Lebensstil

Eine Frau und ihr Mannifest

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Seit 25 Jahren entwirft Véronique Nichanian die Herrenkollektion im Traditionshaus Hermès. Pünktlich zum Jubiläum findet der Mann modisch seinen Platz genau dort, wo ihn die Designerin schon immer gesehen hat.

Überall in Paris kleben jetzt diese Plakate mit unbekleideten Männern, an jeder Straßenecke, in gefühlt jeder U-Bahnstation. Die entblößten Herren sind so allgegenwärtig wie Selbstverständlichkeiten, ihre Anmutung ist hochoffiziell. Doch wird da nicht auf einen Schuppen im Rotlichtviertel verwiesen, sondern auf die Ausstellung „Masculine/Masculine“ im stattlichen Pariser Musée d’Orsay. Eine Ausstellung über nackte Männer ist selbst in Paris so ungewohnt wie der Anblick gutgekleideter Männer auf der Straße. Zumindest Letzteres soll sich ändern.

„In der Bekleidung, die sie wählen, fühlen sich Männer zunehmend wohler. Das sieht dann auch gut aus“, sagt Véronique Nichanian, Chefdesignerin des Herrenuniversums von Hermès. Nichanian muss es wissen, sie ist ein Profi. Von Männerbildern hat sie ein besseres Verständnis, als die meisten Herren es wohl selbst jemals haben werden. Kistenweise hortet Nichanian kleine Männerporträts, „400 bis 500 sind es jetzt“. Sie sammelt länger, als sie bei Hermès arbeitet, und allein dort kommt sie auf 25 Jahre.

Die Mode entdeckt den Mann wie einst Kolumbus Amerika

Véronique Nichanian, selbst Ende 50, feiert dieser Tage gewissermaßen Silberhochzeit beim französischen Traditionshaus. Das Jubiläum hat eine besondere Bedeutung: „Alle sprechen plötzlich über Männer“, sagt sie und lacht herzlich. Das Gerede – dazu zählen auch die Aktporträts im Musée d’Orsay oder die Mode, die den Mann gerade entdeckt wie einst Kolumbus Amerika – könnte seine Spuren hinterlassen: Wie der Mann sich selbst sieht, wie er mit seiner Gestalt umgeht und was er damit aussagen möchte, ändert sich gerade.

Für Nichanian ist der Mann nach 25 Jahren zumindest modisch endlich derjenige, als den sie ihn schon immer gesehen hat: jemand, der ein zunehmend selbstverständliches Gefühl für Stil entwickelt, der zugleich nicht jedem Trend hinterherläuft, sondern weiß, was ihm steht. Jemand, der sich selbst, seinen Körper, seinen Lebensstil gut genug kennt, um dazu die passende Kleidung auszusuchen. Und sich, wenn es passt, durchaus bewusst ist, dass er in den richtigen Jeans zum richtigen Rollkragenpullover ebenso ernstgenommen werden kann wie im Nadelstreifenanzug. „Aus ihm ist ein ganz neuer Kunde geworden“, sagt Nichanian. „Als ich im Haus begann, kauften Männer ein, wenn sie etwas Neues brauchten, einen Anzug, einen Mantel. Heute kaufen sie, wenn sie Lust dazu haben. Und sie kaufen alleine.“

Nichanian trotzt dem „Bäumchen, wechsel dich“-Spiel

Nichanian rückt den Stuhl in ihrem Büro in der Hermès-Firmenzentrale, direkt an der Rue du Faubourg Saint-Honoré, zurecht. Hier führt keine Vorzimmerdame in ihr Büro. Nichanian begrüßt den Gast selbst im Flur, führt durch einen verwinkelten Gang, am Schreibtisch der Assistentin vorbei und an einen runden Konferenztisch. Möglich, dass eine so erfrischend unprätentiöse Art dazugehört, wenn man ein Vierteljahrhundert lang im selben Haus arbeiten möchte, als Teil der so schnelllebigen Mode.

