Gesellschaft

Dealer bekämpfen, Süchtigen helfen

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Als Vertreter des „Frankfurter Wegs“ fliegt der Polizist Thomas Zosel durch die Welt – und organisiert die erste Drogenkonferenz in seiner Heimatstadt.

Vor der Tür des Druckraums Niddastraße 49 stehen die Süchtigen schon seit Stunden, als Thomas Zosel sich den Weg durch die Gruppe bahnt. Er trägt Jeans und ein gestreiftes Hemd, die Jacke hält er lässig in der Hand. Wie ein Polizist sieht der hochgewachsene Frankfurter nicht aus, als er an diesem Nachmittag durch die Straßen läuft. Doch vermutlich ist es gerade das, was ihm im Bahnhofsviertel, dem noch immer rauhesten aller Reviere, den nötigen Respekt verschafft. Man kennt ihn dort seit Jahren. Der Polizist war früher Drogenfahnder und ist nun Verbindungsbeamter, ein Vermittler zwischen Stadt und Polizei – und somit dafür zuständig, dass die städtische Drogenpolitik funktioniert. Unter dem Namen „Frankfurter Weg“ hat sie den Konsum mit Hilfe der Drückerstuben für Langzeitsüchtige legalisiert, um Beschaffungskriminalität zu minimieren und die öffentlichen Grünanlagen „drogenfrei“ zu halten.

An diesem Nachmittag ist es ruhig im Viertel. Keine Beschwerden von Anwohnern, keine größeren Vorkommnisse in der Szene selbst. Zosel sagt, wenn alles seinen gewohnten Gang gehe, und das möglichst geräuschlos, seien das wirklich gute Tage. Doch es gebe auch andere. Die, an denen es zu Gewalttätigkeiten in der Szene komme. Oder an denen verunreinigtes Heroin im Umlauf sei. Insgesamt aber, sagt Zosel, könne vieles viel schlimmer sein. In Frankfurt habe man die Situation schon seit Jahren im Griff. „Die, die trotzdem meckern, müssen sich nur die Zustände in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren ins Gedächtnis rufen, als sich bis zu tausend Abhängige in der Taunusanlage versammelten.“ Die Stadt sei überschwemmt gewesen mit Heroinsüchtigen. Allein 1991 wurden 147 Drogentote gezählt. Mittlerweile liege die Zahl bei etwas mehr als zwanzig im Jahr. Der Polizist will aber auch deshalb nicht von „Elend“ sprechen, weil er ganz andere Drogenviertel kennt, in denen die Not der Menschen augenfälliger sei – und die Begleitkriminalität um ein Vielfaches höher.

Unterwegs in Vilnius, Riga und Kiew

Im November 2011 war Thomas Zosel in Rio. Die dortige Polizei und die Nichtregierungsorganisation Viva Rio hatten ihn dorthin eingeladen, damit er vom „Frankfurter Weg“ erzählt. Es gebe schon seit einigen Jahren ein großes Interesse anderer Länder, zu sehen, wie in Frankfurt das Drogenproblem gelöst worden sei, sagt Zosel. Vor allem südamerikanische und osteuropäische Staaten fragten bei ihm an, ob er als Referent bei Tagungen auftreten wolle. Zuletzt war er in Vilnius, davor in Moldau, Kiew und Riga – entweder auf Einladung der Europäischen Union oder der Vereinten Nationen. Überall stelle sich die Szene anders dar, berichtet der Polizist. Rio de Janeiro überschatte jedoch alles, was er bisher gesehen und erlebt habe.

