Wirtschaft

Deutschlands wundersame Stromschwemme

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Deutschland produziert so viel Strom, dass es die Überschüsse verscherbeln muss. Wieso wird der Strom dann nicht billiger?

Die ganze Welt schaut auf Deutschlands Energiewende. Hoffentlich lacht sie sich nicht längst ins Fäustchen, die Welt, angesichts der ganzen Sonderheiten, Paradoxien und kleinen Wunder, die dieser monumentale Systemumbau produziert.

Das erste Wunder ist ein positives, dass der Strom nämlich noch immer unverdrossen aus der Steckdose kommt, obwohl Deutschland im Jahr 2011 acht seiner 17 Atomkraftwerke vom Netz genommen hat. Acht Reaktoren, das ist nicht nichts, sondern in anderen Zeiten genügend, um große Teile des Landes zu versorgen. Zwar plante die Bundesregierung beim Ausstieg 2011, konventionelle Kraftwerke und Ökostrom sollten gemeinsam die Lücke füllen. Doch nicht nur Lobbyisten warnten laut vor Stromlücken. Diese düsteren Prophezeiungen werden jeden Tag von der Wirklichkeit widerlegt. Ein großer Blackout wäre längst einmal fällig gewesen. Aber nichts passierte.

Wind und Photovoltaik verderben den Gaskraftwerken das Geschäft

Es kommt noch besser: Deutschland hat nicht zu wenig, sondern häufig viel zu viel Strom. An manchen Tagen, wenn der Wind weht, gleichzeitig die Sonne scheint, während der Verbraucher nur zögerlich konsumiert, weiß das Land nicht, wohin mit seiner Energie. Wind und Sonne liefern viel mehr Strom als kalkuliert. Am 24. März dieses Jahres steuerten Photovoltaik und Wind gegen 14 Uhr ganze 70 Prozent des Stroms bei. Das war zwar eine Ausnahme mit viel Wind an einem klaren Tag, aber die Ausnahmen werden sich häufen mit dem Ausbau der Erneuerbaren.

Das klingt zwar gut, hat aber eine erste Konsequenz, die so nicht geplant war: Wind und Photovoltaik sind so erfolgreich, dass sie inzwischen Gaskraftwerken das Geschäft verderben. Das ist selbst für Freunde des Ökostroms ein bisschen unheimlich, weil sie für die Gaskraftwerke die Rolle als eine Art Libero der Stromversorgung vorgesehen hatten.

Gaskraftwerke haben nämlich zwei große Vorteile: Von den Kraftwerken, die Treibhausgase emittieren, sind sie die am wenigsten dreckigen, und sie können schnell hoch- oder heruntergefahren werden, wenn der Wind auf Grund höheren Ratschlusses gerade mal nicht liefert: Er weht nicht oder so stark, dass die Windräder stillgestellt werden, damit es sie nicht zerreißt. Doch die Rolle als Libero müssen die Gaskraftwerke absagen: Alle großen deutschen Energieversorger hegen nun Schließungspläne.

Großhandelspreise sinken auf ein Niedrigniveau

Die wahre Ursache für die Stromschwemme ist die attraktive Förderung, die den Betreibern Vergütungssätze für den Ökostrom garantiert, für 20 Jahre fest. Damit kann man prima planen und an guten Standorten gutes Geld verdienen. Dazu kommt, dass die Betreiber immer einspeisen dürfen. Und schließlich der wichtigste Punkt: die Netzbetreiber müssen die Ökostrom-Mengen nicht nur einsammeln, sondern über die Strombörsen verkaufen. Die Wucht dieses Marktdesigns sollte man nicht unterschätzen. Denn damit wurde ein System konstruiert, in dem die ziemlich unzuverlässigen Stromlieferanten Wind und Sonne bestimmen, was in der gesamten Energieversorgung gespielt wird. Das war womöglich sogar gewollt. Aber es ist ziemlich verrückt.

