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Worauf sich Investoren einstellen

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Zunehmend gilt den Anlegern auch die Bundestagswahl als Unsicherheitsfaktor. Die möglichen Folgen sich vielfältiger als man zunächst denken mag.

Programmierern für den superschnellen Computerhandel, die Software für den Ausgang der Bundestagswahl entwickeln, dürften in diesen Tagen die Köpfe rauchen. Die Herausforderung ist gewaltig. Denn abhängig von der künftigen Regierungskonstellation könnten Deutschland erhebliche Änderungen bei Steuergesetzen und in der Wirtschaftspolitik bevorstehen.

Außerdem haben die Parteien unterschiedliche Pläne für die europäische Integration und für den Umgang mit Banken. Für Devisen-, Anleihe- und Aktienmärkte lassen sich dadurch – je nach Kräfteverhältnis der Parteien – vielfältige Szenarien hochrechnen.

Die Krux der Steuerpolitik

Die Ausgangslage scheint noch recht übersichtlich. In politischen Grundpositionen unterscheiden sich vier der fünf etablierten Parteien in den Augen von Investmentstrategen nur geringfügig. CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP wollen alle die europäische Integration voranbringen, die Energiewende vorantreiben und mehr Geld in den Bildungsbereich investieren. Markanter sind die Unterschiede in der Steuerpolitik, der Arbeitsmarktpolitik und bei der Regulierung der Finanzmärkte.

CDU/CSU und FDP wollen die Steuerpolitik im Großen und Ganzen so fortführen wie bisher. SPD und Grüne setzen dagegen auf Steuererhöhungen. Außerdem sind sie – anders als Union und die Liberalen – offen für die Einführung von Eurobonds. Auch bei der Frage nach einer effektiven Aufsicht der Kreditinstitute verfolgen die Regierungskoalition und die Opposition verschiedene Ansätze. Eine Einführung der an den Märkten heftig diskutierten Finanztransaktionssteuer scheint dagegen mit allen Parteien möglich.

Schwarz-Gelb ist schlecht für den Euro

Ein Hauptszenario für Investmentstrategen ist angesichts der aktuellen Umfragen die Fortsetzung der schwarz-gelben Koalition. In diesem Fall warnen die Experten von Morgan Stanley vor einer Abwertung des Euro. Ihre Argumentation: SPD und Grüne könnten ihre Niederlage darauf zurückführen, dass sie sich beim Thema Schuldenkrise inhaltlich von Schwarz-Gelb nicht deutlich genug abgesetzt haben.

Als Konsequenz könnten sie nun umsteuern und Angela Merkels Euro-Kurs – bei dem sich bedürftige Länder bis jetzt doch immer auf neue Hilfen verlassen konnten – torpedieren. Für Merkel wiederum werde es dadurch schwieriger, Kritiker in den eigenen Reihen zu ignorieren. „Für Peripherieländer dürfte es dann noch schwerer werden, zusätzliche Finanzhilfen von Deutschland zu erhalten“, heißt es in einer Studie der Bank. Unter diesen Umständen könnte der Euro bis zum Jahresende auf 1,26 Dollar fallen.

Auch der Vermögensverwalter Deutsche Asset &amp- Wealth Management geht davon aus, dass bei einer Fortsetzung der derzeitigen Regierungskoalition die Verhandlungen mit den hoch verschuldeten Euro-Ländern um finanzielle Erleichterungen härter geführt werden. „Das könnte auch zu einer leicht höheren Volatilität bei Anleihen aus den südlichen Ländern des Euro-Raums führen“, schreibt Asoka Wöhrmann, der die Investmentstrategie der Deutsche-Bank-Tochter mit verantwortet. Bundesanleihen dürften dagegen stabil bleiben. Für den Aktienmarkt erwarten Experten übereinstimmend keine größeren Implikationen. „Damit würde sich der Status Quo ja praktisch fortsetzen“, formuliert es Stratege Graham Secker von Morgan Stanley.

Rot-Grün: Schlechte Farben für den deutschen Aktienmarkt

Anders könnte das aussehen, sollten SPD und Grüne die Regierungsmehrheit doch noch schaffen – „die aus Aktienmarktsicht schlechteste Kombination“, wie es Stratege Carsten Klude von MM Warburg unter Verweis auf die angestrebten Steuererhöhungen formuliert. „Eine steigende Steuer- und Abgabenbelastung reduziert die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und verschlechtert damit die Bedingungen für Investitionen am Standort Deutschland“, bringen die Strategen der LBBW die Kritik auf den Punkt.

Ein daraus resultierendes schwächeres Wachstum werde sich auch in fallenden Renditen am Anleihemarkt durchschlagen, warnt Wöhrmann. Andererseits dürfte eine rot-grüne Regierung eher als schwarz-gelb bereit sein, für Schulden der Peripherie-Länder mit zu haften. „Das wirkt auf Bundesanleihen renditesteigernd.“ Die Risikoaufschläge zu den Anleihen der hoch verschuldeten Länder dürften sinken.

