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Schüsseln und Verschlüsseln

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Scharf, in prächtiger Auswahl und ohne Hürden: So sollten Fernsehbilder ins Wohnzimmer kommen. Die Realität ist nicht immer ganz so ideal. Denn alle Übertragungswege haben neben den Stärken auch ihre Schwächen.

Umzugsplaner, Haushaltsgründer, Häuslebauer und Tarifmüde in Wechselstimmung – sie alle müssen sich entscheiden: Auf welchem Weg sollen demnächst die Fernsehbilder auf die Mattscheibe kommen? Vier Übertragungswege stehen zur Wahl: das terrestrische Antennenfernsehen, der Satellitenempfang, die Kabelverteilung und der Empfang über schnelle DSL-Internet-Verbindungen, kurz IPTV. Sie alle haben ihre Stärken und Schwächen, Haken und Ösen. Wir wollen helfen, die Vor- und Nachteile zu sortieren.

Das Antennenfernsehen funktioniert seit 2009 komplett digital und trägt seither den Beinamen DVB-T (das Kürzel dieser Digitalnorm in Langschrift: Digital Video Broadcasting – Terrestrial). Seine Protagonisten haben ihm den Marketing-Namen „Überall-Fernsehen“ verpasst, um zu signalisieren: DVB-T eignet sich auch für den Empfang unterwegs – mit mobilen Mini-Fernsehgeräten, Empfangs-Sticks für Notebooks und winzigen Dongles, die sogar die Bildflächen von Smartphones und Tablet-PCs zu Fernsehschirmen machen.

HDTV ist nicht möglich

Ob der Empfang auch in der Wohnung klappt, hängt vom Standort ab: Manchmal genügt eine winzige Stabantenne, manchmal braucht man eine größere Zimmerantenne mit eingebautem Verstärker, manchmal sogar eine Außenantenne. Aber in jedem Fall hat der stationäre Empfang seinen Charme: Alle Flachbildfernsehgeräte haben heute DVB-T-Empfangsteile, können also autark, ohne Settop-Box und umständliche Verkabelung, auf Empfang gehen.

So wäre DVB-T eigentlich, zumindest für Zweitgeräte, eine pfiffige Empfangslösung. Jedenfalls in Ballungsgebieten wie Hamburg und Berlin, wo auch die Programmvielfalt bisher kaum Wünsche übriglässt. Doch in weiten Regionen der Republik bestreiten ausschließlich die öffentlich-rechtlichen Sender das Programm. Zudem hat RTL im Januar angekündigt, die terrestrische Verbreitung seiner Programme bis zum Jahr 2015 ganz einzustellen, Sat1 und Pro Sieben prüfen den Ausstieg ebenfalls.

Hinzu kommt: Die heutige DVB-Technik erlaubt nur die Übertragung mit sehr niedrigen Datenraten, HDTV ist überhaupt nicht möglich. So bleibt der Fernsehgenuss auf großen Bildschirmen über das Antennenfernsehen getrübt. Auch die Netzpolitik der Bundesregierung nagt am Lebensfaden von DVB-T: In immer größeren Teilen des klassischen Fernsehspektrums soll sich der Mobilfunk breitmachen. Unter diesen Bedingungen hat das terrestrische Fernsehen keine Zukunftschancen.

Das müsste eigentlich nicht sein: Die Umstellung auf das modernere DVB-T2 würde Frequenzressourcen für HDTV und bessere Qualität in der Standardauflösung freisetzen, eine rege Beteiligung privater Sender würde die Attraktivität zusätzlich steigern und die anteiligen Übertragungskosten für die Medienhäuser senken.

Kabel gehört oft zur Ausstattung

Ob es dazu noch kommt oder ob DVB-T nur noch eine Weile als Provisorium in Umzugsphasen oder als Behelfsfernsehen in Studentenbuden dient, bis es vollends das Zeitliche segnet – das wird von Entscheidungen abhängen, die Sender und Politik in den nächsten Monaten treffen. Wir fänden die zweite Alternative schade. Mobiler Empfang wäre dann nur noch über die Mobilfunknetze möglich – und das ist für klassische, lineare Rundfunkverbreitung im Grunde nicht das passende Biotop, ganz abgesehen von den bedenklichen Einflüssen auf die monatliche Mobilfunk-Rechnung.

In größeren Mietshäusern ist die Wahlfreiheit des Fernsehanschlusses oft ohnehin Fiktion: Dort gehört der Kabelanschluss nicht selten zur Wohnungsausstattung, die monatliche Grundgebühr – typische Höhe um 15 Euro – zählt zu den Mietnebenkosten. So schluckt König Kunde wohl oder übel etliche Kröten, die ihm die Netzbetreiber zumuten.

Unitymedia und Kabel Deutschland zum Beispiel, die beiden größten Kabelgesellschaften in Deutschland, verschlüsselten jahrelang nicht nur Abo-Kanäle, sondern auch die privaten Programme in Standardauflösung, also die Senderfamilien um RTL, Sat1 und Pro Sieben, um sie einträglicher vermarkten und die Nutzungsmodalitäten, etwa die Aufnahme von Programmen, reglementieren zu können.

ARD und ZDF zahlen keine Einspeisegebühren

Erst das Bundeskartellamt machte dieser Praxis ein Ende: Unitymedia gab im Januar freiwillig die Verschlüsselung der genannten Programme auf – als Teil eines Deals mit dem Kartellamt im Zuge der Übernahme von Kabel Baden-Württemberg. Kabel Deutschland wird diesem Schritt im April unfreiwillig folgen: Die Kartellwächter hatten festgestellt, dass die „Grundverschlüsselung“ auf wettbewerbswidrigen Absprachen zwischen RTL, Sat1 und Pro Sieben beruhte.

