
Mit Selbsttests kann man sich zu Hause nicht nur auf Schwangerschaften, sondern auch auf Grippe und Krebs untersuchen. Dann ist man beruhigt. Oder auch nicht.
Mit einem Befund hatte ich nicht gerechnet. Ich bin jung, habe keine Beschwerden und wollte aus beruflichen Gründen Einblick gewinnen, was in meinem Körper vor sich geht. In Apotheke und Drogerie kaufe ich eine Handvoll medizinischer Selbsttests. Manche sind für fünf, andere für 30 Euro zu haben, das Procedere scheint unkompliziert. Verpackungen verheißen nicht nur eine einfache Handhabung, sondern auch „schnelle Gewissheit in nur drei Minuten“. Überprüfen lässt sich vieles: ob ich schwanger bin oder der Eisprung ansteht, wie hoch denn mein Alkoholpegel ist und ob ich Betäubungsmittel konsumiert habe. Und es lassen sich Krankheiten testen: Grippe, Blasenentzündung, ja sogar Krebs.
Die meisten Selbsttests für daheim funktionieren mit einer Urinprobe. Immer noch, könnte man sagen, denn schon in der Antike nahm man Farbe und Trübheitsgrad des Urins in Augenschein. Bisweilen testete man sogar den Geschmack. So kam etwa die Stoffwechselkrankheit Diabetes mellitus zu ihrem Namen, „honigsüßer Durchfluss“ heißt es auf Latein. Tatsächlich muss der Urin der Erkrankten honigsüß schmecken: Wenn es am Hormon Insulin mangelt, steigt der Zuckerspiegel in Blut und Urin. Und um Schwangerschaften früh zu erkennen, spritzten Apotheker aus aller Welt bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts Urin der Frau in einen weiblichen Krallenfrosch. Laichte der Frosch im Laufe des folgenden Tages, galt die Frau als schwanger.
Mit heutigen Teststreifen aus Papier ist alles viel unkomplizierter. Die Membran von Schwangerschaftstests beispielsweise enthält Antikörper gegen das Schwangerschaftshormon hCG. Kommt es im Urin vor, verbindet es sich mit den Antikörpern vom Teststreifen, die Farbreaktion folgt binnen Sekunden. Ein Überblick über die körperliche Verfassung lässt sich also schnell gewinnen, er erfordert allenfalls ein wenig Koordination: Manche Tests sind zu jeder Tageszeit anwendbar, bei anderen empfiehlt sich die Verwendung von Morgenurin. Mitunter legt die Packungsbeilage nahe, zwei Stunden vor der Urinprobe eine Mahlzeit wie ein Marmeladenbrot zu sich zu nehmen.
Ich suche im Internet nach einer Erklärung
Das Labor im Bad ist schnell hergerichtet: Becher, Stoppuhr, fertig. Anfangs läuft alles nach Plan, die Testergebnisse sind durchweg negativ. Manchmal bestätigt ein roter Balken die korrekte Anwendung, der Platz daneben bleibt weiß. Ich habe erfolgreich untersucht, dass ich nicht schwanger bin, der Eisprung momentan noch nicht ansteht und dass ich keine Amphetamine genommen habe. Alles eindeutig also.
Anders bei einem Urintest, der Verschiedenes misst: Ein hellgelbes Testfeld zeigt mir an, dass mein Urin frei von Glukose ist, ein cremefarbenes Feld bedeutet, dass es nicht mit weißen Blutkörperchen angereichert ist. Das ist gut, so weit ist der Beipackzettel verständlich. Aber da ist noch ein Feld, und es leuchtet giftgrün: Blutfarbstoff im Urin. Dabei ist mit bloßem Auge gar nichts zu sehen.
