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Mode, Maße und das 6. Hemd

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In Deutschland leben 50.000 Menschen mit Trisomie 21. Bisher gibt es kaum Kleidung, die zu ihrem Körperbau passt. Zwei Münchner Designer wollen das ändern.

Es ist Veronika Rehms erstes Fotoshooting. Ihr Körper verrät ihre Unsicherheit, die Muskeln sind angespannt, der Blick flattert nervös durch den Raum. Zögernd tritt sie vor die Kamera, hinter ihr die weiße Leinwand. „Stell dich einfach ganz entspannt hin“, sagt der Fotograf. Er drückt ein paarmal auf den Auslöser, Rehm grinst verlegen. Dann, ganz plötzlich, vergisst sie ihre Nervosität. Sie lacht, wirft die Arme nach oben, dreht den Kopf zur Seite, schaut mal ernst, mal verführerisch. Der Fotograf ist begeistert, feuert sie an, lobt sie, Rehm macht immer weiter, ihre Augen strahlen. Im Hintergrund läuft „Girls Just Want to Have Fun“ von Cyndi Lauper.

Es könnte eine Szene aus einer Model-Sendung sein. Fast. Das Shooting findet nicht in einem Studio statt, sondern im Betreuungszentrum Steinhöring, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung. Veronika Rehm hat Trisomie 21, auch bekannt als Downsyndrom. Sie ist eines von fünf Modellen, die für „Hemdless“ fotografiert werden. Das ist die erste Hemdenkollektion, die speziell für Menschen mit Trisomie 21 entworfen wurde. Zwei junge Münchner Designer, Lisa Polk und Christian Schinnerl, haben sie entwickelt. Der Name – hemdlos, ohne Hemd – spielt auf den Mangel an Kleidung für Menschen mit Downsyndrom an. Denn bisher finden sie kaum passende Kleidung.

Wenn die Kleidung von der Stange nicht passt

Kleidergrößen sind genormt. Wer nicht der Norm entspricht, hat Pech gehabt. „Der Körperbau von Menschen mit Downsyndrom ist leicht anders, der Hals ist meist breiter und kürzer, auch die Arme sind kürzer, der Rumpf im Verhältnis dazu lang und breit“, erklärt Jürgen Rossmann, der Leiter des Betreuungszentrums Steinhöring. Die Kleider müssen oft umgeschneidert werden, das ist umständlich und teuer. Etwa 50 000 Menschen mit Trisomie 21 leben in Deutschland. 50 000, denen die Kleidung von der Stange nicht passt und für die es noch keine Alternative gibt. Bis jetzt.

In der Modeindustrie ist für Normabweichungen wenig Platz, Kleidung für Menschen mit Behinderung ist ein Nischenthema. Die meisten Kleidungsstücke, die unter dem Label Mode für Behinderte laufen, sind vor allem praktisch: Gummizug, weite Schnitte, leicht waschbare Stoffe. Modische Aspekte spielen kaum eine Rolle. „Die Kleidung ist einfach scheußlich“, bringt Rossmann es auf den Punkt. „Die will kein Mensch tragen, mit oder ohne Behinderung.“ Auch Mode ist eine Form der gesellschaftlichen Teilhabe, und Menschen mit Trisomie 21 wollen davon nicht ausgeschlossen werden. „Natürlich sehen sie fern und folgen Modetrends wie jeder andere auch“, sagt Rossmann.

Kleidung, die gut aussieht und passt

Kleidung, die gut aussieht und passt – genau das wollen Lisa Polk und Christian Schinnerl mit Hemdless. Die beiden haben sich vor ein paar Jahren auf der Meisterschule für Mode in München kennengelernt. Polk, 29, ist freischaffende Designerin und arbeitet beim Label K1X in München. Schinnerl, 23, studiert BWL in Berlin, um auch die wirtschaftliche Seite der Modebranche zu verstehen. Die Idee zu Hemdless entsteht auf einer Autofahrt zu einer Modenschau in Antwerpen. Schinnerl erzählt Polk von seinem Onkel, der Trisomie 21 hat und dem es schwerfällt, passende Kleidung zu finden. Die wundert sich, dass es keine Mode für Menschen mit Trisomie 21 gibt. „Wenn es Chris’ Onkel so geht, dann doch bestimmt vielen anderen auch“, sagt sie.

