Gesellschaft

Sarkozys Ex-Frau und ihre Lust auf Wahrheit

• Bookmarks: 34


Nach Jahren im selbst gewählten Exil spricht Cécilia Attias erstmals über ihre Ehe mit Nicolas Sarkozy. Endlich will sie alle Fragen beantworten, die sich ganz Frankreich stellte.

Im „Bristol“ scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Schlanke junge Frauen stolzieren im Chanel-Kostüm durch die Eingangshalle, ihre hohen Absätze versinken in den cremig-weichen Teppichen. Ein Zimmermädchen im schwarzen Kleid mit weißen Spitzenschürzchen weist einer weißhaarigen Dame mit einem Zwergpudel den Weg. Ein livrierter Diener winkt vor der Schwingtür eine dunkle Limousine für drei Gäste in knöchellangen hellen Gewändern und Turbanen heran. Auf der Schulter der Empfangsdame schnurrt Faraon, die Hotelkatze mit dem flauschigen Fell (eine Heilige Birma, weiß der Barmann).

Im gedämpften Prunk des Fünf-Sterne-Hotels am Faubourg Saint-Honoré hat lange das Lieblingsrestaurant der Sarkozys gelegen, das sie ihre „cantine“ nannten. Wann immer es ging, vom nur ein paar Schritte entfernten Innenministerium am Place Beauvau und später, während der ersten Monate im Elysée-Palast, gaben sie sich hier ein kulinarisches Stelldichein, Nicolas Sarkozy und seine Cécilia.

Zurück aus dem selbst gewählten Exil

Jetzt ist Cécilia zurück, im Bristol, und irgendwie auch in ihrer Vergangenheit. So etwas wie „eine Lust auf Wahrheit“ (so der Titel ihres gerade erschienenen autobiographischen Buches) hat sie zurückgetrieben, nach mehr als sechs Jahren im selbst gewählten Exil in Dubai und in New York. Endlich will sie alle Fragen beantworten, die sich ganz Frankreich stellte, als sie nach kaum einem halben Jahr im Elysée-Palast Pracht und Macht entfloh und mit dem Mann durchbrannte, den Nicolas Sarkozy nur „den Beleuchter“ nannte.

Richard Attias, so sein Name, ist natürlich auch da. Er sitzt diskret im Halbschatten ganz am Ende des Saals auf einem Fauteuil, ein Mobiltelefon am Ohr, und lächelt gönnerhaft. Er scheint darüber zu wachen, dass Cécilia ihre Biographie gut verkauft.

Cécilia Attias ist noch genauso aufrecht und genauso schlank wie einst, als viele sie fürchteten. Sie ist die Königin, hüstelten damals die Sarkologen, er macht, was sie sagt. „Sie ist meine einzige Schwäche“, sagte Sarkozy einmal. Gut zehn Jahre waren die beiden verheiratet.

Geplagt von Gewissensqualen

Nun steht sie da in enganliegender weißer Bluse zur Jeans, ihre blaugrünen Katzenaugen blinzeln freundlich, zur Begrüßung sagt sie etwas, was wie „My dearest“ klingt, aber dann ist sie schon wieder weg. „Excusez-moi“ (Entschuldigen Sie bitte), ruft sie noch. Im sonnendurchfluteten Innengarten, in dem im Frühjahr die Magnolien blühen, wartet ein Fotograf auf sie. Es scheint Cécilia zu gefallen, vor der Kamera Modell zu stehen. „Für ein Magazin“, weiß ihr Verlagsattaché, der eigentlich für politische Bücher zuständig ist, „aber irgendwie ist sie ja auch Politik!“.

„Non“, sagt sie, als sie endlich, die schulterlangen Haare aus dem Gesicht streichend, auf dem kleinen Canapé Platz genommen hat, über Politik, die große Politik, wolle sie eigentlich nicht reden. Aber dann erzählt sie doch, vom riesigen Missverständnis, das sie zu der heimlichen Königin machte, von der ersten Stunde des Wahlsieges an, eine „abwesende und allmächtige Regentin“. „In den Augen der Medien habe ich alles gewollt und alles organisiert“, sagt sie. Dabei sei sie eigentlich in diesen Tagen und Wochen nach dem Sieg Nicolas Sarkozys von Gewissensqualen geplagt worden. Aus Vernunft sei sie an die Seite des Präsidenten zurückgekehrt, nach einer kurzen Flucht, ihr Herz aber schlug nur für Richard Attias, der Sarkozys Krönungsparteitag organisiert hatte. Ganz unfähig sei sie gewesen, die Gästeliste für den Abend im Fouquet’s, dem Nobelrestaurant auf den Champs-Elysées zusammenzustellen, wie es ihr angehängt wurde, und als Supertürsteher ungebetene Gäste zurückzuweisen. Es habe sie schon alle Kraft gekostet, überhaupt zu der Siegesfeier zu kommen: „Meine Tochter Jeanne-Marie hat mich überzeugt, dass mein Platz an der Seite des neuen Präsidenten und nicht bei mir zu Hause ist.“ Auch die Spritztour im Mittelmeer auf der Yacht des Industriellenfreundes Vincent Bolloré, sei nicht ihre Idee gewesen. Als Symbolfigur des schamlosen Reichtums der Parvenüs tauge sie wahrlich nicht.

