
Christine Westermann über Ampel-Flirts, Chicken Wings an den Oberarmen, das Gefühl, aussortiert zu werden – kurz: das Älterwerden.
Frau Westermann, Anfang Dezember ist Ihr 65. Geburtstag. Werden Sie jetzt alt?
Ja. Jetzt geht es los. Klar kann ich mich die nächsten 20 Jahre mit dem Wort „älter“ durchs Leben hangeln. Aber jetzt ist dieses Gefühl von Altsein da. Das hatte ich mit 60 noch nicht.
Woran machen Sie das fest?
An den Dellen am Oberschenkel. An den Chicken Wings an den Oberarmen. An Fotos von mir, bei denen ich mich erschrecke und denke: So siehst du also aus. Ich glaube, es gibt ein Alter von außen und eins von innen, und das von innen variiert. Da bin ich manchmal 18. Manchmal auch uralt und ganz weise. Aber das äußere Alter ist wirklich 65. Ich habe mein Leben lang immer sehr gern geflirtet. Jetzt merke ich, wie mich die Scheu des Alters davor zurückhält.
Das liegt nicht daran, dass Sie vor 13 Jahren geheiratet haben?
Überhaupt nicht. Ich stand neulich mit unserem VW Cabrio an der Ampel. Das Dach war unten, ich war ungeschminkt, Westermann pur und gut drauf. Ich höre Musik, wende unbewusst den Kopf nach rechts – und da ist auch ein Cabriolet mit einem Typen, der mich beobachtet. Ein guter Typ. Aber ich hätte bequem seine Mutter sein können. Ich gucke und lache, die alte Routine. In dem Moment trifft es mich wie ein sanfter Schlag: Geht’s noch? Einerseits habe ich mich gefreut, dass der Impuls noch da ist. Andererseits habe ich mich nicht mehr getraut hinzugucken und ganz schnell die Spur gewechselt.
Eigentlich ist jeder runde Geburtstag eine Art Einladung zur Nabelschau: Wo stehe ich, was habe ich geschafft, wo will ich hin? Was ist mit Mitte sechzig anders?
65 ist ein Einschnitt. Ich war zwar nie fest angestellt, aber ich kriege jetzt Rente. Ich habe in die Pensionskasse eingezahlt, seit ich 20 bin, und ich hätte nie gedacht, dass ich das Auszahlen dieser Rente einmal erleben würde. Die Krankenkasse schreibt Briefe, dass der Beitragssatz niedriger wird, weil ich 65 werde. Man kriegt so einen deutlichen Eindruck von Zielgerade.
Was meinen Sie damit?
Mir ist klargeworden, wie wenig Zeit ich noch habe. Vielleicht sind es noch dreißig Jahre, vielleicht ist es nur ein halbes, keine Ahnung. Aber die Endlichkeit war mir zum ersten Mal bewusst. Plötzlich wusste ich nicht mehr, wo es langgeht, weder mit mir noch mit meinem Leben. Wo will ich denn noch hin?
Muss man sich entscheiden, wenn die Zeit knapp wird?
Nein. Aber man muss nach vorn gehen, sich bewegen. Und ich hatte das Gefühl, ich trete auf der Stelle. Ich bin jetzt auf der Höhe meines Schaffens. Ich mache das, was ich tue, leidenschaftlich gerne. Ich bin privat sehr zufrieden. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ich müsste herausfinden, wie ich das Ganze mit Sinn fülle.
Ihr Buch „Da geht noch was“ liest sich streckenweise tatsächlich, als gehe es weniger um eine Auseinandersetzung mit dem Alter als um eine Art Sinn- und Glückssuche.
Das stimmt. Aber ausgelöst durchs Alter. Plötzlich fragt man sich, ob man sein Leben verplempert hat, weil man immer noch kein zwölfteiliges Geschirrservice und Damasttischdecken besitzt. Andere Leute haben solche Dinge. Ich nicht. An guten Tagen finde ich das völlig in Ordnung. Aber an schlechten hätte ich auch gerne ein Haus in Andalusien.
Nennen Sie mir drei Dinge in Ihrem Leben, die uneingeschränkt gut waren.
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich meinen Vater hatte, weil der viel gesät hat, was später aufgegangen ist. Auch wenn er das nicht mehr erleben konnte, weil er früh gestorben ist.
Sie waren 13.
Das war der Schock meines Lebens, glaube ich. Wir hatten eine sehr, sehr innige Beziehung. Dass ich seinen plötzlichen Tod gut überstanden habe. . . – da habe ich instinktiv viel richtig gemacht. Ich glaube, ich habe alles richtig gemacht in meinem Leben. Erstens alles. Zweitens alles. Drittens alles.
Was bereuen Sie trotzdem?
Ich bereue, dass ich mit mir hadere, dass die Selbstzweifel so groß sind. Aber vielleicht wäre ich sonst auch unerträglich – aus Überheblichkeit.
Sie nennen diese Mischung aus mangelndem Selbstwert und dem Gefühl eigener Unzulänglichkeit Ihren „treuen Begleiter“. Ich hatte gehofft, so etwas würde mit steigendem Alter besser.