In den Elendsvierteln herrsche ein wahrer Drogenkrieg. In den Favelas, die nicht befriedet seien, gebe es ein eigenes Rechtssystem. Zosel hat dort Kollegen besucht, die in den Favelas Wachposten bezogen haben. Der „Frankfurter Weg“ hat sich offenbar bis dorthin herumgesprochen. Zosel sagt, es sei bemerkenswert, wie sich die brasilianische Polizei trotz ihrer eher repressiven Haltung für die Abhängigen einsetze, damit sie nicht in die Kämpfe verfeindeter Drogenclans hineingezogen würden. „Die Polizei patrouilliert dort bewaffnet bei 30 Grad Hitze für Menschen, die gerade mal ein Blechdach über dem Kopf haben.“

Fortschritte in der eigenen Stadt

Wie schnell man zwischen die Fronten geraten kann, weiß Zosel aus eigener Anschauung. An einem der Nachmittage war er beim Schlendern durch die Stadt in eine Straße geraten, in der offenbar Gangs das Sagen hatten. „In einem Moment war ich noch auf einem wunderschönen Markt mit freundlichen Menschen, die einem zugelächelt haben, weil man ein Fremder war. Aber kaum, dass ich um die Ecke bog, war ich mittendrin.“ Männer in kleinen Gruppen hätten dort gestanden und sich nach ihm umgedreht. „Mein Bauchgefühl sagte, dass ich besser gleich wieder umkehren soll. Ich war froh, als ich dort heil davongekommen war. Wenn man als Ausländer so etwas erlebt, kommt einem das Frankfurter Drogenviertel plötzlich ganz harmlos vor.“

Die Erfahrungen, die Zosel in den Ländern macht, die er bereist, tun ihm gut, wie er sagt. „Weil man dadurch auch immer die Fortschritte in der eigenen Stadt reflektiert.“ In Riga und Vilnius etwa sehe man kaum Süchtige auf den Straßen, der Konsum finde im Verborgenen statt. Die Polizei gehe dort noch immer zum Teil rigoros gegen die Abhängigen vor, obwohl auch diese Länder sich schon geöffnet hätten. „Auch aus humanitären Gründen wäre es deshalb wünschenswert, wenn diese Städte zumindest einige Elemente des „Frankfurter Wegs“ übernähmen.“

Nicht in allen europäischen Staaten würden Süchtige als Kranke angesehen. „In der Regel werden sie kriminalisiert“, sagt Zosel. Wenn er Vorträge in Litauen oder Lettland hält, bekommt er immer wieder genau jene Fragen gestellt, über die in den neunziger Jahren auch in Frankfurt diskutiert wurde: Ist es vorstellbar, dass Sozialarbeiter mit der Polizei kooperieren, um die Drogensucht einzudämmen und Beschaffungskriminalität zu bekämpfen? „In Frankfurt hat es ja gut funktioniert“, sagt Zosel. „Vor allem deshalb, weil der politische Wille vorhanden war. Man mag vom ,Frankfurter Weg‘ halten, was man will, aber er ist aus Sicht der Polizei bisher der einzige, der zum Erfolg geführt hat.“

In zwei Wochen spricht Zosel abermals über seine Erfahrungen. Diesmal aber nicht in Südamerika und auch nicht in den baltischen Staaten, sondern in Frankfurt – auf der ersten Frankfurter Drogenkonferenz. Die Idee kam Zosel auf seinen zahlreichen Reisen. Wenn das Interesse an der Frankfurter Drogenpolitik so groß sei, dachte er, dann sei es nur sinnvoll, auch an Ort und Stelle darüber zu diskutieren.

„Keine Toleranz für Dealer“

Geplant ist unter anderem ein Besuch in einer Heroinambulanz. Zudem sollen auch für andere Staaten Modelle entworfen werden, wie die Polizei mit Suchtkranken verfahren kann. „Die Frage wird außerdem sein, wie die Polizei mit Drogenverstößen generell umgeht“, sagt Zosel. Es stehe außer Frage, dass Rauschgifthandel mit allen Mitteln bekämpft werden müsse. „Für Dealer darf es keine Toleranz geben. Denjenigen jedoch, die an einer Sucht erkranken, müssen wir mit einem menschlichen Auge begegnen.“