauen, um alles entziffern zu können. Auf diese Formel lassen sich die Ansichten einer wachsenden Gemeinschaft von Hundehaltern bringen, die auf sogenannte „Beschwichtigungssignale“ schwören. Vor gut einem Jahrzehnt von einer norwegischen Hundetrainerin in Büchern vermarktet, schlug diese wissenschaftlich hochumstrittene Sichtweise vor allem in Deutschland ein wie eine Bombe: Man solle seinen Hund beobachten und auf Zeichen wie Gähnen oder das Lecken der Nase achten, so könne man erkennen, ob der Hund unter Stress stehe, so die Verfechter der beliebten Theorie. Eine neue Studie aus Italien ist nun Wasser auf deren Mühlen: Wedelt der Hund nach rechts, zeigt das positive Emotionen an, schlägt die Rute nach links aus, ist der Hund gestresst, etwa, weil ein unfreundlicher Artgenosse auftaucht, heißt es im Fachmagazin „Current Biology“.

Bei Hunden, denen man Videos von Linkswedlern vorspielte, stieg der Puls rasant- wedelte der Hund im Film nach rechts, blieben alle ruhig. Man muss sich also nicht wundern, wenn man in Zukunft im Park Menschen mit zusammengerollter Leine in der Hand sieht, die ihrem Hund angestrengt mit Blicken folgen und dabei vor allem das Hinterteil fixieren. Muss man einschreiten, für bessere Stimmung sorgen, beschwichtigen?

Besorgtes Beobachten schadet nicht

Es mag Menschen geben, die eine solche Haltung übertrieben finden. Doch immerhin ist mit dieser aufmerksamen Fürsorge auch eine schwarze Hundepädagogik verschwunden, die bis in die achtziger Jahre ganze Generationen von Welpen prägte. Drill, Kommandos, Stromhalsbänder: So sahen Hundeplätze noch vor wenigen Jahrzehnten aus. Man kann sich leicht vorstellen, wie dort versucht wurde, aus Linkswedlern vernünftige Rechtswedler zu machen oder sogar aus beiden, Links- und Rechtswedlern, ordentliche Geradewedler. Die Parallelen zu Erziehungsideologien unter Menschen sind nicht weit- auch das bis in die siebziger Jahre übliche Umpolen von Linkshändern hatte ja bisweilen schwere Folgen. Krallenkauen, Sitz-Platz-Schwäche, abgebrochene Hundeschulkarrieren und am Ende Depressionen: Dem heute mit Argusaugen und liebevoller Besorgnis betrachteten Junghund bleibt ein solches Schicksal immerhin erspart.