
In diesem Jahr waren viele Kleinvögel spät dran. Die erste Brut ging wegen des schlechten Wetters im Frühling oft verloren. Besonders als Neuntöter muss man Glück haben um zu überleben.
Die vier jungen Neuntöter haben Glück gehabt. Die Motorschere hat nur wenige Zentimeter vor ihrem Nest aufgehört, die schützenden Zweige des Dornbuschs zu kürzen. Dann hat der Heckenstutzer gemerkt, dass sich in dem grün belaubten Dickicht etwas rührt. Einer der fast flüggen Jungvögel hat sich emporgereckt, während sich die drei Geschwister flach in das napfartige Nest gedrückt haben. Da konnten die beiden Altvögel in der Nähe noch so laut zetern und hin und her fliegen: Das laute Summen und Rattern der Schere hat alle Warnlaute übertönt.
Und eine vorherige Überprüfung der Hecke unterließ der Gärtner fahrlässig. Immerhin hat der Heckenschneider einige Zweige vor das freigelegte Nest gesteckt und so für eine weitere Tarnung des Brutplatzes gesorgt. Da die jungen Neuntöter wenige Tage später flügge waren, überwanden die Eltern die Störung und setzten die Fütterung fort. Besonders in diesem Jahr waren viele Kleinvögel spät dran. Die erste Brut ging wegen des schlechten Wetters im Frühling oft verloren. Daher haben es mehr Singvögel als sonst erst in fortgeschrittenem Frühling zum zweiten Mal versucht.
Auch auch als Rotrückiger Würger oder Dorndreher bekannt
Nicht wenige Arten brüten ohnehin zweimal, auch wenn sie ihre erste Brut erfolgreich aufgezogen haben. Denn vom Legen des ersten Eis bis zum Ausfliegen der Jungen vergehen in der Regel nur etwa fünf Wochen. Danach wird der Nachwuchs zwar noch etwas länger betreut, doch die Weibchen beginnen schon mit dem zweiten Gelege in einem neuen Nest. Daher tun alle Gartenbesitzer gut daran, ihre Hecken und Büsche erst von Anfang August an zurückzuschneiden, zumindest aber vor einem früheren Beginn mit der entsprechenden Arbeit genau nachzuschauen.
Die in fast ganz Europa bis nach Ostasien verbreiteten Neuntöter, auch als Rotrückige Würger oder Dorndreher sowie unter knapp 150 weiteren Namen bekannt (die Walter Wüst in seinem 1970 erschienenen Buch „Die Brutvögel Mitteleuropas“ zusammengetragen hat), gehören zu den Singvögeln, die aus ihren afrikanischen Winterquartieren in diesem Frühjahr bis zu drei Wochen verspätet zurückgekehrt sind. Zumindest in Norddeutschland und Skandinavien kamen viele erst im Juni statt wie üblich im Mai an.
Und nach der Ankunft hatten sie es wegen Kälte und Regen schwer, genügend Insekten als Nahrung zu finden. So schoben sie den Beginn der Brut oft bis in die zweite Junihälfte oder gar zum Juli-Beginn hinaus. Die Männchen, mit rostbraunem Rücken, leicht rosafarbenem Brust- und Flankengefieder, schwarzweißem Schwanz und einem markanten schwarzen Augenstreif weit auffälliger gefärbt als die Weibchen, kommen einige Tage vor diesen in ihrem Brutrevier an.
Die Ortstreue lässt manches Paar über Jahre zusammenhalten
Dank der Wiederfunde vieler beringter Vögel weiß man, dass Neuntöter sowohl ihren einmal gewählten Brutgebieten als auch ihren Winterquartieren recht treu sind – vorausgesetzt, dass diese während ihrer Abwesenheit durch den Menschen nicht stark verändert werden. Das geschieht immer wieder durch Eingriffe in naturnahe Landschaftselemente. Dornhecken und -büsche mit Brach- oder Grünland in der Umgebung und Streuobstwiesen, die ein gutes Insektenangebot garantieren, sind bei „Lanius collurio“ besonders beliebt. Wo noch das Vieh auf die Sommerweide getrieben wird, siedelt sich ein Neuntöter-Paar gerne an.
