Natur

In der Stille der Nacht verrät sich der Käfer

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Nichts fürchten Hausbesitzer mehr als Schädlinge im Gebälk. Fachwerk und Eichenparkett können schnell zu Staub zerfallen. Aber ist es wirklich der Hausbock, der sich durchs Holz nagt?

Es ist ruhig in Langenroda. Das 260-Seelen-Dorf in Nordostthüringen hat eine Bockwindmühle, eine neoromanische Kirche, alte gemauerte Backhäuser, und man sieht bei gutem Wetter sowohl Kyffhäuser als auch Wendelstein. Es ist ein sonniger Herbsttag, die Blätter der Trauerweide mitten auf dem Hof von Selmar Petzoldt rascheln leise, sonst kein Laut. Doch das täuscht. „Hier schnorpst und knorpst es überall“, sagt Petzoldt und öffnet die Tür zum Allerheiligsten.

Es ist ein altes Stallgebäude, voll mit Holzstapeln, Brettern, Balken und Klötzen. Staubteilchen tanzen im einfallenden Licht, alles wirkt friedlich. „Es ist ein Hauen und Stechen rundherum“, erklärt dagegen Petzoldt. Er meint damit die Holzinsekten in den zahlreichen Stapeln. Zu sehen oder zu hören ist kein einziges Tier.

Petzoldt betreibt in Langenroda ein Sachverständigenbüro für biologische Bauwerksuntersuchungen. An ihn wendet sich, wer zum Beispiel ein historisches Gebäude mit Holzkonstruktion erhalten möchte. Im Dachstuhl oder Fachwerk können Kerbtiere im Verborgenen agieren. Um die Schäden abzuschätzen, sind Fachleute meist darauf angewiesen, die spärlichen Zeichen zu deuten, welche die Insekten hie und da hinterlassen. Die ausgewachsenen Käfer, deren Eier, Larven oder Puppen bekommen sie nicht unbedingt zu Gesicht.

Holz durchlöchert wie ein Schweizer Käse

Die im Stall scheinbar wild gestapelten Scheite, Bretter, Pfähle und Balken in unterschiedlichen Stadien des Verfalls sind daher Feldversuch, Laborexperiment, Zoo und Aktivitätsarchiv in einem. Laut Selmar Petzoldt ist hier alles vertreten: von Schädlingen wie dem Gekämmten Nagekäfer, dem Trotzkopf und der Totenuhr über deren Gegner – etwa Zitterspinnen oder Blaue Fellkäfer – bis hin zu sogenannten Sekundärnutzern der Aushöhlungen wie etwa Schlupfwespen und Wildbienen. „Man muss eben genau hinschauen“, ermuntert der Hausherr seinen Besucher. Na dann. Ja, dieser Stamm sieht ein bisschen wie Schweizer Käse in Grau aus. Ovale Ausfluglöcher von vier bis acht Millimetern Durchmesser sind Markenzeichen des Gemeinen Hausbocks. Ob aber ein Stück Holz nach wie vor von ebendiesem Hylotrupes bajulus befallen ist – und man ihn bekämpfen muss – ist damit noch lange nicht klar. Seine Larven schieben kein Holzmehl nach außen- sie fressen sich durchs Holz und verstopfen die Gänge mit dem, was ihr Verdauungssystem von dieser recht ballaststoffreichen Kost übrig lässt. Oft sind nächtliche Fraßgeräusche im Gebälk der verlässlichste Hinweis.

Was für den Hausbock gilt, gilt auch für andere Möbel- und Balkenschädlinge: Es lässt sich oft nur schwer beantworten, ob das Holz überhaupt noch befallen ist. Schließlich kann man den tragenden Ständerbalken eines Fachwerkhauses oder Urgroßmutters Biedermeierschrank nicht mal eben großflächig aufsägen. Fachleute identifizieren Schädlinge, indem sie Proben entnehmen oder Holzbereiche auf spezielle Weise abkleben. „Nach meiner Erfahrung sind in 90 Prozent der Fälle die Schadorganismen gar nicht mehr da“, sagt Petzoldt.

