Gesellschaft

Bilder aus Bäumen

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Der Dokumentarfilmer Hubertus Siegert inszeniert in seinem Park reale Landschaftsgemälde. Die exotischen Bäume müssen besonders gepflegt werden: Ein Ahorn bekam hier schon einmal einen Sonnenbrand.

Ein Landschaftsgemälde entsteht. Erst setzt der Maler die Grundzüge, ein Hügel hier, dort eine Baumgruppe, davor ein Tal – am Anfang geht es nur um grobe Konturen. Dann malt er immer präziser, übermalt das eine oder andere wieder, verändert die Farben. Ganz so, wie es die Natur tut. Und genauso geht es auch hier, im Freiluft-Atelier dieses Künstlers, zu. Hubertus Siegert ordnet sein ganz persönliches Gemälde, es wird ein Landschaftsbild aus weit über eintausend Bäumen. Die Motive sind Alleen und Hohlwege, kleine Wäldchen und enge Spaliere. Jetzt im Herbst, schimmert der ganze Park gelb, rot und ocker, doch natürlich verändert sich dieses Gemälde ständig. Nicht nur durch die Jahreszeiten, sondern auch, weil der Park noch jung ist. Für Hubertus Siegert ist es ein Lebenstraum, den er sich erfüllt: ein ganzer Park voller Baumbilder. Seine Bilder.

Hubertus Siegert studierte Landschaftsplanung, arbeitet jedoch als Produzent und Regisseur von Dokumentarfilmen, und als solcher betrachtet er die Welt eher nüchtern. Wenn dieser Realist, der Anfang 50 ist, nun seinen Garten nur mit Bäumen bestellt, dann weiß er zu gut, wie lange es dauern wird, bis er in voller Blüte steht. „Es ist ein Projekt für Generationen“, sagt Siegert und schaut am hellen Stamm einer jungen Buche empor. Der Baum ist heute acht oder neun Meter hoch. Es ist eine Hängebuche, sie steht in einem Geviert mit anderen ihrer Art. Über die Jahre sollen die vier Baumkronen hoch oben ineinanderwachsen, dann entsteht ein mächtiges Tor. „Mein Sohn erlebt das oder später seine Kinder“, sagt Siegert.

5 Hektar – eine freie Spielwiese

Vor zehn Jahren kam er nach Groß-Ziethen, in ein Dorf 50 Kilometer nordwestlich von Berlin. Die Gegend ist eher eintönig, es gibt große Flurflächen, kaum Hügel, kaum Seen, nur Horizont. Aber die Gemeinde war offen für seine Ideen, er durfte sieben Grundstücke kaufen. Insgesamt 5 Hektar – eine ideale freie Spielwiese. Danach hat Siegert fast jeden Quadratmeter umpflügen lassen, nichts erinnert mehr an die vorherigen Äcker. Nur ein 100 Jahre altes Wohnhaus vorn an der holprigen Straße steht noch, das bauten sich der Regisseur und seine Familie zum Wochenenddomizil aus, genauso die backsteinerne Remise. Ein schicker Schuppen ist das, er wurde mit alten Ziegeln ausgebessert, alten Türbeschlägen und Gusseisenfenstern, alles ganz stilsicher. Dort liegt auch eine lauschige Terrasse, sie weist nach Osten. An der Hausecke flüstert eine silbrige Zeder im Wind.

Wie aufgetischt liegt das ganze Werk des Planers vor einem: links ein Teich, daneben ein Wäldchen und ein Hügel. Vor der Terrasse breitet sich eine wilde Wiese wie ein Tal aus, sie ist derzeit weit heruntergemäht. Dahinter schimmern überall Baumgruppen hervor, mal im Pulk, mal in Reihen. Es gibt Wipfel, die ihre Nachbarn überragen, und Kronen, die bauchig und niedrig sind. Immerhin, fünf bis zehn Meter messen die meisten Bäume mittlerweile. 1500 Stück hat Siegert bis heute aus Baumschulen liefern lassen.

Selbst wenn manche Grüppchen wie zufällig dahingetupft aussehen, Zufall ist nichts. Alles ist durch und durch geplant. Dennoch ist es eine Phantasiewelt. Das bestätigt der Herr des Gartens sogleich bei einem Rundgang: „Das Prinzip ist der Eklektizismus“, sagt Siegert, also eine Häufung vieler Stile und Ambitionen. Was Siegert mag, taucht auf. So hat der Fachmann alle Baumarten pflanzen lassen, die in unserem Klima gedeihen. Die Bäume stammen ursprünglich aus allen Ecken der Erde. Es gibt zum Beispiel gleich mehrere Birkenwäldchen mit insgesamt zwölf Birkenarten. Vor vielen einzelnen Bäumen stecken Namensschilder. Das erinnert an einen botanischen Garten oder ein Arboretum. Ein Botaniker steckt eben auch im Landschaftsplaner, dieser Teil der Persönlichkeit Siegert legt mit dem Park sozusagen ein „Lexikon der Bäume“ an.

