
China will seine Währung freigeben: eine Zäsur in der Geschichte der Weltwirtschaft. London, Paris, Zürich und Frankfurt buhlen darum, wer bei diesem Jahrhundertvorhaben Partner der Chinesen wird.
Fast wöchentlich gibt es im Augenblick Nachrichten, dass China neue Abkommen mit den großen Finanzzentren der Welt abgeschlossen hat. Egal ob in Singapur, London oder Frankfurt, stets geht es dabei um dieselbe Angelegenheit: die Währung der Chinesen, den Renminbi („Währung des Volkes“), auch „Yuan“ genannt. Ihr Einsatz wird erleichtert. China öffnet sich immer weiter dem Westen – und auch seine Währung.
Dabei geht es um nichts Geringeres als eine Zäsur in der Geschichte der Weltwirtschaft. China will aus seiner Währung, die bislang vor allem innerhalb des Landes eine Rolle spielt, eine Weltwährung machen – eine Konkurrenz für Dollar, Euro und Yen.
Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen beschreibt das so: Im vorigen Jahr habe China seinen ersten Flugzeugträger „Liaoning“ in Betrieb genommen und damit Amerika im südchinesischen Meer militärisch herausgefordert. In ähnlicher Weise suche das Land jetzt die Herausforderung des Dollar als alles beherrschende Weltwährung, indem es die Internationalisierung seiner eigenen Währung Renminbi vorantreibe.
Handel in Renminbi ist schon erlaubt
Wie geht das konkret? Bislang ist die chinesische Währung nicht frei konvertierbar, man kann sie nicht einfach gegen Dollar oder Euro tauschen. Außerdem gibt es Kapitalverkehrskontrollen: Man darf überhaupt nur begrenzt Renminbi über die Grenze mitnehmen, 20.000 pro Person – den Gegenwert von gut 3000 Dollar. Auch den Wechselkurs hat China fest im Griff. Der Renminbi ist an einen Korb von Währungen gekoppelt, in dem der Dollar bestimmend ist. Steigt der Kurs über eine Schwankungsgrenze, kauft die Notenbank Dollar, bis der Kurs wieder sinkt.
Das alles soll sich ändern. In drei Schritten will China dem Renminbi mehr Freiheit geben. Die Freigabe für die sogenannte „Fakturierung“, den Einsatz als Verrechnungseinheit im Handel, sei schon relativ weit gediehen, sagt Rolf Langhammer, China-Experte am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Bereits voriges Jahr hat China die Vorschriften gelockert. So dürfen jetzt Unternehmen aus allen Teilen Chinas zumindest theoretisch grenzüberschreitenden Handel in Renminbi betreiben. Vorher war das auf bestimmte Testregionen begrenzt, wie China das bei wirtschaftlichen Reformen oft macht.
Ein zweiter Schritt ist der Handel mit Renminbi selbst. Er erfolgt an offiziell autorisierten Offshore-Handelsplätzen: Der erste war Hongkong, gefolgt von Macao und jetzt Singapur. Dafür gibt es eigens eine Parallelwährung, den sogenannten Offshore-Renminbi: Er kann frei gehandelt werden. Sein Kürzel ist CNH, im Gegensatz zu CNY für den Inlands-Renminbi.
Langsame Öffnung
Der dritte Schritt wäre die freie Konvertibilität des Renminbi selbst. Sogar das könnte schneller kommen als bislang geglaubt, meint Gregory Chow, chinesischstämmiger Ökonom an der Princeton University. Es müsse kein Jahrzehnt mehr dauern: Voraussetzung sei nur, dass die chinesische Regierung zu dem Schluss komme, dass „durch die freie Konvertibilität kein Schaden entsteht“.
Die Chinesen stecken nämlich in einem Dilemma. Auf der einen Seite wollen sie unabhängiger vom Dollar werden. Sie haben einen Großteil ihrer Ersparnisse und Reserven in der amerikanischen Währung angelegt. Das macht sie abhängig von der Haushalts- und Geldpolitik der Vereinigten Staaten. Verliert der Dollar an Wert, trifft sie das unverhältnismäßig.
Wenn China auf der anderen Seite den Renminbi zu plötzlich freigibt, könnte die Währung schockartig aufwerten. Die Exporte würden zu teuer, und das Land geriete in eine Krise. „Die Chinesen bemühen sich deshalb um eine behutsame Lösung“, sagt Horst Löchel, Professor an der Frankfurt School of Finance and Management und Mitbegründer eines Instituts in Schanghai. China folge deshalb der chinesischen Redensart: Den Fluss überqueren, indem man die Steine berührt – einen Schritt nach dem anderen gehen, nichts übereilen.
