
Die britische Serie „Downton Abbey“ ist ein internationales Phänomen. Vielleicht weil die Geschichte um die adligen Crawleys und ihre Bediensteten eine Seifenoper für den denkenden Menschen ist. Nicolas Wolz hat die Darsteller in London getroffen.
Dass es so kommen musste, war irgendwie klar. Dass es der Franzose sein würde, auch. Dass er sich aber ausgerechnet Daisy, die Küchenmagd, für seine Liebeserklärung aussucht, finden wir dann doch erstaunlich. Immerhin saßen an unserem Tisch gerade auch schon Lady Cora (Elizabeth McGovern), Lady Edith (Laura Carmichael) und Lady Mary (Michelle Dockery), die schöne Frau des Grafen und ihre beiden nicht minder liebreizenden Töchter. „I love you“, platzt es aus dem Franzosen heraus, kaum dass Sophie McShera Platz genommen hat, und für einen kurzen Moment ist unklar, ob er die burschikose britische Schauspielerin meint oder die Rolle, die sie berühmt gemacht hat. Dann schiebt er ein hastiges „I mean, I love your character“ hinterher. McShera stutzt, lacht, bedankt sich für das nette Kompliment und beantwortet eine Viertelstunde lang unsere Fragen mit der gleichen uneitlen Professionalität wie ihre drei Kolleginnen zuvor.
Der Plot wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis
In den Gesprächen dreht sich alles um die neue, vierte Staffel von „Downton Abbey“, jenem britischen Historiendrama, das sich anschickt, einige Rekorde der Fernsehunterhaltung zu brechen. Eingebettet in die Kulisse eines im Renaissancestil umgebauten Landschlosses aus dem 17. Jahrhundert, erzählt es die Geschichte der Adelsfamilie Crawley und ihrer Bediensteten zur Zeit des Ersten Weltkriegs und der beginnenden zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Gut zwei Dutzend Journalisten aus ganz Europa sind an diesem Mittwoch im August ins Londoner Mayfair-Hotel gekommen, um die erste von acht neuen Folgen zu sehen und zu erfahren, wie es weitergeht mit Mary, Edith, Daisy und all den anderen: mit Carson etwa, dem stets leicht indigniert wirkenden Butler, Mrs. Hughes, der ebenso strengen wie gütigen Ersten Hausdame, oder der drallen Köchin Mrs. Patmore. Viel preisgeben darf allerdings auch Sophie McShera nicht – der Plot wird gehütet wie ein Staatsgeheimnis.
Trotzdem kritzeln alle Journalisten so eifrig in ihre Blöcke, als hätten sie gerade erfahren, dass Prinz Harry einen Cameo-Auftritt als Reitlehrer hat. Auch die meisten Journalisten sind, wie sie später in der Pause bei Tee und Scones mit Erdbeermarmelade gestehen, von Anfang an dabei. Sie haben miterlebt, wie Lord Robert (Hugh Bonneville), Graf von Grantham, Oberhaupt der Familie Crawley und Herr über Downton, gleich mehrfach um die Zukunft seines Besitzes und die seiner ältesten Tochter Mary bangen muss. Erst versinkt sein künftiger Schwiegersohn und Erbe an Bord der „Titanic“ im Atlantik, dann droht Robert das Vermögen seiner reichen amerikanischen Frau Cora durch Spekulationsgeschäfte zu verspielen.
Die Darsteller von Downton Abbey im Porträt
Der Mann, der alle Probleme lösen könnte, indem er Mary zur Frau nimmt, ist der versnobten Grafentochter zu sehr Mittelklasse: Matthew (Dan Stevens), ein smarter junger Anwalt aus Manchester. Als Mary schließlich doch noch ihre Zuneigung zu ihm entdeckt, bricht der Krieg aus, und Matthew muss an die Front.