Mit ihrer Familiengeschichte, ihrer behüteten und begüterten Kindheit in der kosmopolitischen haute bourgeoisie von Paris hat sie fast die Hälfte ihres Buches gefüllt. Nur für meine Kinder, das betont sie, habe sie „ihre Rolle“ im Elysée spielen wollen. Und in ihrem Tonfall schwingt noch immer mit, was sie das gekostet haben muss. Der Einzug der Patchworkfamilie über den roten Teppich im Elysée-Palast, mit ihren beiden blonden Töchtern Jeanne-Marie und Judith, Sarkozys beiden Söhnen mit Nackenmähnen und dem gemeinsamen Sohn Louis, es war eine Show, die ihr nicht leichtfiel. „Ich habe den Ehrerweisungen, den Zeremonien, den grandiosen Inszenierungen immer misstraut“, sagt sie.

„Es war vorbei, mein Leben musste sich ändern“

Es flackert auch kurz Misstrauen in ihren Augen auf, als die Rede auf Le Bristol kommt. Kleine Lachfältchen umspielen ihre Augen, nachdem sie merkt, dass es nur um den deutschen Besitzer des Hotels und nicht um ihren vorgeblichen Hang zum Luxus geht. „Sure“, sagt sie, die Wahlamerikanerin, dann herzt sie kurz eine Frau, die sich als ihre Agentin vorstellt.

Nützlich wollte sie sein, sagt Cécilia Attias, und deshalb habe sie sich, an einem lauen Sommermorgen im Juli 2007, sofort der Delegation angeschlossen, die zur Rettung der vom libyschen Diktator Gaddafi inhaftierten bulgarischen Krankenschwestern nach Tripolis aufbrechen sollte. „Ich schlug meinem Exmann eine Initiative vor, an die er auch schon gedacht hatte“, sagt sie. In einem riesigen Zelt saß sie später Gaddafi gegenüber, „ein aufgedunsenes Gesicht, mit entstellten Gesichtszügen und unzähligen Implantaten“. Gaddafi verlangte, allein mit ihr zu verhandeln. „Ich habe ja gesagt.“ Angst habe sie erst rückblickend empfunden.

Bei ihrer zweiten Reise, nach einer nächtlichen Irrfahrt zum Bunker Gaddafis, ohne Leibwächter und ohne Mobiltelefonverbindung, sollte sie den Diktator überzeugen, die Krankenschwestern und den palästinensischen Arzt freizulassen. Zur damaligen EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner, sagt sie, habe sie noch immer Kontakt. Erst kürzlich habe sie sie in Madrid angerufen, und in Erinnerung an die bangen Stunden in Tripolis hätten sie gemeinsam geweint. Was sie in der libyschen Hauptstadt durchlebte, sei „das stärkste Erlebnis meiner ganzen Existenz“, sagt Cécilia Attias. „Danach war nichts mehr wie zuvor.“ Sie hielt den Alltag im Elysée-Palast nicht aus. „Es war vorbei, mein Leben musste sich ändern. Und mein Leben hat sich geändert.“

Im nächsten Monat wird Cécilia Attias 56 Jahre alt, und sie wirft einen kritischen Blick auf das Frankreich, das sie verlassen hat. Gaddafi, sagt sie, hätte vor Gericht geführt werden müssen, der Militäreinsatz einen Plan für die Zeit nach dem Fall des Diktators vorsehen müssen. Sie bedauert, dass so viele junge, talentierte Franzosen anderswo als in ihrem Heimatland ihre berufliche Zukunft suchen. „Ich weiß nur zu gut, wie gern die Köpfe derjenigen in Frankreich abgehackt werden, die aus der Masse herausragen“, sagt sie. „Sobald jemand oben angekommen ist, will dieses Land ihn fallen sehen“, sagt sie. Über ein politisches Comeback ihres Exmannes will sie nicht nachdenken, das seien Überlegungen, die sie sich verböten.

Von Napoleon Bonaparte erzählen sich die Franzosen, dass sein Stern nach der Trennung von Josephine zu sinken begann. Nicolas Sarkozys Siegesmarathon von Wahlerfolg zu Wahlerfolg endete, nachdem Cécilia ihn verlassen hatte.

„Das haben Sie jetzt gesagt“, sagt sie und lacht. „Schreiben Sie bitte, dass dieser Vergleich vermessen ist!“