Der Hausbock ist der größte Holzzerstörer

Anders ist die Lage in seinem Holzlabor, wo er durchaus mal einen Scheit auf dem Hackklotz spalten kann. Zum Vorschein kommen prompt Fraßgänge, Puppenwiegen, Kotpartikel. Auch ein paar Larven kann er entdecken: die des Gemeinen Nagekäfers, auch als Möbelkäfer bekannt. Eine lebende Hausbocklarve ist aber auch hier nicht zu finden, denn, so Petzoldt, die Art, deren Spuren in unzähligen Gebäuden in ganz Deutschland zu finden sind, ist in seiner Gegend inzwischen „fast vom Aussterben bedroht“.

In Europa ist der Hausbock aber nach wie vor die Nummer eins der Holzzerstörer. Allein die Größe der Tiere und der Durchmesser ihrer Gänge können Bauherren in Angst und Schrecken versetzen. Die Larven sind bis zu zweieinhalb Zentimeter lang und recht dick, sie können mehr als zehn Jahre im Holz verbringen. Und zuweilen widerlegen sie mit ihrem Verhalten Lehrbücher, in denen zum Beispiel steht, dass Holz, das schon länger als 60 Jahre in einem Gebäude ist, nicht mehr von ihnen befallen wird. Das stimmt, meistens. In brandenburgischen Barockkirchen aber sind die Larven erneut aktiv.

Teeröl hilft nicht

Warum werden die alten Gotteshäuser plötzlich wieder heimgesucht? Eine mögliche Erklärung dafür kennt der Berliner Architekt und Holzschutzsachverständige Ingo Müller: Der Grund könnte sein, das dem Hausbock üblicherweise bestimmte Milben nachfolgen, die ihm zu schaffen machen. An Holz, das Spuren dieser Milben aufweise, „geht der Hausbock nicht mehr ran“, sagt Müller. Nach ein paar hundert Jahren sind diese Signale aber verschwunden. Der Käfer könnte dann also erneut einfallen. „Vielleicht is dit so, vielleicht ooch anders.“

Dem Experten helfen vor allem Beobachtungen und Erfahrungswerte. Müller erzählt, wie er mal beim Angeln ein Hausbockweibchen bei der Eiablage an einem Pfahl beobachten konnte. Die Tiere brauchen dafür ordentliche Spalten im Holz. An diesen laufen sie entlang und deponieren an breiter Stelle ein Ei mittels ihrer langen Legeröhre. Dem Architekten fielen dabei zwei Besonderheiten auf: Das Teeröl, in das der Pfahl zum Schutz vor Pilzen und Insekten getaucht worden war, störte das Käferweibchen nicht im Geringsten. Was allerdings die Eiablage verhinderte, war ein kleiner Eingriff. Müller steckte Schilfstücke in die Spalten, was das Tier offensichtlich irritierte und zum Abflug veranlasste. In Kirchen, in denen man heute die Reste von einst eingebrachten Kienspänen in Ritzen findet, sind die Balken meist vom Hausbock verschont geblieben. Wären solche Hürden womöglich der beste Schutz gegen den Schädling? Vielleicht. Müller will sich aber auch da nicht festlegen.

Die „Totenuhr“ klopft im Holz

Treffpunkt mit Ingo Müller ist das Anatomische Theater auf dem Charité-Areal in Berlin. Er hat mitgeholfen, das jetzt wiedereröffnete historische Lehrgebäude zu sanieren. Hineinzugehen, um zu zeigen, was dort gemacht wurde, hält Müller nicht für sinnvoll. „Da sieht man ja gar nichts mehr, alles zu“, winkt er ab und stellt stattdessen eine Kiste voller Holzscheite auf die Motorhaube seines Kombis. Umgehend hat man ein Stück Eiche mit Befallsspuren des Gescheckten Nagekäfers in der Hand.

Dass gerade diese Art, die wegen ihrer Klopfgeräusche im Holz auch als „Totenuhr“ bekannt ist, hier zugange war, erkennt Müller an den mit etwa 0,3 Millimetern Durchmesser relativ großen Kotpartikeln. Die Ausscheidungen der Trotzkopfkäfer-Larven sind dagegen viel feiner, obwohl diese mit fünf Millimetern die gleiche Körpergröße aufweisen und ähnliche Fraßspuren hinterlassen. Beiden Arten gemein ist allerdings, dass sie durch Pilze vorgeschädigtes Holz befallen: Sie können auf dieses zusätzliche Problem im Bauwerk hinweisen.