Alles, was upstairs, in den oberen Etagen des Herrenhauses, vor sich geht, wird vom Personal downstairs höchst aufmerksam beobachtet und kommentiert. Die vielköpfige Dienerschar bildet eine Parallelgesellschaft im Keller, die in vielfacher Beziehung zur Welt oben steht, in gewisser Weise auch deren Spiegelbild ist. Wie oben Lord Robert, regiert unten sein Butler Carson. Am Ende der Nahrungskette steht ebenjene Küchenmagd Daisy, die beim französischen Kollegen den Habitus professioneller Bewunderungsresistenz kurzerhand außer Kraft gesetzt hat.
Als unsere Zeit mit Sophie McShera um ist, klingelt ein Glöckchen, jenen nicht unähnlich, die auf Downton den Dienern und Zofen anzeigen, ob sie gerade in einem der Schlafräume oder dem Speisezimmer gebraucht werden. Heute muss Daisy nur zum nächsten Tisch. Zu uns kommen nun Thomas, der intrigante Kammerdiener, und Branson, der Fahrer mit einer Leidenschaft für Marx und Lenin. Rob James-Collier trägt eine Glatze (musste sein, sagt er, für eine andere Rolle), doch Allen Leech sieht exakt so aus wie im Film, nur mit einer lässig über die braunen Stiefel nach oben gekrempelten Diesel-Jeans an Stelle seiner eleganten Uniform. Beide wirken fast ein wenig erstaunt, uns zu sehen, so als hätten sie eben erst begriffen, dass sie tatsächlich in einer der erfolgreichsten Fernsehserien aller Zeiten mitspielen: „It’s absolutely amazing.“
Rekordpremiere der vierten Staffel in Großbritannien
Erstaunlich, in der Tat: In 220 Länder wurde „Downton Abbey“ bis heute verkauft, mehr als 120 Millionen Zuschauer haben die ersten drei Staffeln der für den britischen Sender ITV produzierten Serie gesehen. Selbst in China kennt man mittlerweile die Crawleys.
Und als am 22. September um Punkt 21 Uhr die erste Folge der vierten Staffel über die britischen Bildschirme flimmerte, waren wieder mehr als neun Millionen Zuschauer nur zu gerne bereit sein, die triste Gegenwart eines verregneten Frühherbstes einzutauschen gegen eine Vergangenheit, in der die Frauen Korsett tragen und, sofern sie nicht arbeiten müssen, ihre Zeit mit Teegesellschaften verbringen. Die Männer sind, Ausnahmen bestätigen die Regel, ritterlich und pflichtbewusst – echte Gentlemen, denen die Ehre über alles geht und die, wenn es sein muss, im Krieg als Helden sterben.
So fern und doch so nah
Auch deshalb wohl gelingt es „Downton Abbey“, nicht nur die Briten im Fieber zu synchronisieren: Es beschwört eine Epoche, die uns fern und doch nicht fern ist. Das lange 19. Jahrhundert ist zu Ende, die moderne Zeit beginnt. Es gibt Autos, Steckdosen, Telefone, im Schloss seit neuestem sogar einen Küchenmixer, von Köchin Patmore argwöhnisch beäugt. Wandel und Veränderung sind allgegenwärtig, bleiben aber stets beherrschbar – ganz anders als in der globalisierten Welt von heute, in der viele Menschen das Gefühl haben, allmählich den Überblick zu verlieren.
Daneben ist „Downton Abbey“ aber vor allem eins: perfekte Fernseh-Filmkunst. Kostüme, Kulissen, Maske, alles ist sorgfältig arrangiert und stimmig bis in die Details. Die Dialoge sind massenkompatibel und dennoch originell, bisweilen sogar geistreich. Wie etwa Maggie Smith, die große alte Dame des britischen Films, als scharfzüngige Mutter des Grafen immer wieder dem Zeitgeist zu Leibe rückt, ist schlichtweg brillant.