Aus europäischer Sicht könnte ein Sieg von Rot-Grün durchaus positiv gesehen werden, schreibt Morgan Stanley. „Wenn Investoren davon ausgehen, dass dieses Ergebnis der Vorbote eines stärkeren ’pro Europa’-Ansatzes ist – vor allem dann, wenn auch Eurobonds dazu gehören – dann dürften die Märkte in der Hoffnung auf eine engere Fiskalunion steigen“, kommentieren sie. Vor allem die Börsen der Peripherie-Länder könnten dann stark zulegen.

Große Koalition fürs Renditeplus der Bundesanleihe

Eine große Koalition wird nach Einschätzung von Marktexperten recht schwierig zu schmieden. Angesichts der weit auseinander liegenden Vorstellungen in der Steuerpolitik und im Wachstumskonzept seien langwierige Verhandlungen zu erwarten. Die LBBW geht davon aus, dass eine große Koalition stärker als Schwarz-Gelb auf die europäische Integration abzielen würde.

„In diesem Fall dürften sich Risikoaufschläge der Peripherie-Staaten gegenüber Deutschland weiter reduzieren, auch über ansteigende Renditen für Bundesanleihen“, heißt es in einer Analyse der Landesbank. „Dies umso stärker, je mehr es in Richtung einer Vergemeinschaftung von Schulden oder Übernahme von Haftungsrisiken geht.“

Wöhrmann von Deutsche Asset &amp- Wealth Management konstatiert: „Eine große Koalition führt in der Regel zu einer Politik der kleinen Schritte.“ Das könnte zu einer leichten Abwertung des Euros führen. Aktienanleger dürften dagegen honorieren, dass Angela Merkel weiter die Regierung führt.

Energiewerte gerieten bei Schwarz-Grün in besonderen Fokus

So richtig grün sind sich die beiden nicht, von daher dürften die Koalitionsverhandlungen im eher unwahrscheinlichen Fall einer schwarz-grünen Koalition besonders schwierig werden. „Aufgrund des großen Gewichts der CDU/CSU in einer solchen Koalition dürften sich die Veränderungen in der Fiskalpolitik und bei der Bankenregulierung in Grenzen halten“, sagt die Deutsche Asset &amp- Wealth Management voraus. Eine solche Regierung dürfte aber eine weichere Haltung gegenüber den hoch verschuldeten Euro-Ländern einnehmen. „Das könnte temporär zu einem Anstieg des Euro führen.“

Morgan Stanley hält es für möglich, dass ein Schuldentilgungsfonds eingeführt wird. In diesem Fall sei ein Anstieg des Euro bis auf 1,43 Dollar zu erwarten. Die Reaktion des Aktienmarkts hängt nach Meinung der Investmentstrategen von den Zugeständnissen ab, die die Grünen der Union abringen. Besonders spannend dürfte es für den Energiesektor werden. Anders als die Union wollen die Grünen erneuerbare Energien weiter stark subventionieren und die Strompreise für energieintensive Industrien erhöhen.

Die Welt endet nicht am 22.

Auch andere Regierungs-Konstellationen unter Beteiligung der kleineren Parteien werden auf ihre möglichen Implikationen für den Finanzmarkt abgeklopft und in Szenarien gegossen. Sie gelten aber als relativ unwahrscheinlich. Was für Investoren vor allem zählt, ist eine schnelle Regierungsbildung. Denn sie blicken weiter nach vorn. „Es scheint, als seien viele schwierige Diskussionen – wie künftige Rettungsaktionen für Griechenland und Portugal oder neue Schritte in Richtung einer Bankenunion – zunächst auf Halt gesetzt worden, um die Wähler nicht zu verärgern“, schreibt Morgan Stanley.

Diese Entscheidungen könnten aber nicht ewig hinausgezögert werden. Schließlich stehe die neue Regierung vor ernsten Herausforderungen im Umgang mit der Euro-Krise. Eine der ersten werde die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Rechtmäßigkeit des Anleihenkaufprogramms OMT der Europäischen Zentralbank sein.

Azad Zangana, Volkswirt für Europa beim britischen Vermögensverwalter Schroders, sieht eine Veränderung der deutschen Politik unabhängig von der Parteienkoalition, wobei Zangana weder an schwarz-gelb noch an rot-grün glaubt.

Die künftige deutsche Regierung werde ihre Haltung gegenüber den Peripherieländern lockern, ohne passiv zu werden. Griechenland brauche ganz offensichtlich weitere Hilfen, und die gingen zu Lasten offizieller Institutionen und damit letztlich zu Lasten der Steuerzahler.

Die neue Regierung werde einen härteren Kurs gegenüber Banken einschlagen, was auch die Anleger treffen werde, die in Banken investiert seien, sowohl über Aktien als auch Anleihen.

Entscheidender Taktgeber für den Finanzmarkt bleibt zudem die Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed. Auch hier werden in Kürze neue Weichenstellungen erwartet. Ein Aktienhändler in Frankfurt umschreibt die Einstellung der Investoren so: „Der 22. September ist für die Deutschen ein wichtiger Termin. Aber für den Markt sind die Termine nach dem 22. September genauso wichtig.“