Gesellschaft

Das große Summen

• Bookmarks: 35


Als nervig, aber harmlos gilt die Mücke in Deutschland. Doch immer häufiger sichtet man auch hierzulande Arten, die eigentlich aus den Tropen stammen und Krankheiten übertragen können.

Kaum hat man es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht, kommen sie auch schon um die Ecke geflogen. Mücken. Nicht nur für uns Menschen sind die heißen Temperaturen nach dem vielen Regen eine Freude, auch für die fliegende Plage ist der Wetterumschwung ein Segen. Hitze, die auf feuchtes Klima folgt: ideale Voraussetzungen für eine Vermehrung der Insekten. Überall schwirren sie herum, besonders betroffen sind die Flutgebiete entlang von Elbe und Donau.

Das Tückische an den Tierchen: Noch bevor man vor dem Summen fliehen kann, stechen sie, auf der Suche nach Nahrung, meist schon gnadenlos zu. Schuld sind das Kohlendioxid, das wir ausatmen, und unsere Ausdünstungen. Sie verraten unseren Aufenthaltsort. Über sensorische Kanäle nehmen die Stechmücken Gase und Gerüche wahr, wissend, dass bei hoher Konzentration ein Säugetier, also eine Mahlzeit, nicht weit sein kann. Schnell werden menschliche Finger, Oberschenkel oder Bäuche zur Futterstelle. Sind die Moskitos satt, können sie eine rote, leicht geschwollene Einstichstelle hinterlassen, die mit kühlen Umschlägen gut zu behandeln ist. Schlimmeres bleibt in der Regel aus, zumindest in unseren Gefilden.

Stechmücken übertragen Krankheiten

Stechmücken, die Krankheitserreger übertragen, kennt man bisher nur von Reisen. Doch die Zusammensetzung der Mückenarten in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren verändert. „Die asiatische Tigermücke beispielsweise, eigentlich in den Tropen und Ostasien heimisch, wurde mittlerweile auch bei uns gesichtet“, sagt Johannes Ziegler vom Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin. „Das heißt bis jetzt allerdings nur, dass man zwar den Überträger bestimmter Erkrankungen hier in Deutschland hat. Das heißt aber nicht automatisch, dass man auch den Erreger hier hat.“ Tigermücken sind nur die Vektoren, also die Überträger der Erkrankung. Beim Blutsaugen an unserer Haut hinterlassen sie die Viren, ohne selbst krank zu werden.

In Südfrankreich, in Kroatien oder auf der portugiesischen Insel Madeira sind in den vergangenen Jahren, anders als in Deutschland, Fälle von Dengue-Fieber aufgetreten, die nicht aus den tropischen Ländern eingeschleppt wurden, ausgerechnet bei Personen, die ihre Heimat nicht verlassen hatten. Dengue-Fieber, so sagen Experten, ist zu einem globalen Problem geworden, und das Dengue-Virus, das zu der Familie der Flaviviren gehört, ist ein echter Gewinner der Globalisierung. Seit den sechziger Jahren breitet sich die ursprüngliche Tropenkrankheit aus. „Seitdem haben sich die Fallzahlen der Erkrankung verdreißigfacht- damit ist das Dengue-Fieber die schnellste sich ausbreitende Infektionskrankheit, die von Moskitos übertragen wird“, sagt Ziegler. Laut Robert-Koch-Institut sind in Deutschland in diesem Jahr bis Anfang Juli schon 450 Fälle der fiebrigen Erkrankung aufgetreten. Im Jahr 2012 wurden 615 Dengue-Fieber-Erkrankungen gemeldet.

Einstich verrät Blutsauger

Die Ausbreitung wird dem Virus nicht schwer gemacht. Die Tigermücke reist in Koffern und Paketen oder direkt als Passagier im Innenraum des Flugzeugs mit. Auch den Transport von gebrauchten Autoreifen, Pflanzen, leeren Dosen oder Flaschen auf Containerschiffen weiß sie für sich zu nutzen. Hauptsache, es findet sich ein wenig Wasser, in dem die Mücke reisen oder ihre Eier ablegen kann. Schon kleinste Mengen reichen, dass die Tigermücke und ihre Larven darin überleben und in andere Gebiete gelangen. Dabei überstehen die Eier der Mücken auch kurze Kälte- und Trockenperioden. Außerdem können Mücken vermutlich das Dengue-Virus an die nachfolgenden Mückengenerationen weitergeben, was die Ausbreitung begünstigt.

