
Backes & Müller und Audiograde zeigen mit ihren Boxen, wie überlegen aktive Technik ist und wie unterschiedlich sie klingen kann. Die Lautsprecher sind höchstes High End – auch im Preis.
Sie sind noch immer die Minderheit, gerade im Highend-Bereich. Doch aktive Lautsprecher haben aufgrund ihrer Technik so viele Vorteile gegenüber passiven Boxen, dass es an der Zeit ist, sie aus der Nische zu holen. Wir hatten in den vergangenen Wochen gleich zweimal die Gelegenheit, höchstes Highend zu hören. Zunächst wurden uns die BM Line 20 in Saarbrücken bei Backes &- Müller, also beim Hersteller selbst, vorgeführt. Die Ardora von Audiograde durften wir ausgiebig bei Highend-Händler Max Schlundt in Berlin hören.
BM Line 20 von Backes &- Müller
Backes &- Müller baut ausschließlich aktive Lautsprecher. Das tun die Saarländer schon seit den siebziger Jahren, ihre Erfahrung ist dementsprechend groß. So setzen Johannes Siegler und sein Team seit vielen Jahren auf Membranregelung. Diese DMC genannte Technik sorgt auch bei der BM Line 20 dafür, dass sich die Membran der Tieftöner immer an der richtigen Stelle befindet. Gerade passive Lautsprecher haben häufig das Problem, dass ihre großen Bassmembranen zu stark nachschwingen, was sich im Klang mit fehlender Exaktheit und somit mangelnder Impulstreue im Tieftonbereich auswirkt. Die beiden 25 Zentimeter großen Kohlefaserchassis der BM Line kennen ihre richtige Position. Eine Sensorspule misst die Membranbewegungen und übergibt die Daten an einen analogen Controller. Der wiederum vergleicht die Daten mit dem ankommenden Musiksignal. Jede Abweichung wird von der Elektronik in Echtzeit korrigiert, so dass die Membran erst gar nicht an der falschen Stelle ankommt. Das Ergebnis der DMC-Technik ist deutlich hörbar. Die BM Line 20 hat wie alle anderen Produkte von Backes &- Müller einen äußerst präzisen und trockenen Bass.
Eine recht neue Technik ist der „virtuelle Koax“. Bei einem koaxialen Prinzip werden alle Schallereignisse an einen Punkt abgestrahlt. Damit kommt man dem natürlichen Schallerzeugnis am nächsten. Nun kann man das bei kleinen Boxen schon dadurch verwirklichen, indem in die Mitte des (Tief-)Mitteltöners der Hochtöner gesetzt wird. Bei großen Standboxen lässt sich diese Bauweise nicht umsetzen, weil die Membranfläche für einen Mitteltöner zu groß würde. Also hat Backes &- Müller zunächst zwei 17 Zentimeter große Mitteltöner untereinander angeordnet und genau dazwischen auf der gleichen Achse eine 37 Millimeter große Kalotte als Hochtöner gepackt. Die Bauweise reicht aber nicht: Um eine echte Punktschallquelle zu erreichen, hilft die Elektronik entsprechend nach. Das ist die eigentliche Kunst bei diesem Koax-Prinzip. Und da wären noch die auffälligen Flanken an den Seiten des Lautsprechergehäuses, die die Chassis teilweise überdecken. Sie sorgen für ein gerichtetes Abstrahlverhalten. Die Schallwellen gehen nicht zu sehr in die Breite und werden dadurch von den Seitenwänden des Raumes weniger reflektiert.
Wer auf dem Sofa bei Backes &- Müller sitzt, fühlt sich wie in der Klangtherapie. So hart hört sich ein Schlagzeug an? Klingen die Gitarren so stählern? Können Stimmen so vielschichtig sein? Ja, denn so klingen Instrumente und Stimmen in Wirklichkeit. Der Sound ist sehr nahe an der Aufnahme, so wie sie der Toningenieur gehört hat. An das kristallklare und äußerst filigrane Klangbild muss man sich gewöhnen. Doch diesen Realismus wird mancher mit der Zeit lieben lernen – und passive Boxen für immer vergessen.
Ardora Active von Audiograde
Das Aachener Unternehmen Audiograde hat seine Ardora zunächst als passiven Lautsprecher entwickelt und verkauft sie seit wenigen Monaten auch als aktives Modell. Sie fällt durch ihre äußere Gestalt auf. Die in der Tiefe wellenartige Form ist kein Design-Element, die geschwungene Form verhindert die störende Verbreitung von Schallwellen im Inneren. Sie lösen sich gewissermaßen auf und werden nicht von gegenüberliegenden Seiten oder Ecken reflektiert. Diese Resonanzreduktion wird aber vor allen Dingen durch das verarbeitete Material erreicht. Das Gehäuse ist der ganze Stolz von Audiogrades Chefentwickler Wolfram Szentiks. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes aus einem Guss und hart wie Beton. Das Zaubermittel heißt Polyurethan, von Audiograde „PolyGrade“ genannt. Das Material hat eine Dichte von fast zwei Tonnen je Kubikmeter, dementsprechend schwer ist ein Lautsprecher. 135 Kilogramm wiegt einer, macht also bei einem Paar Ardora über eine Viertel Tonne Gewicht auf dem heimischen Boden.
Der Effekt ist absolute Resonanzfreiheit. Der Polymerbeton gibt keine Schwingungen weiter, weder nach außen noch nach innen. Aufgrund der Härte des Gehäuses hat sich Szentiks für Chassis aus Keramik entschieden. Wenn man die Ardora genauer betrachtet, fällt auf, dass die Chassis der Mittel- und Hochtöner nicht bündig mit der Gehäusefront abschließen. Sie sind eingebettet in ein „Waveguide-Modul“, das die austretenden Schallwellen sozusagen zur Seite nimmt und sie besser im Raum verteilt. Ebenso wie Backes &- Müller mit seinen abgedeckten Chassis will Audiograde erreichen, dass der „Sweetspot“ erweitert wird, das heißt, der Teil des Raumes, in dem sich die Lautsprecher optimal anhören, wird vergrößert.
Nun wäre die Ardora kein aktiver Highend-Lautsprecher ohne hochwertige Module im Innern. Die Endstufen-Elektronik wurde von Audiograde selbst entwickelt und wird von Hand gefertigt. Das digitale Management-System kontrolliert die Chassis und kann sogar für individuelle Ansprüche programmiert werden. Bei aller Härte der Materialien: Die Ardora klingt überhaupt nicht so, eher natürlich und harmonisch. Der Sound strengt nicht an, man fühlt sich gleich wohl. Sie stellt unsere Hörgewohnheiten nicht in Frage, ihre Stärke ist eine ausgewogene Mischung aus Detailreichtum, Dynamik, Räumlichkeit und Präzision. Im Unterschied zur BM Line 20 geht der Ardora-Hörer kein klangliches Wagnis ein, erlebt aber auch keinen Aha-Effekt. Ob man diesen will, sollte jeder selbst entscheiden.
Nun fehlt noch eine mitunter entscheidende Information, die man aufgrund dieser einzigartigen Erscheinungen aus der Welt der Aktivlautsprecher lieber verschweigen würde: Ein Paar BM Line 20 von Backes &- Müller kostet knapp 30.000 Euro, Audiograde verlangt für zwei Ardora 43.000 Euro.
