Die Industrie macht ihren Strom selbst

Published 15/10/2013 in Wirtschaft, Wirtschaftspolitik

Die Industrie macht ihren Strom selbst

Weil der Strompreis weiter steigt, erzeugen Unternehmen wie BMW zunehmend ihren eigenen Strom. Doch das schafft neue Probleme für Verbraucher und Energieversorger. Unter Umständen könnte der Strom für einige teurer werden. 

Hier werden nicht nur Autos produziert, das ist schon aus der Ferne zu sehen: Vier riesige Windräder stehen vor dem BMW-Werk in Leipzig. Ihre Rotorblätter ragen 190 Meter in den sächsischen Himmel. Sie erzeugen den Strom, den BMW für die Herstellung seines neuen Elektroautos i3 benötigt. Die Windräder bringen es auf eine Leistung von zehn Megawatt und sollen mehr als 25 Millionen Kilowattstunden pro Jahr liefern – genug um 8000 Haushalte zu versorgen.

An stürmischen Tagen kann es auch mehr Strom sein, als BMW benötigt. Dann wird der Überschuss in das Leipziger Stadtnetz eingespeist. Für den Autokonzern ist der Ökostrom auch deshalb wichtig, weil er seinen Kunden, die im November den Kleinwagen zu Preisen einer Mittelklasselimousine kaufen sollen, ein Werbeversprechen mitgibt: Der i3 fährt nicht nur weitgehend emissionsfrei, er soll auch in der Produktion CO2-neutral sein.

BMW ist mit seiner Eigenstromerzeugung nicht alleine. Weil Strom – getrieben von der steigenden EEG-Umlage – immer teurer wird, steigt für Unternehmen und Privatverbraucher der Anreiz, ihren Strom mit Photovoltaikanlagen, Blockheizkraftwerken und Windrädern selbst zu produzieren. Dank des im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgeschriebenen Eigenstromprivilegs sparen die Selbstverbraucher die EEG-Umlage, Stromsteuern und bei den Netzentgelte. „Der selbst erzeugte Strom ist dadurch für Haushalte, Dienstleister und viele produzierende Betriebe fast um zwei Drittel günstiger“, hat Georg Erdmann, Professor für Energiesystem an der TU Berlin, errechnet.

Erstaunlicherweise gibt es trotz der wachsenden Bedeutung kaum valide Daten zur Eigenstromerzeugung. Weder die Bundesnetzagentur noch die Energieversorger führen eine entsprechende Statistik. In einem gemeinsamen Monitoringbericht des Wirtschafts- und Umweltministeriums, der sich größtenteils auf Daten des Jahres 2011 bezieht, ist nachzulesen, dass 8,5 Prozent des verbrauchten Stroms selbst erzeugt wurden, was rund 50 Terawattstunden entsprach. Lukrativ ist die Eigenerzeugung von Ökostrom. Nach Angeben der Netzbetreiber gingen im vergangenen Jahr 10 Prozent des mit Photovoltaikanlagen erzeugten Stroms in den Eigenverbrauch. „Wir empfehlen, diese Daten künftig genauer zu erfassen“, sagt Forscher Erdmann, der Mitglied in der von der Bundesregierung eingesetzten Monitoring-Kommission zur Energiewende ist.

Die restlichen Verbraucher müssen mehr zahlen

Dass Unternehmen die Stromerzeugung zunehmend selbst in die Hand nehmen, verdeutlicht eine Befragung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) unter knapp 2400 Betrieben im Juni. 27 Prozent der Industrieunternehmen errichten demnach eine eigene Stromerzeugungsanlage oder haben dies in der Vergangenheit getan. 21 Prozent der Unternehmen plant entsprechende Maßnahmen. Zusammengenommen ist die Eigenstromerzeugung für beinahe jedes zweite Unternehmen von Bedeutung. „Spitzenreiter ist die Solartechnik, gefolgt von fossilen Energieträgersysteme (zumeist in KWK-Anlagen), Biogas und Windkraft“, heißt es in der Auswertung. Nach Ansicht des DIHK schlagen die Betriebe zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie sparen nicht nur Abgaben wie die EEG-Umlage, „sie stabilisieren so einen wichtigen Teil ihres Fixkostenblocks“, fassen die Autoren zusammen.

