Gesellschaft

„Ich bin kein Prüfungs-Junkie!“

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Augenarzt Dr. Dr. Eckhard H. Roth aus Düsseldorf hat noch einmal Abitur gemacht – und deswegen Ärger mit den Behörden bekommen. Im Interview spricht er über lebenslanges Lernen und neue Herausforderungen.

Herr Dr. Dr. Roth, Sie sind Diplom-Mathematiker, Diplom-Physiker, Augenoptiker-Meister, wurden in Medizin und Physik promoviert und führen seit vielen Jahren in Düsseldorf eine eigene Praxis für Augenheilkunde. Und trotzdem haben Sie jetzt noch mal Abitur gemacht. Ist das nicht ein bisschen viel lebenslanges Lernen?

Die Sache ist aus einer Stammtisch-Laune heraus entstanden. Im Sommer vor einem Jahr saß ich mit fünf meiner Schulfreunde in der Kneipe „Die Blende“ in Düsseldorf zusammen, mit denen ich 1976 am Geschwister-Scholl-Gymnasium die Hochschulreife erworben hatte. Die Vorläuferin dieser Schule hat übrigens vor 100 Jahren Heinrich Spoerl besucht, der Autor der „Feuerzangenbowle“.

Und dann kam Ihr Freundeskreis darauf, Sie als moderne Version des Johannes Pfeiffer noch mal auf die „Penne“ zu schicken?

Nicht ganz. Es ging über einen Umweg. Wir sprachen darüber, dass in Deutschland fast alles lebenslang vergeben wird: Führerschein, Facharztprüfung. Irgendwann landeten wir beim doch ziemlich prestigeumwitterten Abitur. Und dann sagte mein Freund Rüdiger, der Lehrer geworden ist: Wenn wir für dich die Prüfungsfächer aussuchen, würdest du es heute bestimmt nicht mehr schaffen. Da habe ich natürlich sofort dagegen gewettet.

Es war also der Lehrer-Freund, der dem Naturwissenschaftler Eckhard Roth einen geisteswissenschaftlichen Kanon zusammengestellt hat?

Genau. Und zwar noch direkt am Kneipentisch! Als Leistungskurse Deutsch und Philosophie. Mündlich sollte ich mich in Geschichte, evangelischer Religion, Latein und als kleines Eingeständnis in Biologie examinieren lassen. Eines der beiden schriftlichen Grundkursfächer musste laut Prüfungsordnung dann Mathematik sein, worüber ich natürlich sehr froh war. Als zweites schriftliches Grundkurs-Prüfungsfach wies mir Rüdiger Französisch zu. Das war wirklich richtig fies. Französisch habe ich nämlich nie gehabt.

Welche Schule macht denn so eine Aktion Abi 2.0 mit?

Es war einfacher, als ich dachte. Ich musste mich bei der Bezirksregierung Düsseldorf bewerben. Allerdings mit einem frisierten Lebenslauf. Ich gab an, meine Eltern seien mit mir einst nach Singapur ausgewandert. Dort sei ich von Privatlehrern unterrichtet worden. Später schlug ich mich angeblich als Schiffskoch auf den Weltmeeren herum. Ich bin ja recht kräftig, da wirkt das glaubwürdig. Ich legte dann noch meine Geburtsurkunde bei. Meinen Ausweis mit dem Doppeldoktor wollte nie jemand sehen. Als Anschrift nutzte ich die Adresse einer Freundin in Oberhausen, wo ich zur Sicherheit einen Zweitwohnsitz angemeldet hatte. Ich bekam dann das staatliche Niederrhein-Kolleg in Oberhausen zugewiesen.

Wie lange haben Sie dort die Schulbank gedrückt?

Keine Minute. Ich habe das als „externer Autodidakt“ erledigt. Rund 150 Stunden lang habe ich mich nach der Sprechstunde in meiner Praxis vorbereitet. Ich habe mich in allen Fächern mit den vorgeschriebenen Textsammlungen beschäftigt. Für Deutsch habe ich unter anderem Thomas Manns „Buddenbrooks“, Wolfgang Koeppens „Die Tauben im Gras“ und Sekundärliteratur gelesen, um die Werke miteinander vergleichen zu können. Für Latein habe ich mich eingehend mit Seneca beschäftigt. Französisch lag mir natürlich im Magen, da ging es um Chansons. Ich habe mir im Wesentlichen Filme mit Untertiteln angeschaut. Man entwickelt da schon ein Sprachgefühl.

Welche Note haben Sie in Französisch bekommen?

Naja, es war dann doch mein schlechtestes Fach. Eine Fünf plus. Dafür habe ich in Mathe ohne größere Vorbereitung eine Zwei geschafft. Das wurmt mich als Mathematiker ein bisschen, zeigt aber auch, dass es beim Abi nicht nur um Fachwissen, sondern um eine Lernroutine geht. Wenn Sie bestimmte Aufgabentypen pauken, sind Sie einfach im Vorteil. Jedenfalls habe ich auch in den anderen Fächern ganz ordentlich abgeschnitten. Die Gesamtnote ist eine 3,0.

Das ist aber für jemanden, der schon so viele Prüfungen wie Sie bestanden hat, nicht wirklich berauschend. Medizin könnten Sie mit ihrem Zweit-Abi nicht studieren.