Manch Schädling kommt als Souvenir aus dem Ausland

Feuchte Balkenköpfe bieten Pilzen und den nachfolgenden Insekten nahezu ideale Lebensbedingungen. Aber die derzeit wahrscheinlich größte Bedrohung für Balken, Parkett und Schrank sind winzige Insekten, die keine Pilze als Vorarbeiter brauchen, mit sehr trockenen Verhältnissen klarkommen und sich zudem schnell vermehren: Splintholzkäfer, meist sind es per Holzimport eingeschleppte Arten der Gattung Lyctus. Sie befallen zwar nur Laubholzarten, können aber ein Eichenparkett „ziemlich plötzlich zu Staub zerfallen lassen“, sagt Müller. Viele holzverarbeitende Betriebe seien mit diesen Schädlingen kontaminiert – für den Privatkunden gleiche es einem Lotteriespiel, ob er sie sich ins Haus holt oder nicht.

Uwe Noldt vom Zentrum für Holzwirtschaft der Universität Hamburg sieht die Neuankömmlinge aus der Familie der Lyctidae ebenfalls als zunehmendes Problem. „Damit gehen die Holzhändler sehr schweigsam um“, sagt Noldt, der bis zu 60 Fälle pro Jahr begutachten muss – beim Zoll oder in Unternehmen. Ist das Holz und somit der tropische Schädling erst einmal irgendwo eingebaut, ist es schwer, die ursprüngliche Herkunft sicher nachzuweisen, schließlich könnte er auch aus einem hölzernen Souvenir oder über andere Wege ins Haus gelangt sein. Sogar in Außenlagern, wo sie nach allgemeiner Lehrmeinung einen Winter nicht überstehen sollten, hat Noldt bereits eingeschleppte Lyctus-Vertreter gefunden – und zwar quicklebendig. „Wir wissen im Moment nicht, wie das weitergehen wird“, sagt der Biologe über die sich ausbreitende Plage.

Schädlinge halten sich nicht an Lehrbuchwissen

Abgesehen von eingewanderten Spezies, zu denen unter anderen auch Termiten zählen, werden neuartige Baumaterialien und Techniken, die Klima und Portemonnaie schützen sollen, in Zukunft möglicherweise Schäden nach sich ziehen. Einerseits können Dämmverfahren neue Lebensräume entstehen lassen. Andererseits halten sich Schadorganismen kaum an das, was über sie in Lehrbüchern steht, und sie lassen sich auch durch die Schutzmaßnahmen des modernen Hausbaus nicht immer fernhalten.

So könnten sich die Larven der nur frisches Holz besiedelnden Riesenholzwespen plötzlich in einem Flachdach wiederfinden, sagt Uwe Noldt. Wenn sie aus dem eingebauten Holz schlüpfen, bahnen sie sich mit ihren kräftigen Mundwerkzeugen den Weg durch Holz, Isoliermaterial und Dachfolie und schaffen auf diese Weise Eintrittsstellen für Wasser, Pilze und andere Insekten.

Wissen über Verhaltensweisen ist mangelhaft

Wer sich mit Holzbau und Sanierungen beschäftigt, kann in seinem Berufsleben zahlreiche anekdotische Erfahrungswerte sammeln. Doch viele Praktiker wünschten, es gebe mehr Forschung. Zum Beispiel Versuche wie jene von Noldt, der mit Pheromon- und Klebefallen experimentiert. Wie stark der Klebstoff sein muss, damit sie haften bleiben, ist von den wenigsten Arten bekannt. Bei anderen fehlt es an Wissen über die Verhaltensweisen, so dass sich Strategien zur Kontrolle oder Beobachtung nur schwer entwickeln lassen. Grubenholzkäfer etwa, die gerne feuchte Bodenbretter oder Sperrholz besiedeln, besitzen einen voll ausgebildeten Flügelapparat – aber fliegen sah man noch keinen.