Ein Ahorn bekam einen Sonnenbrand

Es gibt dementsprechend viele Vertreter, die unter besonderer Obhut stehen. Die Moorbirke gehört dazu, sie tue sich schwer mit der Trockenheit, die oft herrsche, sagt Siegert. Diesen Bäumen mit den schwarzbraunen Stämmen reichen allein die Bewässerungsschläuche, die überall durch das Gras verlaufen, nicht. Sie brauchen spezielle Pflege. Andere exotische Bäume, etwa ein Ahorn aus Nordamerika, bekam einen Sonnenbrand- wieder andere litten unter Stürmen oder der Kälte. Gleich nach den Birken kommen die Erlen, die Lärchen, Pappeln, Buchen und Eichen, die Exoten und Ulmen, so geht es immer weiter. Zwanzig Baumfamilien mit 360 Arten verteilen sich über die fünf Hektar. Laien kann es beim Spaziergang über das Gelände, das durch viele Erdbewegungen und Aushübe leicht auf und ab geht, fast schwindlig werden ob all der Namen, Baumfamilien und Stammbäume.

Aber dann sind da diese Landschaftsbilder. Einmal stehen sich zum Beispiel Bäume in einer Allee gegenüber, Robinien sind darunter. Ein schöner Weg, einhundert Meter weit. Ein Stück weiter gibt es eine Pendelallee aus Buchen. Sie stehen mal rechts, mal links versetzt. Wer zwischen ihnen hindurchgeht, muss Schlangenlinien laufen. Das sei ein urtümliches, früher in Süddeutschland verbreitetes Landschaftselement, erzählt Siegert. Solche Landschaftsbilder, die einmal in unseren Breiten üblich waren, aber im Laufe der Industrialisierung der Landwirtschaft verschwanden, sind seine Lieblingsmotive. Er beschwört Vergessenes, ganz so, als wäre sein Park auch eine Landschafts-Arche.

In langem Spalier und ganz eng gepflanzt stehen an einer Stelle Dutzende Rotbuchen, man ahnt, dass dieses eine Wand aus Bäumen wird. In jahrelanger Feinarbeit werden Siegert und seine Helfer im Park die Buchen immer weiter „bücken“, das bedeutet, die niedrigen Äste Jahr für Jahr sehr dicht horizontal ineinander zu verschlingen, bis eine undurchdringbare Holzmauer entstanden ist. Siegert kennt das aus seiner historischen Literatur: Bis zum Dreißigjährigen Krieg schützten sich Dörfer mit solch einem „Gebück“ vor Feinden. Gleich daneben wird später einmal das „Hohe Tor“ aus den vier Buchenkronen stehen, auch dieses ist ein uriges Motiv. Solche Ideen trieben viele Gartenbauer um, seit vor dreihundert Jahren die Ideen des Landschaftsparks entstand. Das heißt, die Natur so zu steuern, dass sie prächtige, doch urwüchsige Gebilde und Gebirge bildet. Oder man schafft sich ruhige Oasen, dafür kann der Planer Siegert auch genügend Beispiele liefern. Idyllische Hohlwege hat er angelegt, sie werden mit Eschen, Schlehen und Holunder zuwachsen. Ihre Herbsttönung macht diese Gassen schon jetzt, mit relativ kleinen Pflanzen, zu rötlich schimmernden Tunneln.

Die exotische Lärche ist eines seiner Lieblingsbilder

Nicht immer muss die Landschaftsmalerei aufwendig sein. Manchmal reicht schon ein einziger Baum. So steht eine noch zierliche Japanische Goldlärche am Hang neben einem klaren Grundwasserteich. Die exotische Lärche ist eines von Siegerts Lieblingsbildern, kein Besucher, der mit ihm durch den Park stapft, darf sie auslassen. Auf Hinkelsteinplatten, die überall in der Landschaft verteilt liegen, kann man sich setzen, einzelnen Bäumen beim Spiel ihrer Blätter zuschauen, die Farbverläufe studieren oder oben vom Aussichtshügel weit in die Landschaft schauen.

Wo liegt nun wirklich die Kontemplation, wenn man sich solch ein Mammutvorhaben vornimmt? Die Entspannung muss, wie wohl bei jedem Gärtner, eher im Vorübergehen wirken. Hier zupft Siegert, wenn er unterwegs ist, etwas Schilf am Ufer des Teichs, dort rückt er die Wasserschläuche zurecht, macht sich Notizen über einzelne Bäume. Aufmerksam begutachtet er beim Spazierengehen seinen Trockenrasen, viele Flächen sind eine wilde Wiese. Sein allererster Film, sagt Siegert, handelte von solch einer Steppe, einer spontanen Vegetation auf stillgelegten Bahnflächen in West-Berlin. Das war vor dreißig Jahren. Heute treibt ihn all das wieder um.

Ein Ausreißer in diesem seltsamen Garten ist der Rosengarten, der gleich neben dem Gartenhaus liegt: Dort wächst streng gepflegter englischer Rasen, umgeben von Ziegelmauern, die den empfindlichen Rosen Schutz bieten. „Man braucht doch eine Liegewiese“, sagt Siegert.