Wann und wo man gestochen wurde, kann ein Hinweis darauf sein, welcher kleine Blutsauger sich bei einem bedient hat. Die Tigermücke beispielsweise ist tagaktiv und mag es durchaus urban. Sie ist also dann auf der Suche, wenn wir Menschen auch aktiv sind. Ob über einen Stich Krankheitserreger übertragen wurden, merkt man meist nicht an der Einstichstelle, „viel mehr sollte man nach einem Stich auf das Allgemeinbefinden achten“, sagt Reisemediziner Ziegler. „Man sollte immer aufmerksam werden, wenn nach einem Mückenstich Fieber auftritt, auch wenn das erst nach Wochen der Fall ist.“

Wie der Namen schon verrät, tritt auch bei einer Infektion mit Dengue-Viren eine Temperaturerhöhung auf. Hinzu kommen Kopf- und Gliederschmerzen, gelegentlich Hautausschlag am Rumpf. Die Inkubationszeit beträgt zwischen zwei und zehn Tagen. Meist verläuft eine Infektion harmlos, doch sie kann auch – besonders wenn man sie ein wiederholtes Mal bekommt – mit schweren Komplikationen wie inneren Blutungen und einem lebensbedrohlichen Schock verbunden sein. „Verantwortlich gemacht für die unterschiedlichen Verläufe werden die verschiedenen Subtypen des Virus“, sagt Ziegler. Antikörper der ersten Infektion könnten die zweite verstärken. Kinder zeigen eher einen schweren Verlauf als Erwachsene.

Keine Impfung, kein Medikament

Bei der Therapie des Dengue-Fiebers können nur die Symptome behandelt werden. Ein antivirales Medikament gibt es nicht, genauso wenig wie eine Impfung. Gerade Personen, die schon einmal unter der Tropenkrankheit gelitten haben, sollten deshalb auf Prävention setzen. Flaviviren haben sich mit der Tigermücke einen perfekten Vektor ausgesucht, um an möglichst viele Säuger, ob Tier oder Mensch, zu gelangen. Die Tigermücke zählt nämlich zu den „Stichunterbrechern“. Sich nur an einem Menschen satt zu essen macht sie nicht glücklich. Lieber verteilt sie ihre Mahlzeit auf mehre Menschen und damit im schlimmsten Fall auch die Viren.

Zu der Familie der Flaviviren gehört auch das West-Nil-Virus. Ist es Anfang des vergangenen Jahrhunderts vor allem in den Gebieten aufgetreten, von denen es seinen Namen hat, ist es mittlerweile über den ganzen Globus verteilt. Besonders häufig tritt das West-Nil-Fieber seit 1999 in den Vereinigten Staaten auf. Wissenschaftler sprechen von über 1500 Todesfällen in den vergangenen 13 Jahren. Einer der Überträger des West-Nil-Virus, neben der Tigermücke, ist die asiatische Buschmücke, auch sie wurde schon in Deutschland gesichtet. Meist verläuft eine Infektion mit dem West-Nil-Virus symptomlos. Nur ein Fünftel der Infizierten erkrankt. Die Beschwerden sind denen des Dengue-Fiebers ähnlich: Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen, Hautausschlag, Unwohlsein. Bei schweren Verläufen kommt es zu Hirn- oder Hirnhautentzündungen. In der Regel heilt die Erkrankung aus. Auch gegen das West-Nil-Fieber gibt es kein spezifisches Medikament und keine Impfung.

Schutz vor Gelbfieber

Anders sieht es beim Gelbfieber aus, ebenfalls eine Erkrankung, die von Flaviviren verursacht und von Mücken übertragen wird. „Gegen Gelbfieber gibt es schon sehr lange einen Impfstoff. Nach Schätzungen haben schon über sechshundert Millionen Menschen diese Impfung bekommen“, sagt Ziegler. Der Impfstoff sei nach dem Bau des Panamakanals entwickelt worden, da während der Bauarbeiten viele Menschen an der Krankheit gestorben seien. Langzeitdaten zeigten, dass Geimpfte oft einen lebenslangen Schutz haben. „Offiziell heißt es allerdings immer noch: Der Schutz wirkt zehn Tage nach der Impfung für zehn Jahre“, so Ziegler. Gegen Gelbfieber kann man sich also gut schützen. Doch die Tropen halten noch genug Erreger und Parasiten bereit, die aufgrund der vernetzten Welt und der Klimaveränderungen auch in unseren Breiten heimisch werden könnten, wenn Mücken sie nur mitbringen.

Anfang Juli haben Wissenschaftler des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin in Hamburg zum ersten Mal in Deutschland gefährliche Larven des Hundehautwurms in Stechmücken nachgewiesen. Die Larven können durch einen Stich auf Menschen übertragen werden. So harmlos wie ihr Ruf scheinen die summenden Insekten um uns herum für die Gesundheit also gar nicht zu sein. „Für solche Sorgen gibt es keinen Grund“, sagt Ziegler. „Man beobachtet zwar die veränderte Verteilung der Mücken und auch mancher Erreger, aber von einer drohenden Gefahr ist keine Rede.“ Das Wichtigste sei ein guter Mückenschutz, dann stehe lauschigen Abenden auf der Terrasse auch weiter nichts im Weg.