
Die TransAcoustic-Technik von Yamaha verschmilzt Flügel und Digitalpiano – und kommt dabei ohne Lautsprecher aus. Das Ergebnis klingt beeindruckend.
Pianisten, denen ihr Instrument über alles geht, haben ein Problem: ihre Nachbarn. Czerny-Etüden am frühen Abend? Rachmaninow im Fortissimo nach 22 Uhr? Spätestens bei Letzterem ist es mit dem Frieden im Mietshaus vorbei, und die sonst so schwerhörige Frau aus der Wohnung im zweiten Stock klopft mit dem Besenstiel erbost den Takt mit.
Als Lösung blieb Musikern, die auch abends üben wollen, bislang zweierlei: die Anschaffung eines Digitalpianos als Zweitinstrument, was Puristen kaum befriedigt, weil sie sich ungern an das veränderte Tastaturgefühl und den mitunter synthetischen Klang gewöhnen wollen. Oder aber die Aufrüstung des akustischen Instruments mit der „Silent“-Option. Mit dieser ursprünglich von dem japanischen Unternehmen Yamaha erfundenen und seit langem verbreiteten Technik kann ein Klavier oder ein Flügel durch das Drücken des mittleren Pedals stummgeschaltet werden. Eine Holzleiste verhindert dann, dass die Hämmer die Saiten anschlagen. Über optische Sensoren unter den Tasten wird stattdessen eine integrierte digitale Klangerzeugung angesprochen. Ein Segen für Klavierfans, die so nicht nur still üben, sondern auch einmal Streicher oder ein E-Piano auf ihrer gewohnten Klaviertastatur spielen sowie mehrere Klänge mischen können.
Eher Pragmatismus denn Hingabe
Trotzdem hatte die Silent-Technik bislang einen Haken: Um die digitalen Klänge zu hören, musste ein Kopfhörer benutzt werden. Für das stille Üben von Etüden mag das vertretbar sein, aber was, wenn man sein Klavier nicht ganz stumm schalten, sondern nur auf Zimmerlautstärke spielen will? Dann half nur der Anschluss externer Lautsprecher, was einen erheblichen Verkabelungsaufwand erfordert und im Wohnzimmer unschön aussieht. Auch entfaltet sich der digitale Ton nicht frei im Raum wie der akustische, der vom Resonanzboden des Klaviers erzeugt wird, sondern nur punktuell. Klavier spielen über die Silent-Funktion, das war bisher eher eine Frage des Pragmatismus denn der musikalischen Hingabe.
Doch das könnte sich mit der „TransAcoustic“-Technik gehörig ändern, die Yamaha Anfang des nächsten Jahres auf den Markt bringen will. Sie könnte die Branche elektrisieren wie lange nichts mehr. Sie nutzt im Prinzip die herkömmliche Silent-Technologie – das heißt, ein akustisches Klavier oder ein Flügel kann auf Pedaldruck stummgeschaltet werden, um dann über einen Kopfhörer die digitale Klangerzeugung zu benutzen. So weit, so bekannt. Das Revolutionäre ist: Will man den digitalen Ton doch laut (das heißt auf nachbarschaftskompatibler Zimmerlautstärke) hören, muss man diesen nicht mehr über externe Lautsprecher verstärken, sondern er wird wie der akustische durch den hölzernen Resonanzboden des Instruments erzeugt. Dazu werden die Daten des Klangchips an einen „Transducer“ weitergeleitet. Dieses kleine Kästchen ist unter dem hölzernen Resonanzboden des Instruments befestigt und wandelt die digitalen Informationen in akustische Schwingungen um, die dann an den Resonanzboden weitergegeben werden.
Die Technik klingt beeindruckend
An und für sich ist diese Technik nicht neu – auch andere Hersteller wie der deutsche Klavierbauer Schimmel tüftelten in der Vergangenheit an einem ähnlichen System. „Wir haben die Idee nun konsequent zu Ende gedacht“, sagt Yamaha-Produktmanager Thomas Hoffarth, der regelrecht ins Schwärmen gerät, wenn er von seinem neuesten Angebot spricht. Im Gegensatz zu anderen Systemen, die sich in der Vergangenheit an einer ähnlichen Technik versucht hätten, werde der empfindliche Resonanzboden durch den Transducer so kaum belastet, erklärt Hoffarth.
Doch wie klingt das in der Praxis? Absolut beeindruckend, wie ein Test an einem Prototyp in der Yamaha-Zentrale in Rellingen bei Hamburg zeigt. Schaltet man an dem C3-XTA-Flügel, der bis auf ein kleines, aus den herkömmlichen Silent-Modellen bekanntes Bedienfeld unter dem Spieltisch mit einem normalen Flügel identisch ist, den akustischen Klang aus (nicht mehr mechanisch durch das Niederdrücken des mittleren Pedals, sondern durch eine „Mute“-Taste, welche die Stoppleiste für die Hämmer mit einem kleinen Motor bewegt), wird die digitale Tonerzeugung aktiviert und der Klang kommt aus dem Inneren des Flügels wie bis dahin der akustische Ton. Ohne Lautsprecher, ohne zusätzliche Verkabelung. Lediglich ein Stromkabel führt bei genauerem Hinsehen vom Transducer in die Steckdose.