Doch was sich für die Unternehmen rechnet, schafft an anderer Stelle Probleme. Denn je mehr Verbraucher sich dank des Eigenstromprivilegs aus der Finanzierung der erneuerbaren Energien und der Netzinfrastruktur verabschieden, desto höher werden die Stromrechnungen für die verbleibenden Verbraucher. „Setzt sich der Trend fort, zahlen Mieter und Hartz IV-Empfänger, die Strom nicht selbst produzieren können, am Ende mehr“, sagt Forscher Erdmann. Energieversorger beklagen eine „Entsolidarisierung“.

Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht, prognostiziert Energiefachmann Erdmann, es handle sich um einen „selbstverstärkenden Prozess“. Denn wenn die Netzentgelte und die EEG-Umlage durch die Selbstversorgung steigen, dann wächst wiederum der Anreiz, sich durch eigne Solaranlagen und Windräder von diesen Kosten zu befreien. Verbraucherschützer warnen schon jetzt vor Mehrbelastungen für Haushalte. „Wir fordern, dass im nächsten Jahr eine Reform der Netzentgelte auf den Weg gebracht wird“, sagt Holger Krawinkel, der im Verbraucherzentrale Bundesverband den Bereich Energie leitet. Damit die Kosten für die Netzinfrastruktur gerechter auf alle Stromverbraucher verteilt wird, sollten die Nutzungsentgelte künftig in Form einer „Flatrate“ bezahlt werden. Bislang werden die Netzentgelte zumindest im Niedrigspannungsbereich je bezogener Kilowattstunde berechnet, wovon Eigenversorger profitieren. Krawinkel fordert, dass stattdessen schon für die Netzanbindung zu zahlen ist, also für eine bestimmte Netzleistung, auf die auch Eigenversorger angewiesen sind. „Das wäre zumindest ein erster Schritt“, sagt Krawinkel.

Vor ernsthafte Herausforderungen stellt die Entwicklung die Energieversorger. „Ihnen geht ein Teil ihres Geschäfts verloren“, sagt Forscher Erdmann. Anschaulich wird das in Aalen, der baden-württembergischen Stadt mit rund 66.000 Einwohnern. In der Kommune, in der viele Industriebetriebe angesiedelt sind, betrug der Anteil des Eigenstromverbrauchs nach Angaben der Stadtwerke schon im Jahr 2008 rund 35 Prozent. „In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil auf etwa 50 Prozent gestiegen“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Cordt Müller. Da müsse man sich natürlich überlegen, wie neue Geschäftsmodelle aussehen können. „Eine Lösung besteht für uns darin, für Unternehmen, die sich eine Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) anschaffen, zum Dienstleister zu werden“, sagt Müller.

Weil den Unternehmen die Expertise fehle, übernehmen die Stadtwerke die Aufgabe, die Anlagen zu steuern, zu bilanzieren und den Strom abzurechnen. „So können wir den wegfallenden Stromabsatz kompensieren“, sagt der Geschäftsführer. Bei Photovoltaikanlagen, die deutlich weniger Verwaltungs- und Steuerungsaufwand als KWK-Anlagen verursachen, besteht die Möglichkeit jedoch nicht. Die Netzentgelte haben die Aalener trotz der Entwicklung bislang nicht erhöht. Bei anderen Versorgern, die zuletzt massiv in größere Kraftwerke investiert haben, sind die Probleme größer, sagt Müller. Anders als viele Kollegen ist er dagegen, das Eigenstromprivileg zu kappen: „Grundsätzlich ist es ja im Sinne der Energiewende, wenn Strom dezentral erzeugt wird“.

Für die Geschäfte der Übertragungsnetzbetreiber wie 50 Hertz und Amprion hat die vermehrte Eigenerzeugung bislang nur geringe Auswirkungen. Sie errechnen ihren Finanzbedarf, der von der Bundesnetzagentur geprüft wird, unabhängig davon, wie die Kosten auf die Verbraucher verteilt werden. „Natürlich haben auch wir kein Interesse daran, dass die Strompreise weiter steigen“, sagte ein Amprion-Sprecher, „langfristig gibt es da Reformbedarf.“

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