
Erstmals zeigt eine Studie, wo in Deutschland besonders impfkritische Eltern leben. Die Skepsis im Land wächst seit Jahren – die Studie zeigt: je höher der Bildungsgrad der Mütter, umso geringer ist ihre Impfbereitschaft.
In Deutschland werden nur 37 Prozent aller Kleinkinder so gegen Masern geimpft, wie es die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt. Zu diesem Ergebnis kommt eine soeben veröffentlichte Studie, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Berlin angefertigt wurde. Ausgewertet wurden Daten aus Arztpraxen für 550 000 Kinder, die 2008 geboren wurden. Auf die Untersuchung haben Wissenschaftler ungeduldig gewartet, vor allem, weil in den vergangenen Wochen Masernfälle an Schulen Rufe nach einer Impfpflicht laut werden ließen.
Jetzt stehen mehrere Verdachtsmomente im Raum. Zum einen geht es um die Haltung anthroposophisch orientierter Eltern zum Impfen. In der Vergangenheit sind Waldorfschulen mehrfach für die Überzeugung eingetreten, dass das Durchstehen von Infektionskrankheiten sich günstig auf die Entwicklung von Kindern auswirkt, man also auf Impfungen verzichten solle. Auch die aktuellen Fälle traten an einer Waldorfschule in Erftstadt bei Köln auf. Zum anderen haben viele Studien ergeben, dass Eltern mit einem sozioökonomisch hohen Status besonders impfskeptisch sind.
Hinsichtlich der Masern-Impfquoten sind Bayern, Baden-Württemberg, Berlin und Bremen nach der neuen Studie von Maike Schulz und Sandra Mangiapane die Schlusslichter unter den Bundesländern. Aber vor allem fallen gravierende regionale Unterschiede auf Kreisebene auf. Nur drei Landkreise können bei der ersten der beiden notwendigen Masernimpfungen mit einer Impfquote knapp unterhalb der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen 95 Prozent aufwarten: die kreisfreie Stadt Zweibrücken in Rheinland-Pfalz, der Kreis Müritz in Mecklenburg-Vorpommern und Remscheid in Nordrhein-Westfalen.
Die Impfskepsis in Deutschland wächst
Gegen Masern muss zweimal geimpft werden. Die Stiko empfiehlt, die erste Impfung im Alter von 11 bis 14 Monaten, frühestens jedoch mit neun Monaten, und die zweite zwischen 15 und 23 Monaten abzuschließen. Im Bundesdurchschnitt liegt die Quote für die Erstimpfung bei knapp 86 Prozent und bei 62 Prozent für die Zweitimpfung. Schlusslichter sind die Landkreise Rosenheim, Garmisch-Partenkirchen und Bad Tölz. Dort erhalten nur 61 bis knapp 66 Prozent der Kinder die erste und nur höchstens 39,5 Prozent die zweite Impfung.
Die Zweitimpfung sorgt dafür, dass jene drei bis fünf Prozent der Kinder, bei denen die erste Impfung nicht anschlägt, dann doch noch eine Immunität aufbauen. Ihre Ergebnisse bedeuteten nun, sagt Studienautorin Maike Schulz, „dass zwischen 14000 und 23000 Kinder, die eine Erstimpfung bekommen haben, bis zur Zweitimpfung nicht geschützt sind, obwohl ihre Eltern das denken“. Offenbar sind die Eltern nicht ausreichend aufgeklärt über die Bedeutung der Zweitimpfung- viele verzichten womöglich, weil sie nach der ersten Impfung eine Reaktion beim Kind beobachteten. Überhaupt wächst die Impfskepsis in Deutschland: Während sich 1994 noch erst 24 Prozent der Mütter in den alten Bundesländern und zehn Prozent in den neuen Bundesländern kritisch gegenüber Schutzimpfungen äußerten, waren es 2011 schon 35 Prozent unter Befragten, die mehrheitlich aus den alten Bundesländern stammen.
Die Studie bestätigt die Vermutung, dass ein hoher sozioökonomischer Status mit einer geringeren Bereitschaft zu Impfungen einhergeht. Der Bildungsgrad der Mütter scheint entscheidend zu sein: Die Impf-Wahrscheinlichkeit sinkt mit steigender Quote hoch qualifizierter Frauen in der Region. Hoch qualifizierte Väter scheinen einen leichten Einfluss für eine Impfung auszuüben – der aber nicht so stark zu Buche schlägt, weil bei kleinen Kindern meist die Mütter medizinische Entscheidungen treffen.