London, Paris, Frankfurt und Zürich wetteifern
Chinas Bemühungen sind auf jeden Fall erfolgreich. Nachdem das Land bereits vor vier Jahren Deutschland als Exportweltmeister abgelöst hatte, wächst jetzt auch die Bedeutung der chinesischen Währung im Handel. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungausgleich hat es der Renminbi dieses Jahr zum ersten Mal unter die „Top Ten“ der Währungen im Welthandel geschafft – vor drei Jahren lag er noch auf Platz 17.
In der westlichen Welt sorgt das für einige Unruhe. Alle wichtigen Finanzplätze wollen gerne dabei sein, wenn China den nächsten Schritt zur Liberalisierung des Renminbi geht. Schließlich wittern alle das große Geschäft. Vor allem London, Frankfurt, Paris und Zürich bemühen sich darum, „Renminbi Offshore Zentrum“ in Europa zu werden: ein Ort, an dem die chinesische Währung gehandelt wird und an dem das sogenannte Clearing stattfindet: Dazu gehört die Aufrechnung gegenseitiger Forderungen, eine gewisse Absicherung gegen Ausfälle von Geschäftspartnern und die Abwicklung von Wertpapiergeschäften.
Jeder Finanzplatz wirbt jetzt für sich. Im Augenblick hat offenbar London etwas die Nase vorn, weil die Stadt als wichtiger Devisenhandelsplatz gilt. Aber auch Frankfurt rechnet sich noch gute Chancen aus, weil deutsche Industrieunternehmen außergewöhnlich viel nach China exportieren. Die Bundesregierung hat das Thema mehrfach in Gesprächen mit chinesischen Politikern erwähnt. Und vom 9. bis 16. November reist der hessische Wirtschaftsminister Florian Rentsch mit einer Delegation nach China, um Frankfurts Position noch einmal zu präsentieren.
Engagiert für das Projekt sind auch chinesische Banken: „Für Frankfurt wäre ein Offshore Renminbi-Zentrum eine große Chance“, meint Friedhelm Messerschmidt, der Leiter der Frankfurter Niederlassung der chinesischen Bank ICBC. „Denkbar wäre auch eine Arbeitsteilung, bei der London stärker für die Finanzmärkte und Frankfurt für die Versorgung der europäischen Realwirtschaft mit Renminbi zuständig wäre.“ Seine Bank betreibt seit Anfang des Jahres in Singapur das neue asiatische Offshore-Zentrum – offenbar mit Erfolg.
Deutsche Börse wittert gutes Geschäft
Entscheiden muss über den Standort des neuen Renminbi-Handelsplatzes in Europa die chinesische Notenbank, die People’s Bank of China. Die gibt sich bislang verschwiegen. Als gutes Zeichen werten die Frankfurt-Befürworter allerdings, dass die Chinesen zu einer Veranstaltung der örtlichen Finanzplatz-Initiative „Frankfurt Main Finance“ zu diesem Thema den Botschafter persönlich hinschickten – und nicht irgendeinen Attaché.
Ein Unternehmen, das dieses Projekt stark vorantreibt, ist die Deutsche Börse. „Wir arbeiten eng mit Regierungsstellen, Regulatoren und dem Finanzplatz Frankfurt zusammen“, sagt Vorstandsmitglied Andreas Preuß. Der Börse geht es dabei weniger um die Möglichkeit, die chinesische Währung in Frankfurt zu handeln. Sie erhofft sich vielmehr, auch das attraktive Geschäft mit Börsengängen, Unternehmensanleihen, Derivaten und Indexfonds in chinesischer Währung nach Frankfurt holen zu können – auf ihr Handelssystem Xetra.
Auch deutsche Industrieunternehmen erhoffen sich laut einer Studie der Commerzbank Vorteile. Etwa wenn sie Anleihen in Deutschland in Renminbi auflegen können und gleich die richtige Währung haben, wenn sie ein neues Werk in China bauen wollen. Denn eines ist allen klar: Der Aufstieg Chinas geht weiter – und die Öffnung des Landes bringt noch jede Menge neue Geschäftsmöglichkeiten.