Gefilmt werden die upstairs-Szenen in Highclere Castle, einem Herrensitz in Hampshire, einhundert Kilometer südwestlich von London, der auch schon Stanley Kubrick als Kulisse für seinen letzten Film „Eyes Wide Shut“ diente. Die downstairs-Einstellungen entstehen in den Londoner Ealing-Studios. Es kann vorkommen, dass ein Diener, der ein Tablett mit Essen aus der Küche die Treppe hinauf in das Speisezimmer der Herrschaften trägt, erst Wochen später dort ankommt. Ein wahrer Horror für das, was die Filmleute „continuity“ nennen. Und eine weitere Herausforderung für Julian Fellowes.
Tu‘, was dir Spaß macht
Der Mann, der „Downton Abbey“ erfunden hat und bis heute alle Drehbücher alleine schreibt, hasst Fehler, seien sie noch so klein. Eine Szene, in der die Dienstboten gemeinsam Tee trinken, musste neu gedreht werden, weil, wie Fellowes hinterher bemerkte, auch einige Wassergläser auf dem Tisch standen. „Sie hätten damals dort kein Wasser gehabt. Das ist eine moderne Angewohnheit“, sagt er.
Fellowes, ein kleiner, unscheinbarer Mann Mitte sechzig mit rundem Bauch und kahlem Schädel, ist das, was die Briten einen late bloomer nennen. Sein Vater, ein Diplomat, gab ihm einst den Ratschlag: „Wenn du schon das Pech hast, in eine Generation hineingeboren zu werden, die sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen muss, solltest du wenigstens etwas tun, das Spaß macht.“ Daran versuchte der Sohn sich zu halten, wenngleich es nicht immer nur amüsant gewesen sein dürfte, sich als mittelbegabter und mittelbekannter Schauspieler in mittelerfolgreichen Filmen und Fernsehserien durchzuschlagen.
Der ganz große Spaß begann für Fellowes erst, als Robert Altman auf ihn aufmerksam wurde. Der amerikanische Regie-Star ließ den Briten das Drehbuch zu seinem Film „Gosford Park“ schreiben. Dafür bekam Fellowes 2002 den Oscar. Da war er 52. Weitere Drehbücher folgten, etwa für „The Tourist“, den zweiten Film des deutschen Oscar-Preisträgers Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp. Dann kam „Downton Abbey“. Inzwischen ist der Mann, der mehr über Könige, Herzöge und Grafen vergessen hat, als Rolf Seelmann-Eggebert je wusste, selbst ein Adeliger. 2011 sorgte Premierminister David Cameron dafür, dass der bekennende Konservative als Baron Fellowes of West Stafford ins Oberhaus kam.
Seriöse Unterhaltung oder sozialromantischer Kitsch?
Das ist kein ganz unwichtiges Detail, denn natürlich hat „Downton“ auch eine politische Seite. Von der linksliberalen britischen Presse ist Fellowes heftig dafür kritisiert worden, ein allzu heiles Bild der britischen Klassengesellschaft zu zeichnen. Zwar müssen auch bei ihm die Dienstboten mitten in der Nacht aufstehen, für die Herrschaften das Feuer im Kamin anzünden, ein opulentes Frühstück zubereiten und die Zeitung bügeln, auf dass der edle Graf sich nicht die Finger mit Druckerschwärze besudele. Doch im Gegenzug lässt Fellowes den fürsorglichen Lord Robert klaglos die Kosten für eine teure Augenoperation seiner Köchin übernehmen. Auch einen Erpresser, der Butler Carson das Leben schwermacht, stellt der Hausherr mit einigen großen Scheinen ruhig. Und wenn, wie es die Tradition will, upstairs und downstairs gemeinsam Weihnachten feiern, werden die Bediensteten für ihre Treue von der Familie mit hübsch verpackten Geschenken belohnt. Ist das nun seriöse Unterhaltung oder sozialromantischer Kitsch?
