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Die IT-Branche kämpft um ihren Ruf

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Die IT-Branche steht vor einer Wegscheide: Gelingt es ihr, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen? Auf der nächsten Computermesse Cebit, die gerade geplant wird, gibt es ein sehr interessantes Projekt.

Es ist ein Paradoxon: In einer Zeit, in der sich die Informationstechnologie anschickt, endgültig sämtliche Lebens- und Produktionsbereiche zu durchdringen, steht sie vor ihrer vielleicht größten gesellschaftlichen Herausforderung. Denn es gilt, das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen. Die immer neuen Enthüllungen über die Schnüffelaktionen nicht nur des amerikanischen Geheimdienstes NSA greifen Geschäftsmodelle an, die darauf aufbauen, möglichst viele Daten möglichst schnell auszuwerten – und diese dann wieder in Millisekunden rund um den Globus zu jagen.

Verkehrsströme sollen sich intelligent vernetzen, die Energieversorgung intelligenter, Konsumenten gezielter angesprochen werden: Alles scheint möglich, aber eben auch die totale Überwachung. In diese Phase fällt für die Branche die Vorbereitung auf die nächste Cebit-Messe in Hannover. Wird es dort gelingen, die Ängste zu adressieren, in einen gesellschaftlichen Dialog einzutreten und doch die Faszination für die Neuheiten der Branche zu bewahren?

Vielleicht liefert ein Besuch in der Halle 16 inmitten des Messegeländes die Antwort. Dort präsentiert sich abermals der von Ulrich Dietz, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden des mittelständischen deutschen Softwarehauses GFT, inspirierte Gründerwettbewerb „Code-N“. Es ist kein Zufall, dass sich der Wettbewerb in dieser Runde vor allem dem Thema „Big Data“ widmet, also ebenjenen Geschäftsmodellen, die sich rund um die Auswertung riesiger Datenmengen in Echtzeit bauen lassen. Damit das sperrige Thema aber auch Menschen erreicht, die eine eher bildliche Vorstellungskraft haben, hat Dietz zwei renommierte Künstler beauftragt, die das Thema auch visuell eindrucksvoll umsetzen sollen: Clemens Weisshaar und Reed Kram.

Halle mit hochauflösendem Panorama bespielt

„Das Konzept für die Halle bricht mit allen Konventionen der Ausstellungsarchitektur und schafft einen Raum, der großen Ideen und dem Dialog zwischen Gründern, Entwicklern, Unternehmern und Investoren gewidmet ist“, hofft Dietz, und der erste Eindruck nach einem Probeaufbau in der vergangenen Woche zeigt, dass das gelingen könnte. Die beiden Designer, von der „New York Times“ als „posterboys of a new breed of digital designers“ gefeiert, haben eine Architektur entwickelt, die die Halle umlaufend und in voller Höhe mit einem 3000 Quadratmeter großen, hochauflösenden Panorama bespielt und das Big Data, das Leitthema der Veranstaltung, greifbar machen soll. Die 5000 Quadratmeter Standfläche in der Halle wiederum sind den Gründern gewidmet, die hier ihre Geschäftsmodelle präsentieren sollen. Sie sind die Finalisten des Code-N-Innovationswettbewerbs, der die zukunftsträchtigsten jungen Unternehmen aufspüren und in Hannover zusammenzubringen will. Der Wettbewerb wird von dieser Zeitung als Medienpartner unterstützt.

„Vor elf Jahren waren wir als Jungunternehmer selbst in einer ähnlichen Situation wie die Code-N-Start-ups“, erinnert sich Weisshaar. „Und auf der Cebit werden sie frontal mit Realitäten konfrontiert. Nach den fünf Tagen wissen sie besser, ob ihr Geschäftsmodell tatsächlich funktioniert. So sehen wir unsere Aufgabe auch darin, mit unserer Architektur ein panoramisches Dach für die Ideen zu schaffen.“ Bewusst grenzt sich die Gestaltung radikal von den üblichen Messeständen ab: „Wir invertieren die Idee des klassischen Messebaus“, beschreibt Weisshaar das Projekt.

Der Code-N-Inspirator Dietz wiederum versucht, mit seinem Wettbewerb die klassische Messe als solche zu invertieren, also im Wortsinne umzudrehen, weg von den großen Ständen der etablierten Branchengrößen, hin zur Kraft durch Neues. Dabei ist Dietz einer der wenigen deutschen Softwareunternehmer, die es aus eigener Kraft mit ihrem Unternehmen zu einer gewissen Bedeutung über ihre Heimatregion und Deutschland hinaus gebracht haben. Längst ist sein Unternehmen aufwendige Expansionsschritte nach Spanien und Italien gegangen. Wenn es also künftig darum gehen sollte, die Informationstechnologie im Wettbewerb mit Amerika in Europa wieder stärker voranzubringen, wären es wohl Menschen wie Dietz, auf die man bauen müsste, um zu zeigen, dass es auch hier kreative Ideen gibt.