Nur wenige Eltern halten die Masern für gefährlich
Die regionalen Unterschiede können durch sozioökonomische Faktoren nur zum Teil erklärt werden. Eine Rolle spielt wohl auch die Frage, ob ein hoher Anteil der Kinder in der Region früh ganztags im Kindergarten betreut wird, wie es in Ostdeutschland häufiger üblich ist als im Westen. Dann entscheiden sich Eltern eher für Impfungen, weil ungeimpfte Kleinkinder besonders schwere Folgen erleiden können. Gefürchtet ist vor allem die Gehirnentzündung. Aber in einem von 10000 Fällen kommt es auch zu einer tödlichen Spätfolge, der subakuten sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE), die noch Jahre nach der überwundenen Infektion auftreten kann. Vielen Eltern ist das nicht klar: In einer Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2011 hielten nur 61 Prozent der Eltern Masern für eine sehr gefährliche Krankheit.
„Auch der Einfluss regional unterschiedlich stark vertretener impfkritischer Ärzte, Heilpraktiker und Homöopathen wirkt sich vermutlich aus“, sagt Studienautorin Sandra Mangiapane. Impfkritische Thesen werden beispielsweise durch Artikel in regionalen Gratiszeitungen verbreitet oder durch Vorträge, ergaben Untersuchungen der Ärztin Sandra Stricker, die sich 2006 mit den Strategien von Impfgegnern befasst hat. Die wichtigsten Wege der Vorbehalte sind demnach Bücher, Internetseiten, persönliche Kontakte und medizinisches Personal. Bei ihrer Befragung von mehr als 100 Hebammen zeigte sich etwa ein Fünftel „stark impfkritisch“. Die Hebammen glaubten etwa, dass Impfungen Allergien verstärken oder verursachen könnten. Eltern werden also gerade in einer Phase, in der sie verunsichert sind, in den ersten Lebenswochen des Kindes, möglicherweise mit negativen Einstellungen konfrontiert.
Stricker fand heraus, dass impfkritische Organisationen auf ihren Internetseiten oft einen offiziellen Status suggerierten und neutral zu erscheinen versuchten, indem sie auch auf Vorteile von Impfungen eingehen. Viele Gruppen verbreiten Verschwörungstheorien, behaupten etwa, die Behörden hielten die Information zurück, dass Infektionskrankheiten schon vor den Impfungen weit zurückgedrängt waren, oder dass humanes Choriongonadotropin in den Tetanus-Impfstoff gemischt wurde, um Frauen unfruchtbar zu machen. Der kanadische Fall einer Enzephalitis bei einem 21 Monate alten Jungen nach einer Masernimpfung gilt ihnen als Beispiel für das Risiko. Sie erwähnen nicht, dass der Junge an einer Störung des Abwehrsystems litt.
Debatte über Impfpflicht
Nun steht zur Debatte, ob die Impf-Entscheidung Privatsache sein kann – gerade angesichts einer wachsenden Anzahl von Kindern, die schon im Baby- und Kleinkindalter in Krippen betreut werden. Besonders im ersten Lebensjahr sind Kinder gefährdet- in dieser Zeit ist noch keine Impfung, wohl aber ein Krippenbesuch möglich. Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, forderte deshalb unlängst im „Deutschen Ärzteblatt“ „den Nachweis einer vollständigen Impfung vor Aufnahme eines Kindes in eine staatlich finanzierte Betreuungseinrichtung, damit auch solche Kinder vor einer Infektion geschützt werden, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können“. Auch Sandra Mangiapane sagt: „Impflücken können beispielsweise in Kindertagesstätten fatale Folgen haben, wenn die Infektion bei einem lokalen Masernausbruch eingeschleppt wird.“
In den Vereinigten Staaten müssen mit dem Schuleintritt empfohlene Impfungen nachgewiesen werden („kleine Impfpflicht“). Ohne sie ist die Einschulung nicht möglich. In den meisten Bundesstaaten sind Ausnahmen möglich, aus medizinischen, religiösen und ideologischen oder persönlichen Gründen. Viele Religionsgemeinschaften stehen Impfungen skeptisch gegenüber, etwa die Mormonen, Old Amish People oder die Sieben-Tage-Adventisten.