Zur Ausschau nach Beute, zu der gelegentlich auch mal junge Singvögel gehören, nutzen sie gerne erhöhte Sitzwarten, von denen sie ihre kurzen Jagdrundflüge unternehmen. Nicht etwa gegenseitige Zuneigung, sondern die Ortstreue lässt manches Paar über Jahre zusammenhalten. Die Männchen stimmen einen zarten Balzgesang an, sobald sich ein Weibchen in der Nähe zeigt. Mit Revierflügen und kleinen Futtergaben versucht es, die künftige Partnerin von der Qualität des Reviers zu überzeugen, auch wenn sie schon ihre Wahl in den Jahren zuvor getroffen hat.
Und da Neuntöter im ersten Lebensjahr geschlechtsreif werden und bei guten Lebens- und Zugbedingungen mindestens neun Jahre alt werden können, ist eine recht lange Bindung eines Paares an eine einmal erwählte Brutheimat möglich. Die Weibchen treffen einige Tage nach den Männchen ein. Sie lassen sich vom Reviermännchen geeignete Nistplätze zeigen, die sich auch in Kronen halbhoher Bäume befinden können. Wo das aus drei Materiallagen bestehende Nest schließlich von beiden Vögeln gebaut wird, bestimmt das Weibchen.
Es sorgt auch alleine für die rund zweiwöchige Bebrütung der vier bis sechs Eier. Nach weiteren zwei Wochen verlassen die Jungen das Nest, werden danach aber weitere zwei bis drei Wochen von beiden Altvögeln noch mit Futter versorgt, um das sie lauthals betteln. Zu ihrem bedrohlich lautenden Familiennamen sind die mehr als 30 Arten der „Würger“ dank einer Verhaltensweise gekommen, die auch Eulen auszeichnet: Die Singvögel mit dem Hakenschnabel würgen unverdauliche Nahrungsreste wie Chitinpanzer von Käfern oder Knochen kleiner Mäuse und Eidechsen wieder aus.
Vom Würger zum Töter oder Mörder („Neunmörder“ lautet ein weiterer Name des Rotrückenwürgers) ist die Spanne nicht weit. Den mit 18 Zentimetern Körperlänge etwa lerchengroßen Vögeln wird nachgesagt, dass sie mitunter erst neun Beutetiere fangen und diese an einer Dornspitze oder Stacheldraht aufspießen, bevor sie sie fressen. Auf diese Weise sorgen sie gelegentlich auch für an der Luft getrocknete Nahrungsvorräte.
Nur jeder dritte junge Neuntöter erreicht sein Winterquartier
In den vergangenen Jahrzehnten wird von den Vogelforschern ein kontinuierlicher Rückgang der Neuntöter in Europa verzeichnet. Schon 1985 hatten der Naturschutzbund Deutschland und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern die Art deshalb zum „Vogel des Jahres“ erklärt. Neben der intensiven großflächigen Landwirtschaft, die der Insektenwelt starke Einbußen gebracht hat und wenig Platz für naturnahe Brut- und Ansitzplätze lässt, sind es auch der Vogelfang mit Leimruten und Netzen sowie der Abschuss in Südeuropa und Nordafrika, welche die Reihen der Neuntöter stark lichten.
Besonders trifft das die Jungvögel auf ihrem ersten Flug ins afrikanische Winterquartier, zu dem die meisten im September aufbrechen. Sie ziehen unabhängig von ihren Eltern nachts über das Mittelmeer und landen vor allem an der ägyptischen Küste in einer Barriere von feinmaschigen Netzen der dortigen Vogelfänger.
Allenfalls jeder dritte junge Neuntöter erreicht sein Winterquartier, das über Zimbabwe bis nach Südafrika reicht. Und höchstens jeder vierte kommt heil nach Europa zurück. Den im südlichen Deutschland selten vorkommenden Rotkopf- und Schwarzstirnwürgern ergeht es nicht besser. Der Raubwürger, mit 25 Zentimetern Körperlänge der größte unter den hiesigen Würgern, zieht zwar nicht nach Afrika. Aber auch ohne das Risiko langer Zugwege steht er auf der Roten Liste der bedrohten Arten.
