
Nach dem Amoklauf in Newton treibt die Waffenpolitik vieler amerikanischer Schulen seltsame Blüten. Zweitklässler, die Cowboy-und-Indianer spielen, werden vom Unterricht ausgeschlossen.
Dass selbst unbedarfte Gesten wie ein ausgestreckter Zeigefinger unter dem nach oben gerichteten Daumen längst kein Kinderspiel mehr sind, musste jetzt ein Elfjähriger im amerikanischen Maryland erleben. Da der Junge während der Busfahrt zur Mill Creek Middle School in Lusby mit seinen Fingern einen Revolver nachahmte, durfte er wegen eines Verstoßes gegen das Waffenverbot der Schule einen Tag nicht am Unterricht teilnehmen. Noch mehr Empörung rief bei Carin Read, der Mutter des Sechstklässlers, aber ein Eintrag in die Schülerakte hervor, der den Jungen bis zum Ende der Schulzeit mit einem vermeintlichen Waffenvergehen in Verbindung bringt.
„Er hat niemanden bedroht und ist schon genug bestraft worden“, schimpfte Read. Wie die „Washington Post“ meldete, verweigert die Schulleitung aber die Löschung des Eintrags. Vor den Sommerferien war in Lusby schon ein Vorschüler für zehn Tage vom Unterricht ausgeschlossen worden, da er in seinem Rucksack eine Spielzeugpistole mitbrachte. Nach Protesten der Eltern beschränkte die Schulverwaltung in Calvert County, etwa 60 Kilometer südlich von Washington, die Strafe immerhin auf drei Tage. Zudem wurde der Vermerk aus der Schülerakte des Fünfjährigen gestrichen.
Eine Pausenbrot, das an eine Pistole erinnert
Nach dem Amoklauf in Newtown in Connecticut, wo ein Zwanzigjähriger im vergangenen Dezember an der Sandy-Hook-Grundschule 20 Kinder und sechs Erwachsene erschoss, treibt die verschärfte „weapons policy“ vieler amerikanischer Schulen bizarre Blüten. Im Schulbezirk Prince William in Virginia wurde im Februar ein Zweitklässler vom Unterricht ausgeschlossen, nachdem er auf dem Schulflur mit einem Freund Cowboy und Indianer gespielt hatte. Die Begründung „Drohung gegen andere oder sich selbst“ fiel in dieselbe Kategorie wie das Mitbringen einer echten Waffe in die Schule.
Vier Wochen später knabberte ein Siebenjähriger im Schulbezirk Anne Arundel in Maryland so lange an seinem mit Erdbeermarmelade beschmierten Pausenbrot, bis es an eine Pistole erinnerte. Als der Zweitklässler das Brot mit dem Ausruf „Peng peng!“ gegen die Decke richtete, wurde er wegen der Bedrohung seiner Mitschüler verwarnt. Im Fall der 13 Jahre alten Angelina Branham blieb es nicht bei einer Verwarnung.
Die Schülerin der Ola Middle School in der Kleinstadt McDonough verbrachte in der vergangenen Woche zwei Tage in einem Jugendgefängnis des Bundesstaates Georgia, nachdem sie ihrer Lehrerin unaufgefordert zwei antike Brieföffner in Messerform übergeben hatte, die sie versehentlich zu Hause in den Rucksack gepackt hatte.
Unterrichtsverbot wegen einer Angelzeitschrift
Die Gegner strikterer Waffengesetze wie die Organisation „Guns Save Life“ im Bundesstaat Illinois verweisen angesichts der Auswüchse an Schulen immer wieder auf die „Hysterie“ vieler Amerikaner, die sich von strengeren Regelungen mehr Sicherheit versprechen. Der Schulbezirk Calvert, wo auch Reads Sohn mit der Waffengeste für einen Eklat sorgte, fällt ungewöhnlich häufig durch harsche Strafen auf.
Zu den mindestens zwölf Schülern, die dort in den vergangenen Monaten wegen vermeintlicher Waffenvergehen auffielen, zählt unter anderen ein Jugendlicher, der während einer Freistunde in einer Angelzeitschrift las. Da die Anzeige auf der Rückseite des Magazins ein Angelmesser zeigte, erhielt auch er ein Unterrichtsverbot. „Es gab eine Reihe von Zwischenfällen, die gezeigt haben, dass die aktuellen Vorschriften und Regeln nicht angemessen sind. Ich schlage vor, dass wir den gesunden Menschenverstand walten lassen“, ließ Joe Chenelly, ein Vertreter der Schulbehörde in Calvert County, jetzt wissen.
Unter anderem sollten die Schulleiter der 23 öffentlichen Schulen des Bezirks künftig abwägen, ob die angeblichen Störenfriede überhaupt böse Absichten hegten. Zudem schlug Chenelly vor, die geistige Reife des Einzelnen zu berücksichtigen. Auf der Konferenz der Schulbehörde am 10. Oktober steht eine entsprechende Neufassung der umstrittenen Waffenvorschrift 1515 auf der Tagesordnung.
Die Schulverwaltung im etwa 120 Kilometer entfernten Baltimore hat die „zero tolerance“-Regelung nach Elternbeschwerden bereits abgeschafft. Anstelle eines Verweises werden Schüler und Eltern künftig zu einem Gespräch eingeladen. Auch eine Spielzeugwaffe im Rucksack wird nicht länger grundsätzlich mit dem Ausschluss vom Unterricht bestraft.