Viele Milliarden Dollar in Informationssysteme investiert

Gespräche mit dem Softwareunternehmer zeigen, dass ihn die Frage, wie Europa mit Innovationen im internationalen Wettbewerb vorankommen kann, schon länger bewegt als Menschen, die darüber erst nachdenken, seitdem der frühere amerikanische Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden seine Dokumente veröffentlicht. Dabei macht sich Dietz keine Illusionen: Seit den Anschlägen des 11. September 2001 hätten die Vereinigten Staaten viele Milliarden Dollar in neue Informationssysteme investiert: „Alles unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit, der Terrorismus- und Kriminalitätsbekämpfung“, sagt Dietz. Hieraus seien sehr viele neue Technologien entstanden, rund um Datenanalyse, rund um Abhörmaßnahmen und etliches mehr.

Daran sehe man aber auch, dass die Amerikaner zehn Jahre gebraucht hätten, um zu sichtbaren Ergebnissen zu kommen. „Immer schnell, schnell, so wie sich das einige Unternehmen vorstellen, die jetzt plötzlich eine Innovationskultur etablieren oder neu beleben wollen, so wie zum Beispiel der Energieversorger ENBW oder auch Bosch, funktioniert das nicht“, sagt Dietz. „Solche Sachen entstehen nicht schnell.“ Entscheidend sei, ganz ohne staatliche Hilfe, dass die Kultur in einem Unternehmen für neue Themen offen sein müsse. Wichtig sei eine „Piraten-Kultur“, wie zum Beispiel im Fall der „i“-Autos von BMW. Verkehrsleittechnik, Effizienz in der Produktion, Elektromobilität, alles das sei dort neu durchdacht worden: „Mit dem völlig neu entwickelten Elektroauto i3 sammelt BMW Erfahrungen und wird darauf aufbauend weitere neue Produkte entwickeln, mit denen man in der Zukunft spannende Geschäfte wird machen können. Vergessen Sie nicht: Der amerikanische Elektroautohersteller Tesla hat inzwischen eine höhere Marktkapitalisierung als Fiat“, sagt Dietz.

Tesla zeige: „Nötig ist nicht die zweite oder dritte Ableitung eines Produkts, sondern Ideen, die wirklich anders sind.“ Dazu brauche man Teams, und die Innovationen kämen nicht durch einen „Heureka“-Moment. Alle Erfahrungen zeigten: Man brauche Geduld, und die Budgets, die für die Forschung und Entwicklung zur Verfügung stünden, dürfen auch nicht zu groß sein. Falls ein gewisser Mangel an finanziellen Mitteln die Kreativität tatsächlich befördert, dann müssten die Finalisten des Code-N-Wettbewerbs besonderes Interesse auf sich ziehen, sind die Start-ups doch stets auf der Suche nach Geld. Die Bilanz, die Dietz mit Blick auf die Wettbewerber der vorangegangenen Jahre ziehen kann, fällt denn auch positiv aus: „Entweder haben unsere Finalisten frisches Geld erhalten, wurden aufgekauft oder bekamen Kooperationen angeboten“, hat er festgestellt.

Vernetzung von Maschinen verbessert Auslastung

Dietz’ Erfahrungen mit Code-N beweisen nach seiner Meinung zudem: „Wollen große Unternehmen Ideen von außen anzapfen, müssen sie gegenüber Start-ups offen sein, man muss kooperieren, ohne gleich zu assimilieren.“ Dabei gebe es so viele dynamische Entwicklungen, dass sich ein Blick auf diese Gründerkultur auch für die Verarbeitende Industrie lohne, was gerade für die deutsche Volkswirtschaft wichtig sei: Unter dem Stichwort „Industrie 4.0“, also der Vernetzung von Maschinen untereinander, werde sich vor allem auch die Auslastung von Maschinen erheblich verbessern, ist Dietz überzeugt.

Somit bleibt vor allem die Frage nach der Akzeptanz der schönen neuen Technikwelt rund um „Big Data“ – und wie gut die Start-ups dabei auf die Ängste der Menschen vor allem in Deutschland eingehen können. Eine Studie jüngeren Datums zeigt zumindest, dass die Lage in dieser Hinsicht noch nicht völlig hoffnungslos ist. Eine vom Telekom-Tochterunternehmen T-Systems in Auftrag gegebene „Big Data“-Studie kommt jedenfalls zu dem Ergebnis, dass die Deutschen nicht grundsätzlich dagegen sind, dass Unternehmen ihre Daten für „Big-Data“-Analysen nutzen. Dabei differenzieren sie aber stark nach Verwendungszweck: Für die Verbesserung medizinischer Leistungen würden drei Viertel ihre persönlichen Daten hergeben und für eine Vermeidung von Staus oder Emissionen im Verkehr knapp die Hälfte der Befragten. Dagegen ist aber nur jeder Zehnte bereit, persönliche Daten für bessere Kaufempfehlungen in Form personalisierter Werbung preiszugeben.

„Die Studienergebnisse zeigen, dass ‚Big Data‘ akzeptiert wird, wenn die Kunden einen klaren Nutzen erkennen. Big Data muss daher ausgewogen Vorteile für Verbraucher und Unternehmen bringen“, kommentierte Reinhard Clemens, Telekom-Vorstand und Chef von T-Systems, die Ergebnisse. Die nächste Cebit wird zeigen, ob die Unternehmen die Verbraucher von dieser Ausgewogenheit überzeugen können. Ein Besuch in Halle 16 bei Code-N dürfte diesem Aspekt eine besonders avantgardistische Note verleihen.