Wird es auch. Wenn ich heute vor einer schwierigen Aufgabe stehe, weiß ich, dass ich es schaffe. Das war vor zehn Jahren anders. Früher hatte ich diese Angst, hoffentlich kriegst du es überhaupt hin. Hoffentlich kommt keiner dahinter, dass du es nicht kannst. Heute weiß ich, Angst gehört dazu. Kein Mut ohne Angst. Und totale Rohrkrepierer gibt es bei mir nicht mehr. Das ist ein schönes Gefühl.
Wird man unabhängiger von dem, was andere Menschen über einen denken und sagen?
Ja. Ich kann heute einschätzen, wie gut meine Arbeit ist. Mein wichtigster Kritiker bin ich selbst.
Ist das auch ein geschlechtsspezifisches Thema? Ich kenne vor allem kompetente Frauen mit Selbstzweifeln. . .
Da ist sicher etwas daran. Männer geißeln sich nicht so und gehen mit ihren Zweifeln nicht an die Öffentlichkeit. Aber Versagensängste kennen Männer auch.
Sie selbst sind schonungslos mit sich: Partys, auf denen Sie am Smalltalk scheitern, der Verriss Ihrer ersten Wettervorhersage im Fernsehen, als der Chef befahl: „Nehmt das Kind vom Sender. Es moderiert wie ein Kalb, wenn’s donnert.“ Brauchten Sie eine radikale Beichte?
Ich habe in der Tat eine Menge von mir preisgegeben. Es könnte sein, dass ich ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen bin.
Weil Sie so sehr aufgemacht haben und sich nicht gut schützen?
Ja. Aber ich bin so. Diese Offenheit, diese Glaubwürdigkeit gehört zu mir. Ich bin nicht die fröhliche Fernsehfrau, die alles gebacken kriegt. Ich fahre nach nicht so gelungenen Sendungen nach Hause, bin zerknirscht oder zermartere mir noch Tage später das Hirn.
Sie sind beim WDR tatsächlich gefragt worden, wie lange Sie noch im Fernsehen auftreten wollten?
Wir bekommen bei „Zimmer frei“ nur Jahresverträge, und bei den Gesprächen um die Fortführung wurde ich gefragt, wie lange ich überhaupt noch weitermachen wolle, schließlich würde ich demnächst 65 Jahre alt. Mir kam es vor, als habe man meinen Ausstieg aus Altersgründen schon fest eingeplant.
Viele Menschen gehen mit 65 in Rente.
Ja, aber warum? Warum wird man mit 65 aussortiert? Was hat das Alter mit Qualität zu tun? Wenn gut war, was ich mit 64 gemacht habe, warum ist es nicht mehr gut genug, nur weil ich ein Jahr älter geworden bin? Aber ich habe mich auch gefragt, ob ich vor der Wirklichkeit die Augen verschließe. Sehen andere, was ich nicht sehen will? Eine alte, schwerfällige, zu dicke Frau? Ich habe erst mal – typisch weiblich – ein paar Kilos abgenommen. Das macht einen aber auch nicht jünger.
Und dann?
Ich habe gesagt, dass ich das nicht tun werde. Abtreten, mit der üblichen öffentlichen Begründung, mit 65 sei es an der Zeit, mal ein bisschen kürzerzutreten. Schließlich hat man mich nach meinen Vorstellungen für die Zukunft gefragt. Die konnte ich sehr klar formulieren. Ziel der Moderatoren und des Teams ist es, mit „Zimmer frei“ mindestens 20 Jahre alt zu werden, also bis 2016 weiterzumachen. Dem hat der Unterhaltungschef nach kurzer Denkpause zugestimmt.
Ist es als Fernsehfrau besonders schwer zu altern?
Ich glaube, ich bin die Frau in Deutschland, die am längsten Fernsehen macht. Ich mache das jetzt über 42 Jahre . . .
Da lächeln Sie sehr zufrieden!
Und ich wollte gerade hinzufügen: unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ich mache kein großes Getue, sondern schöne kleine Sendungen. Die Westermann hat so eine bestimmte Art, die eignet sich sicher nicht für die ARD und die großen Shows, aber da, wo sie ist, ist sie okay. Darüber bin ich alt geworden.
Was macht Ihnen Angst: das Leben oder der Tod?
Schöne Frage.
Die ist von Ihnen. Aus Ihrer Liste von Fragen, die Sie gerne Ihrer Mutter stellen würden, die mit 64 Jahren gestorben ist.
Meine Mutter hat mir früher nie gefehlt, unsere Beziehung war nicht sehr innig. Aber beim Schreiben des Buches kam mir der Gedanke, wie schnell es vorbei sein kann. Meine Mutter ist nicht mal so alt geworden, wie ich es jetzt bin.
Also: Was macht Ihnen mehr Angst?
Der Tod. Aber nur für den Fall, dass er zu früh kommt.
Was wäre zu früh?
Wenn ich morgen eine Diagnose bekäme, unheilbarer Krebs, noch anderthalb Jahre. Ich möchte gerne bleiben. Ich fange langsam an, dieses Leben zu begreifen, und jetzt, wo ich es tue, möchte ich es bitte noch leben.
Wenn Sie bestellen könnten, wie viele Jahre würden Sie nehmen?
Das ist eine gute Frage, und die ist von Ihnen. Ich würde darum bitten, dass ich alle fünf Jahre neu gefragt werde.
Die Fragen stellte Julia Schaaf.