Aus der Verwunderung wird eine Idee, aus der Idee eine Kollektion. „Wir wollten etwas komplett Neues machen, ein sinnvolles und soziales Projekt jenseits der gängigen Modeklischees und Schönheitsvorstellungen“, sagt Schinnerl. Polk ergänzt: „Etwas, von dem wir glauben, dass es wirklich gebraucht wird.“ Wie Schinnerl hatte auch Polk bereits Erfahrung mit Menschen mit Trisomie 21, denn ihre Mutter arbeitete lange Zeit im Betreuungszentrum Steinhöring. Über sie kam dann auch der Kontakt zustande. Die eigene Erfahrung war wichtig, glaubt Schinnerl. „Sonst wären wir wahrscheinlich gar nicht erst auf die Idee gekommen oder hätten Berührungsängste gehabt.“

Weiter Kragen, breiter Rumpf, kurze Ärmel

Die ersten Hemden der Hemdless-Kollektion sind maßgeschneidert für fünf Bewohner des Betreuungszentrums Steinhöring. Fünf Hemden, das war gerade noch zu stemmen für Polk und Schinnerl, die alles im Eigenbetrieb und auf eigene Kosten entwickelt haben. Ein weiter Kragen, ein breiterer Rumpf, kürzere Ärmel – das sind die Besonderheiten der Hemden. Außerdem sind die Knöpfe größer und die Knopflöcher sitzen leicht schräg. „Dann bekommt man die Knöpfe besser zu, die Feinmotorik ist nicht ganz so ausgeprägt“, erklärt Schinnerl. Vor allem aber sehen die Hemden gut aus. Veronika Rehm ist begeistert von ihrem kanariengelben Hemd, sie trägt es, sooft sie kann. „Es passt wirklich sehr gut“, sagt sie.

Für ihre Homepage haben Polk und Schinnerl schlichte Porträtfotos gewählt. Sie wissen, dass die Verbindung von Menschen mit Behinderung und Mode immer noch Unbehagen auslösen kann, der Vorwurf der Effekthascherei ist schnell gemacht. „Das ist bei uns aber kein Werbegag, wir wollen echte Teilhabe. Natürlich soll es Mode für Menschen mit Behinderung geben, und natürlich soll man sie auch fotografieren und zeigen“, sagt Polk.

Gibt es Durchschnittsgrößen bei Trisomie 21?

Dass es wenig Mode für Menschen mit Behinderung gibt, hat auch wirtschaftliche Gründe. Viele Behinderungen sind so individuell, dass sich eine Kollektion schlicht nicht lohnt. Nur für wenige lässt sich Kleidung serienmäßig produzieren. So wie für Rollstuhlfahrer: Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind ganz oder teilweise auf einen Rollstuhl angewiesen. Hier gibt es einige etablierte Anbieter wie Rolli-Moden oder Rollitext. Und es gibt inzwischen auch einige junge Designer, die modisch ausgefallenere Kleidung für Menschen im Rollstuhl entwerfen, zum Beispiel Christina Wolf aus Berlin und Vivien Schlüter aus Oldenburg.

Polk und Schinnerl würden gerne auch für Menschen mit Trisomie 21 Kleidung serienmäßig produzieren. Die 50 000 Menschen mit Downsyndrom, die in Deutschland leben, bilden zwar einen sehr kleinen Markt, aber es ist ein Markt. Jetzt suchen die Designer einen Investor, der sie beim Entwickeln einer Konfektion unterstützt. Im Gegensatz zur ersten Hemdless-Kollektion würde die Konfektion nicht maßgeschneidert, es wären Kleider von der Stange. Das hieße auch, dass die Größen genormt sind – nur dass es eben eine andere, neue Norm ist. Aber geht das überhaupt, Durchschnittsgrößen für Menschen mit Trisomie 21?

Mode, die sich der Vielfalt anpasst

Schon vor einigen Jahren hat das Downsyndrom-Info-Center begonnen, Körpermaße von Menschen mit Trisomie 21 zu ermitteln. In seiner Mitgliederzeitschrift rief es dazu auf, Maßtabellen auszufüllen und einzusenden. Immerhin etwa 500 Antwortbögen gingen ein – dann verlief sich die Aktion. „Wir hatten nicht genug Mitarbeiter für eine Auswertung. Und wir sind vor allem keine Modeexperten“, sagt Elzbieta Szczebak vom Info-Center. „Aber wenn die beiden Designer das jetzt aufgreifen, würde uns das sehr freuen.“ Sie wird Polk und Schinnerl die ausgefüllten Fragebögen zur Verfügung stellen.

So gut sie die Idee findet, einen Vorbehalt hat Szczebak gegen eine Kollektion speziell für Menschen mit Trisomie 21. „Wenn sie dann alle die gleichen Hemden und Pullis tragen, das könnte auch wieder ausgrenzen“, sagt sie. „Das ist ja dann fast wie eine Uniform.“ Ein Dilemma, das sich schwer lösen lässt. „Erst einmal ist es wichtig, dass jeder Kleidung findet, die ihm passt“, sagt Polk. „Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Mode in Kurz- oder Übergrößen und Mode für Menschen mit Trisomie 21. Die Mode muss sich der Vielfalt anpassen, nicht umgekehrt.“

Doch Polk und Schinnerl wollen mit ihrer Mode auch eine Brücke schlagen zwischen Menschen mit und ohne Trisomie 21. Deswegen haben sie das „6. Hemd“ entworfen, ein Hemd, das allen passen soll- inklusives Design nennt sich das. Durch Tunnelzüge lassen sich Arm- und Rumpflänge verstellen. Auch die Kragenweite kann geändert werden. Noch existiert das „6. Hemd“ nur als Prototyp, aber vielleicht wird man es ja bald kaufen können.