Die Folge der Stromschwemme ist zunächst einmal so, wie sie die Jünger der Marktwirtschaft auch erwarten würden. Das hohe Angebot drückt die Preise. Tatsächlich sind die Großhandelspreise ohne Steuern und andere Aufschläge auf ein Niedrigniveau geschrumpft. 2012 betrug der Börsenstrompreis im Jahresmittel traumhaft günstige 4,3 Cent pro Kilowattstunde, was schon unter den Produktionskosten einzelner Kraftwerke liegt. Dieses Jahr setzt sich die seit 2009 währende Talfahrt des Strompreises fort.

Ökostrom an der Börse

Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Zahl der Stunden, in denen der Strom nur zu Niedrigpreisen an den Börsen (zwischen 1 und 0 Cent je Kilowattstunde) verkauft werden konnte, gegenüber dem ersten Halbjahr 2012 fast vervierfacht. Noch verrückter: Die Zahl der Stunden, in denen man jemandem Geld geben musste, damit er das Zeug abnahm, hat um etwa 50 Prozent zugenommen. Das hat ausgerechnet eine Studie für die Bundestagsfraktion der Grünen ermittelt. Die Übersetzung lautet: Der Strom hat immer häufiger einen negativen Preis. Ökonomen würden vermutlich an dieser Stelle sagen, auch solche negativen Preisen sind Marktsignale. Nur bedeuten sie in diesem Fall auch, dass eine komplett sinnentleerte Maschine mit dem einzigen Zweck, den überzähligen Strom der Börse zu verbraten, theoretisch Millionen scheffeln könnte.

Der Ökostrom kommt nun also ungebremst an die Börse, ob es eine Nachfrage gibt oder nicht – und erzeugt oft niedrige Strompreise. Der Preis spielt aber weder für Windradbesitzer noch für Netzbetreiber eine Rolle. Dem Windradbesitzer ist er komplett egal, weil er zu Festpreisen vom Netzbetreiber vergütet wird. Dem Netzbetreiber ist der Preis auch schnuppe, denn er holt sich das Restgeld vom Stromkunden.

Die EEG-Umlage sorgt dafür, dass wir von Börsenpreisen nicht profitieren

Der Stromkunde allerdings könnte eigentlich profitieren. Müsste er nicht die sogenannte EEG-Umlage zahlen, deren Höhe fürs neue Jahr an diesem Dienstag bekanntgegeben wird. Sie dürfte sich bei sechs Cent pro Kilowattstunde Strom einpendeln, worauf noch einmal 19 Prozent Mehrwertsteuer geschlagen werden. Damit liegt die EEG-Umlage deutlich über dem Börsenpreis für Strom selbst. Dass Abgaben auf ein Produkt seinen Nettopreis übersteigen, ist eine Rarität, die sonst nur bei Zigaretten und Treibstoff bekannt war.

Ermittelt wird die Umlage von den Netzbetreibern. Sie summieren die Vergütungen für Ökostrom, die sie an Bauern und andere Unternehmer für ihren Wind-, Sonnen- oder anderen Ökostrom überwiesen haben. Davon ziehen sie die Einnahmen ab, die sie aus dem Verkauf des Ökostroms an der Strombörse erzielen. Heraus kommt die EEG-Umlage pro Kilowattstunde. Die wird über die Stromrechnung eingezogen. Über die Abrechnungstechnik kann man nicht meckern. Nur erscheint das Ergebnis etwas schräg. Ist der Börsenpreis niedrig, leidet der Kunde, weil die Ökostromumlage hoch ist. Ist die Umlage niedrig leidet der Kunde genauso, weil dann der Börsenpreis hoch ist.

