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Ein armes Land will hoch hinaus

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Mit seiner Mars-Mission will Delhi vor allem den Rivalen China ausstechen. Kritiker halten das für Größenwahn.

Die Befürworter der Mission halten sie für einen gelungenen PR-Coup, der Indiens Ansehen als werdende Supermacht mehren werde. Die Kritiker sprechen von einem Hirngespinst der indischen Elite und klagen über die Verschwendung von Ressourcen in einem Land, in dem ein Drittel der Armen der Welt lebt. Um 14.38 Uhr indischer Zeit startete am Dienstag von der Insel Sriharikota eine Trägerrakete mit der Sonde „Mangalyaan“ in Richtung Mars. Wenn die Mission gelingt, steigt die Atommacht in einen elitären Club auf: Bislang gelang es lediglich den Vereinigten Staaten, der damaligen Sowjetunion und Europa, Sonden zum Roten Planeten zu schicken – Indiens asiatische Rivalen Japan und China sind bislang mit ihren Versuchen gescheitert.

Ministerpräsident Manmohan Singh hatte das Prestigeprojekt im August vergangenen Jahres in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag angekündigt. „Eine Raummission zum Mars wird ein riesiger Schritt für uns in den Bereichen Wissenschaft und Technik darstellen“, sagte Singh vor dem Roten Fort in Delhi. Der Ort war Programm. Was vor der Festungsanlage im Norden der Hauptstadt verkündet wird, tangiert den indischen Nationalstolz. Von hier aus beherrschten einst die britischen Kolonialherren den indischen Subkontinent. Nach der Unabhängigkeit zog die indische Armee in die Palast- und Festungsanlage ein.

Der Wissenschaftler Ajay Lele vom „Institute for Defence Studies and Analysis“ in Delhi ist denn auch überzeugt davon, dass Forschungsfragen bei der Mars-Mission eine untergeordnete Rolle spielen. Es sei nicht zu erwarten, dass „Mangalyaan“ (Hindi für Mars-Reisender) neue Erkenntnisse über den Roten Planeten zutage fördern werde, sagt Lele. „Es geht vielmehr darum zu beweisen, dass wir technologisch in der Lage sind, den Mars zu erreichen.“ So sind das Trägersystem, die Sonde und die Instrumente an Bord mehrheitlich von Wissenschaftlern und Technikern der Indischen Weltraumforschungsorganisation (Isro) entwickelt worden. „Jeder Student und gemeine Mann sollte stolz sein, dass unser Land zu einer solch komplexen Mission fähig ist“, sagte der Isro-Vorsitzende Koppillil Radhakrishnan vor dem Start. Innerhalb von nur zwei Jahren sei es gelungen, das aufwendige Vorhaben zu meistern. Was Radhakrishnan allerdings nicht erwähnte: Eigentlich sollte eine speziell dafür entwickelte Trägerrakete die unbemannte Sonde ins All bringen. Sie wäre speziell für schwere Nutzlasten geeignet gewesen. Doch sämtliche Teststarts schlugen bislang fehl, so dass man auf eine schwächere Trägerrakete zurückgreifen musste. Deshalb konnten nun nur 15 Kilogramm an wissenschaftlichen Geräten an Bord gebracht werden.

Suche nach neuen Absatzmärkten

Der Wissenschaftler Amitabha Ghosh von der „Rover“-Marsmission der Nasa ist kritisch: Warum Indien ausgerechnet zum Mars fliegen wolle, fragt er. Anstatt nachzuahmen, was andere bereits geschafft hätten, solle die indische Weltraumbehörde sich lieber unerforschten Fragen widmen. Der Wirtschaftswissenschaftler John Drèze sieht hinter dem Projekt gar das „wahnhafte Streben“ der indischen Elite nach dem Status einer Supermacht. Stattdessen solle das Land seine Gelder lieber in die Gesundheitsversorgung und Ausbildung stecken, fordert er. Doch es gibt auch andere Stimmen: Pillai Rajagopalan vom Forschungsinstitut „Observer Research Foundation“ in Delhi hebt den Statusgewinn im Wettbewerb mit China hervor. „Wenn es uns nun gelingt, zum Mars zu fliegen, haben wir China überholt“, sagt Rajagopalan.

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Indien schickt unbemannte Sonde zum Mars

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Zudem könne sich Indien auf dem Zukunftsmarkt Weltraumtechnik neue Absatzmärkte erschließen. „Länder wie Brasilien oder einige afrikanische Länder können sich zukünftig an Indien wenden, um Erkenntnisse zu bekommen oder eigene Satelliten und Messinstrumente in den Weltraum zu schießen“, sagt Rajagopalan. Die Wissenschaftlerin ist davon überzeugt, dass das Geld gut angelegt sei. Studien zeigten, dass jeder Dollar, der für die frühen Apollo-Missionen ausgegeben worden sei, Technologien im Wert von zehn Dollar geschaffen hätten. Zudem sei die indische Marsmission mit umgerechnet 54 Millionen Euro die günstigste der Welt – und damit günstiger als ein Boeing-Passagierflugzeug.