Für Hauseigentümer sind solche Details wohl unerheblich, sie interessieren sich mehr dafür, wie sich ein vom Zerfall bedrohtes Gebäude noch retten lässt. Das konnte der Berliner Architekt und Holzgutachter Jörg Wappler in den vergangenen Jahren ausprobieren. Wappler hat für seine Familie und eine Sozialinitiative 2004 eine Beinahe-Ruine im uckermärkischen Dorf Melzow gekauft, und nach wie vor werkelt er daran herum. Inzwischen sind aber längst die Nebengebäude dran, das Haupthaus ist trocken, gemütlich und wirkt ganz und gar nicht baufällig. Bei näherer Betrachtung sind die durchlöcherten, aber tragfähigen und nicht mehr von Schädlingen befallenen Ständer zu erkennen. Einige Schwellen wurden ausgetauscht. Die Originale liegen in Scheiben gesägt, geölt und gewachst als Holzfußboden im Flur- Fraßspuren bilden ein Ornament. An den Eichenpfetten des Dachstuhls wurden die geschädigten Außenschichten abgetragen. Ihr Querschnitt ist jetzt geringer, sie halten trotzdem- ob ein Bauteil noch stabil genug ist, lässt sich etwa mit einem Bohrwiderstandsmessgerät ermitteln. In einem Ständer der Außenwand fällt eine Schnittstelle ins Auge. Das fehlende Holzstück holt Uwe Wappler aus dem Schuppen: Es ist ein von dünnen Lamellen durchzogener, ansonsten hohler Klotz. Darin hauste einst, von außen kaum sichtbar, eine Ameisenkolonie.

Mit Technik gegen die Natur

Ganz allgemein ist zu empfehlen, Schäden von einem unabhängigen Gutachter schätzen zu lassen, der selbst keine Firma zur Insektenbekämpfung führt und Gegenmaßnahmen verkauft. Im Falle von Jörg Wappler war es wiederum von Vorteil, dass er Bauherr und Planer in einem war. Für einen Kunden hätte Wappler das Haus nach der geltenden DIN-Norm 68100 begutachten müssen. Darin steht unter anderem die Vorgabe, dass befallene Bauteile ausgetauscht werden müssen. Die Sanierung wäre Zehntausende Euro teurer – oder gar nicht erst begonnen worden. In der Praxis geht man pragmatisch vor: „Am Ende entscheidet der Bauherr, ob er nach DIN-Norm saniert oder nicht, aber der Architekt trägt letztlich die Verantwortung“, sagt Wappler. Üblich sind deshalb oft jede Menge Vertragsklauseln, um sich gegen eventuelle Regressforderungen abzusichern.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die unerwünschten Biotope im Trockenholz zu stabilisieren und die Holzinsekten zu bekämpfen. Als chemische Keule dienen etwa Borsalze, und in manchen Fällen werden betroffene Stücke mit Sulfuryldifluorid-Gas behandelt. Auch Wärme kann als Waffe dienen, wenn Bauteile oder ganze Gebäudebereiche eingepackt und auf über 60 Grad Celsius erhitzt werden. Neben Heißluft erweist sich hier Infrarotlicht als nützlich. Außerdem zeigen Mikrowellen Wirkung.

Ein Cranach-Altar wurde mit Wespen behandelt

Der Idealfall wäre eine Bekämpfung auf biologische Weise – mit Hilfe natürlicher Feinde der Holzzerstörer. Doch nachgewiesene Erfolge sind bislang rar. In Erfurt beispielsweise kamen Tausende Erzwespen gegen Anobium-Möbelkäfer zum Einsatz, was 2005 rund um den Globus für Schlagzeilen sorgte, schließlich ging es bei dieser Abwehrschlacht um den Cranach-Altar. Die biologische Methode sei kostengünstiger, schonender, umweltfreundlicher und weniger aufwendig als Alternativmethoden, konnte man damals lesen. Tatsächlich aber war der Erfolg kaum abzuschätzen, und das Altargemälde wurde doch mit Gas behandelt. Zur biologischen Insektenbekämpfung „brauchten wir unbedingt mehr kontrollierte Experimente und gute Beobachtungsstudien im Feld“, sagt Uwe Noldt.

Wie eine solche Studie aussehen könnte, lässt sich in der Nachbarschaft von Selmar Petzoldt begutachten. In der neoromanischen Kirche von Langenroda rieselt Holzmehl aus den Bänken: Bedrohlicher Befall durch Holzwürmer, denkt man als Laie. Hier seien jedoch die Larven des winzigen, hübschen Blauen Fellkäfers „sehr aktiv“, sagt Petzoldt. Sie suchen in den Fraßgängen nach Holzwürmern und schaffen deren Hinterlassenschaften nach draußen. Viel Bohrmehl kann bedeuten, dass zahlreiche Fellkäferlarven in den Bänken unterwegs sind. Oder dass ein paar wenige hungrig die Gänge nach kaum mehr vorhandenen Anobien durchsuchen. Und vielleicht fällt gerade eine der fleischfressenden Larven über einen Holzzersetzer her – hören kann man es nicht.