Die privaten HD-Programme aber bleiben in allen Kabelnetzen verschlüsselt. Die Kabelbetreiber verpacken sie gemeinsam mit den öffentlich-rechtlichen HD-Versionen zu speziellen HD-Paketen – gegen zusätzliche Gebühren, versteht sich: Vier Euro extra verlangt zum Beispiel Unitymedia. Ärgerlich: Bis heute sind zwar die wichtigsten, aber noch nicht alle öffentlich-rechtlichen HD-Angebote in den Kabelnetzen vertreten.

Und Kabel Deutschland reduziert bei den öffentlich-rechtlichen HD-Sendern sogar die Datenrate und damit die Bildqualität. Hintergrund ist ein anhaltender Streit mit den Sendern: ARD und ZDF zahlen von diesem Jahr an keine Einspeisegebühren mehr. Der Zuschauer soll es dann wenigstens partiell büßen. Weitere Ärgernisse kommen hinzu: Wenn Kabelkunden private HD-Programme aufnehmen wollen, erleben sie oft böse Überraschungen (siehe Grafik).

Zweitfernseher kostet extra

Die Einschränkungen hängen auch von der Empfangsausrüstung ab: Sie treffen besonders jene Kabel-Zuschauer, die zum Empfang den ins Fernsehgerät eingebauten DVB-C-Tuner und zur Entschlüsselung ein Steckmodul nach dem Standard CI+ nutzen. Die von den Kabelbetreibern vertriebenen oder zertifizierten Festplattenreceiver sind da nicht ganz so zickig. Aber noch ein weiteres Detail der Kabel-Geschäftsmodelle nervt: Für den Zweitfernseher braucht man eine Zweit-Smartcard, natürlich zu weiteren Kosten: Kabel Deutschland verlangt einmalig 24,90 Euro, Unitymedia bietet die Zweitkarte mit passender Hardware an, zum Beispiel mit einem CI+-Modul für 79 Euro.

All dies spricht für unsere Lieblingsthese: Wer kann, sollte das Kabel kappen und eine Satellitenschüssel aufs Dach schrauben. Denn die Satellitenübertragung bietet die beste Bildqualität und ein überbordendes Angebot an unverschlüsselten, gebührenfreien Programmen. Gewiss: Für die privaten HD-Programme, die verschlüsselt unter der Vermarktungsplattform HD+ ausgestrahlt werden, ist auch in der Satellitenwelt ein Obolus fällig. Doch der ist mit fünf Euro im Monat halbwegs erträglich. HD+ erhebt ihn zudem erst nach zwölf Testmonaten. Aufnahme-Schikanen hat HD+ zwar ebenfalls im Repertoire, so kann man bei mitgeschnittenen Sendungen die Werbung nicht vorspulen. Aber notfalls konserviert man

die Sendung eben in Standardauflösung. Selbst die Montage einer Satellitenantenne ist kein unlösbares Problem: Es gibt bereits extrem handliche Flachantennen, die nicht größer sind als eine halbe Seite dieser Zeitung – ideal für die Installation zwischen den Blumenkästen auf dem Südbalkon. Und seit es SAT IP gibt, hat sogar die Verkabelung ihren Schrecken verloren: Wer mag, verbindet die Antenne einfach direkt mit einem Elektronik-Kästchen, das die digitalen Fernsehbilder über das Heimnetzwerk weiter verteilt – nicht nur an den Fernseher, sondern über W-LAN auch an Computer, Tablets und Smartphones.

Wenn nun aber der Balkon nach Norden zeigt und der Vermieter striktes Schüsselverbot in den Vertrag geschrieben hat? Dann gibt es noch eine weitere Alternative – vorzugsweise für Kunden der Telekom, die ohnehin einen Telefonanschluss und einen schnellen Internetanschluss brauchen: Für überschaubare Mehrkosten – je nach Tarif von etwa fünf bis zehn Euro – kann man das Fernsehen über Internet, bei der Telekom Entertain genannt, hinzubuchen. Wir empfehlen mindestens die Leitungsgeschwindigkeit VDSL 25 mit 25 Megabit je Sekunde: Sie garantiert, dass man auch zwei Programm-Datenströme gleichzeitig empfangen kann, zum Beispiel einen für den Bildschirm und einen weiteren zum Aufnehmen.

Auch Entertain hat gewisse Nachteile. So kodiert die Telekom alle Programme in Windows Media Video um und reduziert dabei die Datenrate, was die Bildqualität nicht gerade verbessert. Ansonsten hat der Entertain-Service durchaus seinen Reiz: Das Programmangebot ist in Ordnung, Aufnehmen klappt mit dem Entertain-Festplattenreceiver problemlos, ein übersichtlicher Programmführer und eine elektronische Videothek gehören zum Service, sogar ein paar Apps, etwa für die Online-Tagesschau, hat der Dienst zu bieten.

Diese Funktion ist ausbauwürdig: Apps, die zu den Mediatheken der Sender führen, wären zum Beispiel wünschenswert. Allerdings: Die Versorgung eines zweiten Fernsehgeräts ist auch hier mit Mehrkosten verbunden. Der unentbehrliche Extra-Receiver kostet 170 Euro oder 3,59 Euro Miete im Monat.