Ein digitaler Klang, der lebt
Zum ersten Mal erleben wir so einen digitalen Klang, der von einem Resonanzboden erzeugt wird wie bei einem akustischen Instrument, der sich genauso im Raum verbreitet, der den Flügelkorpus genauso erbeben lässt. Sogar die echten Saiten, die im Silent-Modus stummgeschaltet sind, vibrieren mit, als wir erst die digitale Klavier-Variante, danach eine Kirchenorgel und schließlich ein dreckig-verzerrtes E-Piano spielen – und der Mann am Klavier bekommt das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Über einen Drehschalter kann die Lautstärke des Klangs reguliert werden – von kaum hörbar (was alle Pianisten in Mietwohnungen freuen wird) bis zu einer Lautstärke, die der des akustischen Pendants kaum nachsteht.
Noch mehr beeindruckt sind wir allerdings von der Möglichkeit, den akustischen Flügelklang gemeinsam mit der digitalen Klangerzeugung zu spielen. Auch das war schon bei herkömmlichen Silentsystemen möglich, nur kam der Klang jeweils aus verschiedenen Quellen – der akustische aus dem Instrument, der digitale aus externen Lautsprecherboxen. Das machte nicht nur das Abgleichen und Aussteuern schwierig, sondern verhinderte auch ein organisches Spielerlebnis.
Schaltet man bei Trans Acoustic den akustischen Klang ein und aktiviert zugleich die digitale Klangerzeugung (indem die Mute-Taste unangetastet bleibt), werden beide Klänge gleichzeitig vom Resonanzboden erzeugt. Ein akustischer Flügelklang zusammen mit einem Fender Rhodes, und beide erklingen zusammen aus dem Inneren des Flügels – ein Erlebnis, das schlichtweg spektakulär ist. Was auch daran liegt, dass sich die digitale Klangerzeugung durchweg auf sehr hohem Niveau bewegt. Die 19 Klänge entstammen beim Prototyp der neuesten Samplegeneration der SH-Silent-Modelle, die von hoher Güte ist und für den Flügelklang ein binaurales Sample des neuen CFX-Flügels verwenden. Bei dieser Aufnahmetechnik werden Mikrofone in den Ohren eines Dummys plaziert, um eine größtmögliche Räumlichkeit der Aufnahme zu erzielen. Das Ergebnis kann sich absolut hören lassen.
Moderater Aufpreis von rund 1000 Euro
Da Trans Acoustic das Bedienfeld der Silent-Technik nutzt und damit über einen normalen Midi- und Aux-in-Anschluss verfügt, können theoretisch auch externe Klangerzeuger wie Soundmodule, ein Keyboard, ein Laptop oder ein CD-Player angeschlossen werden. Nicht zuletzt für Live-Auftritte erschließen sich so völlig neue Perspektiven: Ergänzt um ein Keyboard oder einen Synthesizer, der auf dem Flügel steht, wird dieser zum Masterkeyboard, auf dem bei Bedarf auch Synthesizer- oder Orgelklänge gespielt werden können – ohne zusätzliche Lautsprecher. Auch im Wohnzimmer macht Trans Acoustic aus einem ehrwürdigen Flügel ein modernes Entertainment-Zentrum, das nicht nur akustische und Digitalpiano-Klänge, sondern prinzipiell auch CDs oder Musik aus dem iPod abspielen kann.
Zur Markteinführung von Trans Acoustic, die voraussichtlich im Februar oder März 2014 erfolgen soll, haben Flügelfans allerdings erst einmal das Nachsehen. Anfangs soll die neue Technik nur in Yamahas U1-Klavier angeboten werden – für einen allerdings sehr moderaten Aufpreis gegenüber der herkömmlichen Silent-Ausstattung von rund 1000 Euro. Nach Angabe von Yamaha stehen die Chancen aber gut, dass die Technik später auch für die Flügelmodelle angeboten wird.
Nun werden Klavierpuristen sagen: Welch eine frevelhafte Entweihung und eine unnütze dazu: Wer will schon ein E-Piano oder Streicherklänge auf einem Flügel spielen, wer gar einen Synthesizer anschließen? Doch wir finden: Wer Trans Acoustic erlebt hat, der wird es lieben. Die Technik hat das Potential, die Bühnen dieser Welt zu revolutionieren, sie verbindet das Beste aus zwei Welten. Und macht einen höllischen Spaß.