Fellowes, der davon überzeugt ist, dass die meisten Menschen von Natur aus danach streben, nett und anständig zu sein, weiß, dass er mit seinen Geschichten oft auf einem schmalen Grat wandelt. Seine Kunst, so scheint es, besteht darin, kein moralisches Urteil zu fällen. Gut und böse, schön und hässlich sind bei ihm gerecht verteilt auf beide Welten, es gibt sie oben wie unten. Die vom Schicksal Begünstigten müssen stets beweisen, dass sie ihrer herausgehobenen Stellung würdig sind. Als Carson ein lukrativer neuer Job angeboten wird, lehnt der Butler mit der Begründung ab: „Ich kann nicht für einen Mann arbeiten, den ich nicht respektiere.“ Auf solche Weise entschärft Fellowes den Klassengegensatz, ohne ihn zu verleugnen.
Dass das über weite Strecken unterhaltsamer ist, als sich einen Ken-Loach-Film über einen arbeitslosen Busfahrer anzusehen, wie die „Vanity Fair“ süffisant bemerkte, liegt nicht zuletzt an den grandiosen Darstellern. Sie hauchen den von Fellowes entworfenen Figuren so viel Leben ein, dass manche Zuschauer offensichtlich Mühe haben, Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden: Einige haben zugegeben, für Mary, Matthew und Co. zu beten. Der ungeheure Erfolg der Serie kam für die Schauspieler, von denen viele erst durch „Downton Abbey“ richtig bekannt geworden sind, völlig überraschend. Ihrer Gemeinschaft habe das aber nicht geschadet. „Wir sind wie eine große Familie“, sagt die Produzentin Liz Trubridge, und man findet keinen Grund, ihr nicht zu glauben.
Familienmitglieder müssen sterben
Viel war darüber spekuliert worden, ob „Downton Abbey“ womöglich den Zenit seines Erfolges überschritten habe, als Fellowes (Achtung: Spoiler-Alarm!) im vergangenen Jahr gleich zwei Hauptdarsteller sterben ließ. Nach Lady Sybil, der von Jessica Brown-Findlay gespielten dritten und jüngsten Tochter des Grafen, musste auch Schwiegersohn und Erbe Matthew das Zeitliche segnen. Besonders sein Tod in der letzten Folge der dritten Staffel, die in Großbritannien an Heiligabend 2012 ausgestrahlt wurde, brachte Fellowes viele hasserfüllte Kommentare ein. Unmittelbar nach Ausstrahlung der Sendung setzte in den sozialen Netzwerken im Internet ein Shitstorm ein, aufgebrachte Anrufer beschwerten sich, Fellowes habe ihr Weihnachtsfest ruiniert. Da beide Schauspieler die Show unbedingt verlassen wollten, um mehr Zeit für andere Projekte zu haben, habe er keine andere Wahl gehabt, sagt Fellowes: „Dienstboten finden einfach einen anderen Job oder heiraten, aber Familienmitglieder müssen sterben. Sonst wäre es nicht glaubwürdig.“
In der neuen Staffel soll es erst einmal keine weiteren Todesfälle geben. Stattdessen Gastauftritte von Hollywood-Stars wie Shirley McLaine und Paul Giamatti, auch die neuseeländische Opern-Diva Kiri Te Kanawa ist mit von der Partie. Wann das deutsche Fernsehpublikum die neuen Folgen zu sehen bekommt, steht noch nicht fest. Der Pay-TV-Sender Sky, bei dem „Downton Abbey“ hierzulande läuft, zeigt zurzeit eine Wiederholung der dritten Staffel. Das ZDF, das die Zweitausstrahlungsrechte besitzt, ist bislang nicht über die erste Staffel hinausgekommen. Die gute Nachricht für alle „Downton“-Aficionados: Am 11. November erscheinen die neuen Folgen auf DVD. Und Julian Fellowes schreibt schon an den Drehbüchern für Teil fünf.