In meinem Erst-Abi vor 37 Jahren erreichte ich eine 1,8. Auch das würde nicht mehr für Medizin reichen. Was ich schlimm finde, weil bei diesem 1,0-Regime heute ganz viele junge Talente gar keine Chance haben. Ich glaube, in Deutschland wird zu viel rumgeprüft und zu wenig gelernt.

Ausgerechnet Sie sagen so etwas? Sie selbst scheinen doch mit einer regelrechten Prüfungs-Lust gesegnet zu sein.

Das hört sich jetzt aber sehr ironisch an. Ich bin wirklich kein Prüfungs-Junkie!

Hatten Sie vor ihrem Abi 2.0 wenigstens ordentlich Prüfungsangst?

Doch, doch. Mir ging ganz schön die Flatter. Zuletzt dachte ich, o Gott, wenn du jetzt durchrasselst, verlierst du auch deine beiden Doktortitel. Aber es ist ja dann doch alles gutgegangen. Ich war übrigens der einzige von insgesamt zwölf „externen Autodidakten“, die es geschafft haben.

Ein Abi-Scherz nach Abschluss der Prüfungen hat sich in Ihrem Fall ja erübrigt. Haben Sie wenigstens eine Art Abi-Ball veranstaltet?

Nein. Meine Frau hat mir auch keinen gebrauchten Kleinwagen als Belohnung vermacht. Und auf die Heckscheibe unseres Autos habe ich auch nicht „Abi 2013“ geschrieben. Aber mit meinen Freunden habe ich in der Kneipe „Die Blende“ schon ein bisschen gefeiert.

Wann haben Sie sich dem Niederrhein-Kolleg als moderner Johannes Pfeiffer zu erkennen gegeben?

Als ich das Zeugnis hatte. Ich habe die Lehrer, die wirklich hervorragende Arbeit geleistet haben, sogar um Entschuldigung gebeten. Aber die haben dann gar nicht reagiert. Stattdessen habe ich einen Brief von der Bezirksregierung Düsseldorf bekommen. Sie forderte das Zeugnis „unverzüglich“ zurück. „Ihr ‚Feuerzangenbowlen-analoger’ Einfall hat gut 25 Lehrkräfte in Anspruch genommen, die eine beträchtliche Anzahl von Arbeitsstunden investiert haben“, ließ mich ein Beamter wissen. „Ihrem Vorschlag, dem für das Land NRW entstandenen Schaden angemessen zu begegnen, sehe ich entgegen“, hieß es noch in dem Schreiben.

Klingt humorlos.

Fand ich auch. Ich habe dann an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft geschrieben. Die antwortete: „Mag der Unterschied zum Dr. Johannes Pfeiffer (mit drei ‚f‘) auch darin liegen, dass dieser seine Identität nicht preisgegeben hat, so finde ich Ihren fingierten Lebenslauf überaus kreativ und überzeugend.“ Das hat mich wieder versöhnt. Zumal ich mich seit Jahren für das Land engagiere. Ich gebe ehrenamtlich Mathematik-Unterricht und bereite kostenlos Feuerwehrleute auf ihre Sanitäter-Prüfungen vor.

Sind Examina der rote Faden in Ihrem Leben?

Es ist schon wichtig, sich ernsthaft mit Standards und Maßstäben zu befassen.

Das ist ziemlich theoretisch. Warum tun Sie sich den ganzen Prüfungsstress an? Gibt es da vielleicht ein Trauma?

Das Physik-Vordiplom habe ich im ersten Durchgang nicht bestanden. Es hakte bei der Mechanik. Aber als Trauma habe ich das nie empfunden. Es ist ja irgendwie auch gut zu wissen, wie sich so ein Rückschlag anfühlt.

Haben Sie manchmal Albträume, in denen Sie durch eine Prüfung fallen?

Nein, hab ich noch nie gehabt.

Was war bisher Ihre Lieblingsprüfung?

Eine meiner schönsten Prüfungen habe ich in Großbritannien gemacht. Ich bin seither Mitglied des „Royal College Ophthalmology“ in London, also der königlichen Akademie für Augenheilkunde. Ich darf jetzt zu Tagungen, bei denen immer auch Mitglieder der Royal Family teilnehmen. Ich müsste im freilich sehr unwahrscheinlichen Fall der Fälle sogar die Königin augenärztlich behandeln. Und ich dürfte jetzt auf meine Karte deshalb „on her majesty’s service“ schreiben. Das wäre in Deutschland aber irgendwie merkwürdig. Deshalb habe ich es lieber gelassen.

Gibt es so etwas wie eine ultimative Prüfungs-Herausforderung, der Sie sich noch stellen wollen?

Nun gut. Es gibt da schon was, aber das ist eigentlich noch nicht spruchreif.

Wollen Sie Ihren Abi-Schnitt noch mal verbessern?

Nein, mit dem Abi bin ich jetzt wirklich durch. Ich interessiere mich auch sehr für Gerichtsmedizin. Ich würde gerne noch eine juristische Dissertation schreiben. Über die Rückwirkung fiktionaler Gerichtssendungen im Fernsehen auf das amerikanische Justizsystem. So ein juristisches Rigorosum aber ist dann bestimmt eine ganz harte Nuss. Da reichen 150 Stunden Vorbereitung natürlich nicht. Das ist ein Projekt für viele Jahre.