Allein in den vergangenen zwei Jahren lief das „Bäumchen, wechsel dich“-Spiel der Designer nämlich so: Der Belgier Raf Simons verließ die Marke Jil Sander und ging zu Dior, denn Jil Sander persönlich kehrte in ihr Haus zurück. Hedi Slimane übernahm das Ruder bei Saint Laurent, dessen Kopf der Marke früher Stefano Pilati hieß, der nun bei Ermenegildo Zegna arbeitet. Der junge Designer Alexander Wang ging zu Balenciaga, wo er Nicolas Ghesquière ablöste, der wiederum Marc Jacobs bei Louis Vuitton nachfolgen könnte. Ganz anders dagegen Nichanian: Im Jahr 1988 kam sie zu Hermès – und blieb. Zuvor arbeitete sie, die Pariserin, bei Cerruti – auch immerhin zwölf Jahre lang.

Bei Männern wird das Bild gerade immer stimmiger

Wenn man also verstehen möchte, wie der Mann von heute mit Mode umgeht, dann spricht man am besten mit jemandem wie Nichanian, die ihn noch von gestern kennt. „Ich sage seit 25 Jahren dasselbe. Ich mache keine Mode, ich arbeite am ganzen Look, am Mann und an seiner Kleidung.“ Alles zusammen muss stimmig sein.

Bei Männern wird das Bild gerade immer stimmiger. Und warum Stimmigkeit so wichtig ist, wissen dabei mitunter auch Frauen: Ein Kleid kann noch so schön sein, wenn man sich darin unsicher fühlt. Wenn es nicht zu einem passt, wird man sich darin kaum schön fühlen können. Gut möglich, dass Männern bis vor wenigen Jahren gar nicht die Chance gegeben wurde, einen entspannten Umgang mit dem Thema Mode zu haben. Es mangelte einfach an Entwürfen, wie man aussehen könnte.

Verrückte Vorschläge: Mode, die Musik macht

„Plötzlich gibt es viel mehr Vorschläge von Herrendesignern“, sagt Nichanian, die betont, dass sie auch nur Vorschläge unterbreitet. „Vorschläge darüber, was zum Jahr 2013 passt.“ Anfangs habe sie sich vor jeder Kollektion Gedanken gemacht: „Ist das nun Hermès, oder ist es nicht Hermès? Langsam verschwand diese Frage.“ Sie höre den Männern zu, lasse sich von ihren männlichen Freunden erzählen, wie die Hose ihrer Träume ausschaut. Manchmal beobachte sie Männer beim Einkaufen. „Gut, bis in die Umkleidekabine bin ich ihnen noch nicht gefolgt“, sagt sie. Wieder das herzliche Lachen. „Meine Aufgabe ist es zu erspüren, was Männer erwarten. Es geht mir nicht um Trugbilder. Wenn man sich ein paar der Damendesigner anschaut, machen die ja komplett verrückte Vorschläge.“

Allein an diesem Dienstag, am vorletzten Tag des Pariser Prêt-à-porter der Damen, kann man einen Geschmack von diesen verrückten Ideen bekommen: Die Amsterdamer Modemacherin Iris van Herpen zeigt Lederkleider, die nicht nur schräg aussehen, sondern auch so klingen. Sie machen wirklich Musik. Wenn man auf die im Material eingearbeiteten Tasten tippt, ertönen Klänge wie von einem Keyboard.

Im Zentrum steht das Wohlbefinden

Oder die Chefdesigner von Valentino: Sie zeigen Hosen, die so opulent sind wie Abendroben. In Véronique Nichanians Mode soll der Mann er selbst sein – nur besser. „Funktionalität und Bequemlichkeit sind für meine Arbeit von höchster Wichtigkeit“, sagt die Chefdesignerin. Womit natürlich nicht gleich Jogginghosen gemeint sind. Ein Smoking, der zum Beispiel perfekt sitzt und aus einem neuen, leichten Material gefertigt ist, hat in Bequemlichkeitsfragen nichts mit einem Smoking aus den dreißiger oder vierziger Jahren zu tun. Oder eine Jacke: An sie höchste Ansprüche zu stellen, bedeute unter anderem Federleichtigkeit. Man könne die heutigen Jacken nicht mit denen vergleichen, die ihr Vater getragen habe, sagt Nichanian: „Wir haben heute ganz andere Möglichkeiten, was die Elastizität von Kleidung anbelangt, es gibt neue Beschichtungen und wasserabweisendere Materialien.“