Das klingt nicht gut. Grund für das Blut können Erkrankungen der Nieren und Harnwege sein, wie aus der Packungsbeilage hervorgeht. Bloß, welche? Kürzlich ist eine App entwickelt worden, welche die eingescannten Verfärbungen auswertet – aber eine klare Diagnose kann die Anwendung nicht stellen. Das Smartphone nimmt einem lediglich ab, die bunten Testfelder auf dem Streifen mit den Farbmustern auf der Verpackung abzugleichen.
Beunruhigt tue ich also das, was jeder Dritte in Deutschland tut, wenn er um seine Gesundheit besorgt ist: Ich suche im Internet nach einer Erklärung. Auf der Website der „Apotheken Umschau“, laut Stiftung Warentest das Gesundheitsportal mit den besten Inhalten, lese ich unter dem Stichwort „Blut im Urin“, es könne Blasenkrebs, Harnröhrenkrebs und Harnleiterkrebs anzeigen. Was mich zusätzlich verunsichert: Diese Krebsarten müssen keine Beschwerden hervorrufen, während für etwas vergleichbar Banales wie Blasenentzündungen Schmerzen beim Wasserlassen typisch sind. Da mir bisher nichts fehlte, erfasst mich jetzt Panik. Mit Herzrasen rufe ich meinen Hausarzt an, ich muss dringend vorbeikommen, heute noch, so schnell es irgendwie geht.
Krebstests sollen nicht die Vorsorgeuntersuchungen ersetzen
Ständig muss ich an einen Amerikaner denken, dessen tragikomische Geschichte im vergangenen Winter um die Welt ging. Was, wenn mich ein ähnliches Schicksal erwartet und es nun ernst wird? Der Amerikaner machte aus Spaß einen Schwangerschaftstest: zwei Streifen, positiv. Belustigt kommentierte er sein Experiment in einem Internetforum. Die meisten anderen Nutzer fanden es ebenso witzig, bis einer von ihnen den Mann aufforderte, zum Arzt zu gehen. Er warnte, er könne Hodenkrebs haben – was sich dann auch prompt bestätigt haben soll. Der Test maß das Hormon hCG, das der Körper bei Schwangerschaften bildet, aber auch bei einigen Arten von Hodenkrebs.
Sein Fall erregte Aufsehen, doch so ungewöhnlich ist er dann doch nicht: Auch Krebstests gibt es für den Hausgebrauch. Das norddeutsche Diagnostikunternehmen Ulti Med Products zum Beispiel vertreibt „Darmkrebsfrüherkennungstests“ über Apotheken. Sie seien technisch auf dem neuesten Stand, versichert Cihan Erparsak, verantwortlicher Mitarbeiter. „Dieselben Tests verkaufen wir auch an Ärzte.“ Einziger Unterschied: Produktname, Verpackung, Zertifizierung und Ausführlichkeit des beigelegten Booklets. Erparsak weist darauf hin, dass die Krebstests nicht die Vorsorgeuntersuchungen ersetzen sollen. „Aber es gibt Menschen, die gehen nicht gerne zum Arzt. In akuten Fällen kann die Selbstdiagnose den Anstoß dazu geben.“
Darmkrebstests funktionieren mit einer Stuhlprobe. Ermittelt wird der Blutgehalt – ein Verfahren, das Mediziner schon seit Jahrzehnten anwenden. Fachärzte warnen jedoch, dass die Untersuchung auf Blut im Stuhl keine sichere Methode darstellt, um Darmkrebs festzustellen oder auszuschließen: „Krebsvorstufen bluten nicht immer, es besteht das Risiko, ein falsch-negatives Ergebnis zu bekommen“, sagt Karl-Wilhelm Ecker, Professor für Chirurgie am Müritz-Klinikum in Waren. „Die Gefahr ist also, dass sich Menschen in falscher Sicherheit wiegen. Umgekehrt kann es aber auch vorkommen, dass Tests falsch-positiv ausfallen: zum Beispiel, wenn man Zahnfleischbluten hat.“ Sicherheit bietet deshalb nur die Darmspiegelung: „Entweder ist da was oder nicht. Eindeutig zeigt das nur die Endoskopie.“