Österreich freut sich

Während die Bürger in Deutschland also nicht vom billigen Strom profitieren, dürften die Nachbarn eine gewisse Dankbarkeit verspüren. Und das hat folgende Ursache: Mangels Speichermöglichkeiten muss der produzierte Strom in der gleichen Sekunde verbraucht werden. Sonst knallt es im Netz. Weil sich das deutsche Angebot aber nicht nach der Nachfrage richtet, sondern nach Willkür des Windes und der Sonne und den technisch-physikalischen Grenzen der Kohlekraftwerke, gibt es immer häufiger viel, gelegentlich zu viel Strom. Der Überschuss wird ins Ausland verscherbelt, verschenkt oder mit Aufpreis weggegeben. Damit subventioniert der deutsche Stromkunde die niedrigen Strompreise vor allem in Holland und in Österreich.

Die Alpenrepublik baut rund um die deutschen Niedrigpreise gerade ein wunderbares Geschäftsmodell mit dem Arbeitstitel: Grüne Batterie Europas. Das Land baut seine Pumpspeicherkraftwerke systematisch aus. Sie nehmen den überschüssigen Windstrom aus Norddeutschland – im besten Fall gegen Entgelt, im zweitbesten für lau -, und treiben damit ein Pumpensystem an, das Wasser eines künstlichen Sees von einem niedrigen auf ein hohes Niveau hievt. Zu geeigneter Zeit wird das Wasser wieder heruntergelassen über eine Strom produzierende Turbine. Geeignet ist die Zeit, wenn an der Strombörse hohe Preise dafür erzielt werden können.

Ein Netzproblem der besonderen Art

Wenn es ganz blöd läuft für Deutschland, dann verschenkt es morgens seinen Strom an Österreich, um ihn abends wieder teuer zurückzukaufen. Berechnungen zufolge haben deutsche Haushalte den billigen Strom der Nachbarn im vergangenen Jahr mit bis zu drei Milliarden Euro bezahlt. Allerdings gibt es auch Klagen in Nachbarländern. In Holland werden – ebenso wie hierzulande – mehrere Gaskraftwerke geschlossen, weil sie mit dem heruntersubventionierten Strom aus Deutschland nicht mehr mithalten können.

Damit ist die Belastung des normalen deutschen Bürgers noch nicht allumfassend beschrieben. Er bezahlt ferner für ein besonderes Netzproblem. Voriges Jahr konnten die Netzbetreiber 421 Millionen Kilowattstunden Strom schlicht nicht aufnehmen, weil es sonst zu einem Blackout gekommen wäre. Den größten Anteil am nicht abgenommenen Strom hatten Windkraftwerke. Diese sogenannte Ausfallarbeit hat sich seit 2010 verdreifacht. Sie wird bezahlt, weil man ja den Windrädern nicht vorwerfen kann, dass für ihre Energie gerade einmal keine Leitung frei ist. Die Rechnung übernehmen indirekt die deutschen Verbraucher, im Vorjahr schon rund 33 Millionen Euro.

Sondervergütungen und Ausfallzahlungen

Weitere Zahlungspflichten entstehen bei Windparks im Meer. Der Verbraucher haftet, wenn fertige Windparks nicht ans Netz angebunden werden, weil Leitungen fehlen. Auch einige konventionelle Kraftwerke vor allem südlich der Mainlinie gehen nicht leer aus. Sie bekommen Sondervergütungen dafür, dass sie am Netz bleiben, um einzuspringen, wenn Not am Mann ist. Zusätzliche Kosten entstehen dem Bürger und vielen Firmen durch zahlreiche Ausnahmen, die vor allem große Unternehmen in Anspruch nehmen.

Ein relativ frisches Thema mit Potential zur Kostenproduktion ist die Nachfragesteuerung. Wenn das Angebot sich nicht an die Nachfrage hält, so muss sich die Nachfrage eben nach dem Angebot richten, sprich Aluminiumhütten als Großverbraucher fahren ihre Produktion herunter, wenn der Wind nicht so will, wie er sollte. Klar bekommt die Hütte den Ausfall bezahlt. Das ist ja schon fast Ehrensache und vermutlich unerheblich angesichts einer kumulierten Einspeisevergütung, die der noch amtierende Umweltminister Peter Altmaier auf eine Billion Euro bezifferte. Mit diesem Wissen muss sich kein Bürger über ständig steigende Strompreise wundern.