Unter Männern wächst das Gefühl für Mode somit in einer Zeit, da sich ihre Kleidung bei Regen nicht mehr vollsaugt wie ein Schwamm. In ihren neuen großartigen Jacken, tollen Mänteln, in den Hosen, von denen sie so begeistert sind, können sie sich leicht fühlen, allein schon, weil die Stoffe wirklich leicht sind. Schon als Kind hat sich Nichanian für Materialien interessiert. „Ich habe oft Stoffe gekauft und irgendwann dann gemerkt, dass man in der Herrenmode noch so viele Aussagen treffen kann, die sich mit der Geschmeidigkeit des Materials beschäftigen, mit der Spannkraft, der Bequemlichkeit“ – dem Wohlbefinden.

Shopping im Netz etabliert sich – gerade bei Männern

Wird man in der Mode der Zukunft, in vielleicht weiteren 25 Jahren, also geradezu vor Bequemlichkeit wegdösen können? „Als ich noch ein Kind war, hat ein kleines Mädchen dazu mal etwas im Fernsehen gesagt. Sie meinte: ,Vielleicht wird im Jahr 2000 alles blau sein.‘ Ich glaube, wir werden uns ähnlich kleiden wie heute, nur die Stoffe werden sich verändern.“ Schon jetzt gehört beispielsweise ein Neoprenstoff zum festen Bestandteil vieler Designerkollektionen. „Anfangs, vor fünf Jahren, war es schwierig, eine Jacke mit diesem steifen Material zu verbinden“, sagt Nichanian. Oder die Hosen aus ihrer Frühjahrskollektion: Die Modelle aus Leder schmiegen sich ebenso sanft um die Beine der Models wie die aus Seide, als würden beide Stoffe gleichermaßen fließen. „Modernität bedeutet für mich heute, verschiedene Dinge miteinander zu verbinden, mit ihnen zu spielen. Es gibt keine Grenzen zwischen dem Sport, der Freizeit, den Traditionen.“

Für Männer, so scheint es, gibt es indes keine Öffnungszeiten oder Orte, an denen sie einkaufen. Sie schnappen sich ihr iPad, und los geht’s. Je mehr sich das Shopping im Netz etabliert, desto klarer wird, dass das Konzept des Boutique-Einkaufes, die Beratung, das Heraustreten aus der Umkleidekabine und das Schwätzchen am Tresen eigentlich auf die Wünsche und Bedürfnisse von Frauen abgestimmt ist. „Männer kaufen viel online“, sagt auch Nichanian. „Dieses Verhalten nimmt gerade eine neue und interessante Richtung an. Niemand schaut dir zu, wenn du etwas anprobierst. Es ist bequem.“

„Es ist eine Frage des Charmes“

Da könnte man das Hermès-Fest, das am vergangenen Donnerstagabend in Frankfurt den Mann modisch hochleben lässt, beinahe für ein „iFest“ halten. Erst beim zweiten Blick auf die Einladung wird der Titel deutlich – „Mannifest“ heißt es und soll die Welt der Herrenmode von Hermès feiern, Nichanians Arbeit, von der es in den kommenden zwei Wochen in der Frankfurter Boutique eine noch größere Auswahl gibt. „Das ganze Männer-Universum“, die Chefdesignerin lässt es sich auf der Zunge zergehen. In Deutschland macht es immerhin 25 Prozent des Gesamtumsatzes aus.

Und wirklich, hier beim „Mannifest“ sehen die Gäste aus, wie Nichanian sie beschreibt: Sie tragen dünne schwarze Rollkragenpullover unter schwarzen Jacketts oder rote Schleifen zu kobaltblauen Chinos. Die Männer setzen sich – wie selbstverständlich – Hüte auf oder schlingen sich bordeauxfarbene Schals zu bordeauxfarbenen Krawatten um und lassen sich in dem Aufzug fotografieren. „Es ist eine Frage des Charmes“, sagt Nichanian. „Wir leben jetzt in einer Zeit, in der sich Männer modisch wie sie selbst fühlen und ihrem ganzen Potential gerecht werden. 25 Jahre lang habe ich daran gearbeitet.“ Die Mode gibt ihr recht. Die Männer geben Nichanian recht.