PH-Wert-Tests können praktisch für Schwangere sein
Wie sinnvoll Selbsttests sind, lässt sich nicht pauschal beantworten. Bedenken hegt Franz Bartmann, Vorstandsmitglied der Bundesärztekammer, nicht nur gegenüber Darmkrebstests. Auch Drogentests seien fragwürdig – wenn auch aus nichtmedizinischen Gründen: „Sie könnten Anlass zum Missbrauch geben: wenn etwa Arbeitgeber auf die Idee kommen, ihre Angestellten zu überprüfen.“ Manche Tests wiederum können seiner Meinung nach das Bewusstsein für die eigene Gesundheit stärken und die Ärzteschaft entlasten: „Es ist gut, wenn Diabetiker ihren Blutzucker messen und Menschen, die sich oft mit Blasenentzündungen herumschlagen, ihren Urin auf Nitrit testen“, so Bartmann. Einen möglichen Nutzen sieht er auch im Grippetest, der feststellt, ob man sich nur eine Erkältung oder eine echte Grippe eingefangen hat: Fällt er positiv aus, sei es für die Impfung zwar zu spät. „Doch man wüsste Bescheid und könnte andere vor einer Ansteckung schützen.“
Praktisch für Schwangere können auch Selbsttests sein, die den pH-Wert der Scheidenflora bestimmen. Er steigt, wenn sich dort Bakterien tummeln, und der Abstrich mit einem Wattestäbchen kann somit Hinweise auf Infektionen geben. „Schwangere, die Erfahrungen mit Fehlgeburten oder Vaginalinfektionen gemacht haben, sollten ihren pH-Wert auch zwischen den Vorsorgeuntersuchungen immer mal wieder ermitteln“, sagt Renate Kirschner vom Schwangerenvorsorgeprogramm Baby Care. „Wenn man Infektionen früh erkennt und sie behandeln lässt, können Frühgeburten verhindert werden.“
Tatsächlich: Blutspuren im Urin
Häufig ist der Kinderwunsch Grund dafür, sich selbst zu testen: „Schwangerschaftstests, Ovulationstests und Tests zur Ermittlung des pH-Werts werden oft nachgefragt“, sagt eine Heidelberger Apothekerin. Es komme hingegen so gut wie gar nicht vor, dass jemand nach Grippe- oder Darmkrebstests verlange. Ähnlich sind die Erfahrungen, die Ulti Med Products gemacht hat. Wie viele Darmkrebstests schon direkt an den Endkunden verkauft wurden, will Mitarbeiter Erparsak nicht sagen- auch andere Hersteller und die Apotheken schweigen sich über Verkaufszahlen lieber aus. Er verrät aber, dass andere Tests aus seinem Sortiment wesentlich erfolgreicher seien, der Schwangerschaftstest und der Drogentest etwa. Und wer kauft Letzteren? „Junge Leute, die sichergehen wollen, dass man ihnen keinen Drogenkonsum nachweisen kann. Und manchmal auch Eltern, die ihre Kinder überprüfen“, heißt es in der Apotheke.
Für die Zuverlässigkeit meines eigenen Tests spricht, dass sowohl mein Hausarzt als auch mein Urologe das Messergebnis bestätigen: Blutspuren im Urin. Nach zwei Tagen bekomme ich ärztliche Entwarnung, endlich: Das große Blutbild ist okay, ebenso die Ultraschalluntersuchung. Kein Krebs. Ja nicht mal der Hinweis auf irgendein Problem. Nachdem mir meine Sorgen genommen wurden, könnte ich nun mit meiner Untersuchung fortfahren, weitere Tests gibt es zur Genüge. Doch erst einmal lege ich eine Pause ein, wer weiß, ob eine allzu hohe Konzentration von Stresshormonen nicht die Ergebnisse verfälscht.
